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Kulturk(r)ampf um die Berlinale: Der Fall Tuttle und die Uneinsichtigen

(Noch-)Berlinale-Intendantin Tricia Tuttle bei der Abschlussfeier des Filmfestivals
(Noch-)Berlinale-Intendantin Tricia Tuttle bei der Abschlussfeier des Filmfestivals (© Imago Images / APress)

Wer Aufarbeitung zu Zensur umdeutet, betreibt eine perfide Täter-Opfer-Umkehr. Der Skandal der Berlinale liegt nicht im Durchgreifen der Politik, sondern im Antisemitismus der Kulturszene. Dabei wird vergessen, dass ein jüdischer Amerikaner das Festival initiiert hat.

Fortsetzung folgt, könnte man sagen mit Blick auf die Verkettung der hausgemachten Krisen, von denen die Internationalen Filmfestspiele Berlin heimgesucht werden. Jede neue Auflage des Festivals wird zu einem Sequel der Skandale.

Wer sich seit dem 7. Oktober 2023 mit der Berlinale befasst, muss sich auf eine Dramaturgie aus Cliffhangern einstellen. Das Drehbuch ist das Protokoll eines systematischen Versagens, bei dem die Grenze zwischen filmischem Diskurs und einem krampfhaft artikulierten Dogma eingerissen wurde. Denn das drittgrößte Filmfestival der Welt hat seine künstlerische Unschuld verloren und liefert stattdessen eine Endlosschleife aus politischer Selbstinszenierung und institutioneller Überforderung.

Noch vor einer Woche saß Triscia Tuttle scheinbar fest im Regiestuhl als Intendantin der Berlinale. Die Atmosphäre wirkte fast schon geläutert. Jurypräsident Wim Wenders hatte gerade einen vernunftbasierten Vorstoß gewagt. Sein Appell war kurz, aber deutlich: Das Festival solle sich endlich wieder auf die Filmkunst statt auf die Tagespolitik konzentrieren. Das Plädoyer beinhaltete einen Befreiungsschlag für die Berlinale, die seit zwei Jahren massiv in den Sog der »Free Palestine«-Bewegung geraten war. Mit der von antiisraelischen Stimmungsmache geprägten 74. Berlinale hatte das Festival 2024 seinen vorläufigen Tiefpunkt erreicht.

Rückblende und Rechenschaft

Die Amerikanerin Tuttle, die unmittelbar nach dem Fiasko die Leitung der Berlinale übernahm, betrat ein politisches Minenfeld. Ihr Erbe war eine Institution, in der nahezu jegliche Entscheidung bereits von den ideologischen Grabenkämpfen zum Thema Gazastreifen vergiftet war.

Die 1970 in North Carolina geborene Dozentin und Filmschaffende war fünf Jahre lang für die British Academy of Film and Television Arts (BAFTA) tätig gewesen. In Berlin löste sie die Doppelspitze aus Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek ab. Zunächst vermittelte Tuttle den Eindruck, einen moderaten Kurs steuern zu wollen. Die 75. Berlinale 2025 ging insgesamt zwar ohne Skandale über die Bühne, wurde aber zu einem Festival der verpassten Gelegenheiten. Anstatt klare Abgrenzung vom Hass auf Juden zu zeigen, flüchtete sich die Leitung in vage Statements über »Dialoge« und »Vielfalt«.

Allerdings blieb der Einfluss der radikalen Netzwerke hinter den Kulissen ungebrochen. Das erkennt man heute an der geheuchelten Empörung linker Medienoutlets und Kulturschaffender über Wenders’ diesjährigen Ansatz. Als Tuttle ihm daraufhin öffentlich sekundierte, hagelte es umso lautere Kritik aus den Echokammern von Bollywood, Hollywood und Pallywood. Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy brach ihre angekündigte Reise nach Berlin ab. Schauspieler wie Tilda Swinton und Javier Bardem, beide seit Jahren fiebrige Verfechter der Boykott-Kampagne BDS gegen den jüdischen Staat, zählten zu den inzwischen über hundert Unterzeichnern eines offenen Briefs an die Berlinale. In dem Schreiben warfen sie dem Festival »institutionelles Schweigen« zum Krieg im Gazastreifen vor.

Kulturstaatsminister Wolfram Weimer gab Tuttle Rückendeckung. Denn die Berlinale sei keine politische NGO. Doch die Intendantin hielt ihren Kurs nur bis zur Zielgeraden durch. Auf der Abschlussgala fiel die Maske der Mäßigung endgültig, als Abdallah Alkhatib für das beste Spielfilmdebüt (Chronicles From The Siege) ausgezeichnet wurde. Der syrisch-palästinensische Regisseur, ein in Deutschland wohnender Assad-Flüchtling, nahm den mit 50.000 Euro dotierten Preis entgegen und warf der Bundesrepublik Deutschland den Fehdehandschuh hin. Der Vorwurf: Beihilfe zum Völkermord im Gazastreifen. Während die Palästinenserflagge geschwenkt wurde, stieß Alkhatib die unverhohlene Drohung aus, man werde sich an jeden erinnern, der »gegen uns war«.

Armutszeugnis mit Multi-Millionen-Etat

Wütend verließ Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) den Kinosaal. Allerspätestens dann hätte Tricia Tuttle eingreifen müssen. Anstatt dessen ließ sie sich mit dem Kufiya tragenden Preisgewinner vor den Augen der Welt fotografieren. Tuttles Versagen lässt ihren Regiestuhl allem Anschein nach zum Schleudersitz werden.

Gewieft nutzten »israelkritische« Akteure die institutionelle Schwäche der gerade noch amtierenden Intendantin aus. Die Frustration innerhalb der pro-palästinensischen Community nach der militärischen Niederlage der Hamas brodelte und suchte sich ein Ventil im Kulturbetrieb. Dieses Ventil hat sie in der mit 12,8 Millionen Euro vom Bund bezuschussten Berlinale gefunden, die sie in ein permanentes Dauerreferendum gegen den jüdischen Staat umfunktionierte. Das Armutszeugnis ist das bittere Ergebnis einer Intendanz, die dem aktivistischen Druck nichts entgegenzusetzen hatte.

Um Gerechtigkeit geht es der Bewegung nicht, sondern um Geltungsdrang. Obwohl Alkhatib bei der Preisauszeichnung behauptete, gegen Unterdrückung weltweit zu kämpfen, hat er weder die von Islamisten massakrierten Christen in Nigeria noch die von den Mullahs abgeschlachteten Menschen im Iran mit auch nur einer Silbe erwähnt. Von den Gräueltaten der Hamas ganz zu schweigen.

Es ist schlicht unerträglich, dass die Berlinale eine fast schon zwanghafte Verpflichtung verspürt, Filme über die Verharmlosung oder Verherrlichung der Intifada medienträchtig mit Preisen zu adeln. Damit wird der Terror gegen Juden auf offener Bühne zur preiswürdigen Kunst verklärt.

Dieses Festival, das 1951 auf Initiative des jüdischen US-Offiziers Oscar Martay im Westsektor Berlins als Schaufenster der Freiheit und Bollwerk gegen den Totalitarismus gegründet wurde, verdient ein besseres Schicksal als diesen moralischen Offenbarungseid. Wer das Erbe Martays derart verrät und die Sicherheit jüdischer Kulturschaffender dem Gebrüll der Straße opfert, hat den moralischen Anspruch auf eine führende Rolle in der internationalen Filmwelt endgültig verwirkt.

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