Latest News

»Die Kampagne ›Kufiyas in Buchenwald‹ instrumentalisiert die Gedenkstätte für aktuelle politische Narrative«

Alexander Tsyterer im Mena-Watch-Interview über die propalästinensische Kampagne »Kufiyahs in Buchenwald«
Alexander Tsyterer im Mena-Watch-Interview über die propalästinensische Kampagne »Kufiyahs in Buchenwald« (© privat)

Am Wochenende des 11. und 12. April 2026, rund um den Gedenktag der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald, planen pro-palästinensische Gruppen unter dem Motto »Kufiyahs in Buchenwald« Demonstrationen an der NS-Gedenkstätte Buchenwald. Im Gespräch mit Elisa Mercier bewertet Alexander Tsyterer, Gründer der Organisation Jüdische Allianz Mitteldeutschland die Kampagne und ihre Ziele.

Elisa Mercier (EM):Was ist die Jüdische Allianz Mitteldeutschland für eine Organisation? Könnten Sie sie näher beschreiben?

Alexander Tsyterer (AT): Die Jüdische Allianz Mitteldeutschland wurde kurz nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 gegründet. Geplant war die Gründung schon vorher, aber die Attacke war ein Katalysator, der den Prozess beschleunigt hat. Hintergrund war, dass jüdisches Leben in Ostdeutschland erst etwa 36 Jahre nach der Wende wieder existiert. Viele Mitglieder der Gemeinden stammen aus der ehemaligen Sowjetunion, so auch meine Familie, deren Wurzeln in der Ukraine, in Russland, Belarus, Moldawien und Rumänien liegen. Viele Mitglieder der jüdischen Gemeinden sind älter, Strukturen für junge Erwachsene zwischen 18 und 35 Jahren gab es zur Zeit unserer Gründung kaum.

Die Allianz will diese Lücke füllen und junges jüdisches Leben stärken. Ein Ziel der Allianz ist Advocacy: Wir vertreten jüdische Studierende und junge Berufstätige gegenüber Universitäten und Öffentlichkeit und weisen auf antisemitische Entwicklungen hin.

In Ostdeutschland fehlt es oft an Antisemitismusprävention. Wir wollen auch zeigen, dass es junges jüdisches Leben in Ostdeutschland gibt und es geschützt werden muss. In der jüdischen Community existiert teils das Narrativ, Ostdeutschland sei politisch so extrem, dass dort kein aktives jüdisches Leben möglich sei. Seit zweieinhalb Jahren versuchen wir mit Organisationen wie Hillel Deutschland, Tamar oder Bnei Akiva, diesem Bild entgegenzuwirken, etwa durch Bildungsarbeit und Veranstaltungen. Anfangs waren wir nur eine Handvoll Menschen, heute sind wir zu einer starken, selbstbewussten Community zusammengewachsen.

Politische Instrumentalisierung

EM: Die Jüdische Allianz Mitteldeutschland hat die Stellungnahme: Zur Kampagne »Kufiyas in Buchenwald« unterzeichnet, wie zahlreiche Organisationen. Was bedeutet es, wenn politische Symbole mit einem historischen Ort wie Buchenwald verbunden werden?

AT: Die Kufiya steht nicht primär für Solidarität mit Palästinensern, sondern ist in der Tat politisch stark aufgeladen. Historisch wurde sie durch Jassir Arafat bekannt, der die palästinensische Identität politisch geprägt hat, aber auch Narrative verbreitete, die antisemitische Elemente enthielten. Die Kufiya ist also kein neutrales Symbol. Zudem wird sie oft bei Demonstrationen getragen, bei denen der 7. Oktober relativiert wird oder Sympathien für die Hamas geäußert werden. Die Hamas bestreitet das Existenzrecht Israels und steht für extreme antisemitische Positionen.

Wenn ein solches Symbol an einem Ort wie dem ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald gezeigt wird, entsteht eine problematische Symbolik. Historisch gab es Verbindungen zwischen antisemitischen Ideologien im Nahen Osten und dem Großmufti von Jerusalem, der während des Zweiten Weltkriegs Kontakte zum NS-Regime hatte und auch Buchenwald besuchte. Daher sehe ich in dieser Symbolik die Gefahr einer Relativierung des Holocaust und einer Instrumentalisierung eines Gedenkortes für aktuelle politische Narrative.

Natürlich ist Leid in jedem Krieg tragisch, zivile Opfer sind immer zu beklagen. Problematisch wird es jedoch, wenn ein vereinfachtes Schwarz-Weiß-Narrativ entsteht, in dem Israel ausschließlich als Täter und Palästinenser ausschließlich als Opfer dargestellt werden.

EM: Wo verläuft Ihrer Meinung nach die Grenze zwischen legitimer Kritik an israelischer Politik und Antisemitismus?

AT: Wir orientieren uns an der 3D-Regel: Delegitimierung, Dämonisierung, Doppelstandards, in Kombination mit der Arbeitsdefinition von Antisemitismus der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA). Legitime Kritik kann sich beispielsweise auf konkrete politische Entscheidungen der israelischen Regierung beziehen, auf ethische Debatten über mögliche Gesetzesänderungen oder die Todesstrafe für Terroristen. Solche Fragen können sachlich und juristisch diskutiert werden, welche Kriterien gelten und wo die Grenze gezogen wird etc.

Problematisch wird es, wenn Israel pauschal delegitimiert oder mit extremen Vorwürfen belegt wird, etwa pauschalen Genozid-Vergleichen, ohne die konkrete Situation zu betrachten. Häufig wird dabei nicht zwischen israelischer Politik, Israelis sowie Jüdinnen und Juden unterschieden. Israel entstand historisch auch vor dem Hintergrund der Verfolgung von Jüdinnen und Juden, insbesondere im Holocaust. Diskussionen über das Existenzrecht Israels oder politische Maßnahmen müssen deshalb differenziert geführt werden. Kritik ist legitim, solange sie nicht das Selbstbestimmungsrecht Israels infrage stellt oder antisemitische Narrative reproduziert.

EM: Die Stellungnahme kritisiert, dass die Organisatoren der Kampagne den 7. Oktober relativieren; manche beteiligten Organisationen hießen den Angriff sogar gut. Warum sehen einige ihn nicht in seiner Schrecklichkeit?

AT: Ich habe selbst Diskussionen erlebt, etwa im Umfeld politischer Veranstaltungen, in denen der 7. Oktober verharmlost wurde, beispielsweise mit der Aussage, Palästinenser würden jeden Tag einen »7. Oktober« erleben. Teils wurden sogar gut dokumentierte Berichte über Gewalt an Israelis angezweifelt.

Häufig stehen nicht konkrete Situationen im Fokus von Debatten, sondern die Person oder ideologische Positionen. Obwohl in anderen Kontexten oft ein Vertrauensvorschuss gegenüber Opfern gefordert wird, entfällt dies bei israelischen Opfern. Manche Gruppen wollen vor allem ihre ideologischen Positionen bestätigt sehen. Die Anerkennung von Gewalt gegen israelische Zivilisten würde Verantwortung erfordern und könnte bestehende politische Narrative infrage stellen. In solchen Diskussionen geht es oft weniger um Fakten als um ideologische Zugehörigkeit.

Besonders irritierend fand ich ein Gespräch mit einer jungen Frau auf dem Bundesparteitag der Partei Die Linke in Chemnitz 2025. Sie ist in pro-palästinensischen Gruppierungen aktiv, die teils Verbindungen zur Organisation Handala haben. Sie erhält wie ich ein Stipendium. Ich bin Stipendiat der Konrad-Adenauer-Stiftung, sie der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Da frage ich mich, welche Positionen mit öffentlichen Mitteln gefördert werden. Staatliche Förderung soll demokratische Pluralität ermöglichen, es stellt sich aber die Frage nach den Grenzen dessen. In der Praxis wird unterschiedlich streng geprüft, welche politischen Positionen akzeptabel sind. Aus meiner Sicht muss man sowohl bei rechtsextremen als auch bei linksextremen Strukturen kritisch hinschauen. Extremistische Positionen stellen die Grundlagen der Demokratie infrage.

Zivilcourage gefordert

EM: Kommen wir zum Wochenende des 11. und 12. April 2026. Die Stadt Weimar hat ein Demonstrationsverbot an der Gedenkstätte Buchenwald erlassen. Zu erwarten sind jedoch Demonstrationen in der Stadt. Wie könnte die Situation dort aussehen?

AT: In den sozialen Medien hat das Thema erhebliche Aufmerksamkeit bekommen, auch in Zeitungen wurde viel berichtet. In der öffentlichen Wahrnehmung haben wir diese Debatte kommunikativ eher verloren und befinden uns in einer defensiven Position. Viele Influencer unterstützen die Kampagne »Kufiyas in Buchenwald«. Ich erwarte eine Art David-gegen-Goliath-Situation mit vielen anreisenden Demonstrierenden. Gleichzeitig besteht die Möglichkeit, dass es – wie bei einer Demonstration am 17. Januar in Leipzig-Connewitz, an der ich teilgenommen habe – gelingt, Gegenproteste zu mobilisieren, die zahlenmäßig stark sind. In Leipzig wurde deutlich gezeigt, dass es auch zivilgesellschaftlichen Widerstand gegen antisemitische Positionen gibt.

Wir müssen realistisch sehen, dass die jüdische Community in Thüringen sehr klein ist. Landesweit sind wir nur etwa 750 Mitglieder, viele davon ältere Menschen. Von ihnen erwarten wir keine politische Mobilisierung. Viele Junge haben Angst, bei Reisen mit öffentlichen Verkehrsmitteln etwa.

Trotzdem hoffen wir auf Unterstützung aus der Zivilgesellschaft. Die Polizei wird vermutlich stark präsent sein, ebenso Politiker verschiedener Parteien. Politische Vertreter wie Bodo Ramelow oder Katharina König-Preuss werden womöglich vor Ort sein, sie haben sich in der Vergangenheit klar positioniert. Auch die Jüdische Studierendenunion Deutschlands, kurz die JSUD, wird an der Demo teilnehmen. Es wird interessant sein zu beobachten, welche Parteien sich beteiligen. Wichtig ist, dass wir nicht leise danebenstehen werden.

EM: Denken Sie, dass ausreichend Nichtjuden für jüdisches Leben und gegen solche Kampagnen demonstrieren?

AT: Unterstützung durch Nichtjuden ist sehr wichtig. Organisationen wie die Deutsch-Israelische Gesellschaft (DIG) engagieren sich stark für die Beziehungen zwischen Deutschland und Israel und sind keine rein jüdischen Organisationen. Dort sind viele Nichtjuden aktiv, darunter auch Politiker. Wünschenswert wäre, dass sich noch mehr Menschen eigenständig engagieren, ohne dass es immer organisatorische Strukturen braucht. Bei der Demonstration im Januar in Connewitz waren viele Teilnehmende nicht organisiert, sondern einfach Anwohner, die sich klar positionieren wollten. Mehr Zivilcourage ist immer wünschenswert.

EM: Die Debatte zeigt, wie stark Erinnerungskultur aktuell politisiert wird. Wie sollten Gedenkstätten mit politischen Konflikten umgehen?

AT: Eine Gedenkstätte sollte in erster Linie ein Bildungsort sein, kein Ort politischer Aushandlungen. Orte wie Buchenwald erinnern nicht nur an die Ermordung von Juden, sondern auch von Sinti und Roma sowie politischen Gefangenen. Wenn Gedenkstätten selbst politische Positionen einnehmen, besteht die Gefahr, dass sie als parteiisch wahrgenommen werden und ihre Bildungsfunktion verlieren. Die Aufgabe sollte darin bestehen, historische Zusammenhänge sachlich darzustellen und Raum für Diskussion zu ermöglichen, ohne selbst politischer Akteur zu werden. Politische Auseinandersetzungen gehören in Parlamente oder in die Öffentlichkeit, nicht in die Institution selbst.

Gleichzeitig können historische Bezüge genutzt werden, um aktuelle Diskussionen einzuordnen. Beispielsweise kann die Rolle des Großmuftis von Jerusalem im Nationalsozialismus historisch dargestellt werden, ebenso die Entwicklung politischer Symbolik. Auf dieser Grundlage können Bildungsformate oder Podiumsdiskussionen entstehen, die unterschiedliche Perspektiven berücksichtigen. Wichtig ist, dass Geschichte verständlich vermittelt wird, damit gesellschaftliche Entwicklungen kritisch reflektiert werden können. Historische Beispiele zeigen, wie politische Narrative entstehen und instrumentalisiert werden können. Ähnliche Bildungsansätze lassen sich auch auf andere historische Themen übertragen, etwa auf Debatten zu Euthanasie-Verbrechen in ehemaligen NS-Tötungsanstalten.

Bleiben Sie informiert!
Mit unserem wöchentlichen Newsletter erhalten Sie alle aktuellen Analysen und Kommentare unserer Experten und Autoren.

Zeigen Sie bitte Ihre Wertschätzung. Spenden Sie jetzt mit Bank oder Kreditkarte oder direkt über Ihren PayPal Account. 

Mehr zu den Themen

Das könnte Sie auch interessieren

Wir reden Tachles!

Abonnieren Sie unseren Newsletter und erhalten Sie alle aktuellen Analysen und Kommentare unserer Experten und Autoren!

Nur einmal wöchentlich. Versprochen!