Das Fluxus+-Museum in Potsdam zeigte ein Bild von Anne Frank mit Kufiya. Der Staatsanwaltschaft liegen inzwischen Gutachten vor, welche die Darstellung als Holocaustrelativierung und als antisemitische Instrumentalisierung eines der bekanntesten jüdischen Opfer bewerten.
Auf den ersten Blick wirkt der Fall wie eine jener kulturpolitischen Auseinandersetzungen, in denen sich die Fronten schnell sortieren: Die eine Seite argumentiert mit Kunstfreiheit, die andere übt Kritik, weil Kunst missbraucht wird, um antisemitische Inhalte zu propagieren. Doch wenn es um die Anne-Frank-mit-Kufiya-Darstellung des Künstlers Costantino Ciervo geht, greift diese Gegenüberstellung zu kurz. Denn das Bild operiert mit einer Figur, die sich nicht ohne Weiteres in gegenwärtige politische Konstellationen überführen lässt.
Anne Frank ist keine frei verfügbare Person. Sie steht symbolisch für die Opfer der Vernichtung der europäischen Juden, ihr Name ist zur Chiffre für den Zivilisationsbruch der Shoah geworden. Diese doppelte Bedeutung – historisch konkret und zugleich symbolisch verdichtet – setzt enge Grenzen für jede Form der künstlerischen Aneignung. Wer Anne Frank in einen aktuellen politischen Kontext überführt, verschiebt notwendig den Referenzrahmen, weg von der historischen Singularität der Shoah, hin zu einer vergleichenden Lesart. Genau an diesem Punkt beginnt die Kritik an dem Werk.
Das Museum und der Künstler weisen diese Kritik zurück und berufen sich auf eine universalistische, pazifistische Intention. Das Werk, so die kuratorische Lesart, sei eine Einladung zur Reflexion über die »Paradoxien des Nahostkonflikts«.
Auch die Staatsanwaltschaft argumentiert zunächst zurückhaltend und rekonstruiert die mögliche Deutung im Sinne einer allgemeinen Vergleichsfigur. Das Bildnis Anne Franks werde offenbar herangezogen, um eine Verbindung zwischen unterschiedlichen Formen von Gewalterfahrung herzustellen, insbesondere zwischen den Verbrechen des Nationalsozialismus und dem Leid der palästinensischen Zivilbevölkerung im Gazastreifen. Die nationalsozialistischen Verbrechen würden dabei nicht bestritten, sondern dienten als Maßstab, um das dargestellte Leid zu veranschaulichen.
Shoah kein austauschbares Beispiel
Gerade diese Form des Vergleichs steht im Zentrum der Kritik der vorliegenden Gutachten, u. a. des Simon-Wiesenthal-Centers (SWC) in Los Angeles. Es verschiebt die Perspektive konsequent weg von der behaupteten Intention hin zur Wirkung und zur semantischen Struktur des Bildes. Seit einem Beschluss des Bundesgerichtshofs vom 4. Februar 2025 gilt, dass Holocaust-Verharmlosung auch dann gegeben sein kann, wenn Vergleiche mit anderen Gewalttaten gezogen werden und die Shoah bloß als austauschbares Referenzobjekt verwendet wird. Genau das ist hier der Fall.
Diese Deutung und Kritik an dem Werk gewinnt zusätzliches Gewicht durch die Selbstpositionierungen des Künstlers und die kuratorische Rahmung. Der Ausstellungstext spricht von einem »Paradox der Ähnlichkeit«, also von einer strukturellen Vergleichbarkeit unterschiedlicher Gewalterfahrungen. In Interviews wird dem Werk eine »politisch klare Aussage« zugeschrieben, die über eine bloße Reflexionsanregung hinausgeht.
Zugleich verbindet der Ciervo seine Darstellung mit einer grundsätzlichen Kritik am Zionismus, den er als koloniales Projekt versteht. In sozialen Medien plädiert er für eine politische Ordnung im gesamten ehemaligen Mandatsgebiet Palästina, die nicht den Namen Israel trägt. Damit wird, unabhängig von rhetorischen Abschwächungen, auf die Auflösung Israels als jüdischer Staat abgezielt. Das SWC-Gutachten hält entsprechend fest, dass diese Positionierung »über die Kritik an israelischer Politik weit hinaus« geht.
Diffamierung von Kritikern
Antisemitische Bildstrukturen entstehen nicht erst dort, wo explizite Feindbilder formuliert werden, sondern auch in der Art und Weise, wie historische Symbole in neue Kontexte eingebettet werden. Die Reaktion des Künstlers verstärkt diese Problematik. Er weist die Kritik als »Schmutzkampagne« zurück und bezeichnet seine Kritiker als Vertreter »zionistischer Lobbygruppen«. Diese Begrifflichkeit gehört selbst zum Repertoire des israelbezogenen Antisemitismus. Sie verschiebt die Auseinandersetzung von der inhaltlichen Ebene auf die Delegitimierung der Kritiker, indem sie ihnen verdeckte Interessen unterstellt. Kritik erscheint so nicht mehr als legitimer Teil eines öffentlichen Diskurses, sondern wird als Ausdruck einer vermeintlich illegitimen Einflussnahme diffamiert. Auf diese Weise wird eine Diskussion nicht geführt, sondern abgewehrt.
Es ist bedenklich, wie vertraut diese Dynamik im Kulturbetrieb inzwischen geworden ist. Seit dem 7. Oktober häufen sich Fälle, in denen zentrale Bezugspunkte der Shoah in aktuelle politische Konflikte übersetzt werden – und die Kritik daran reflexhaft zurückgewiesen wird. An die Stelle einer inhaltlichen Auseinandersetzung tritt eine Verteidigungshaltung, die sich auf die Kunstfreiheit beruft, ohne die historische und gegenwärtige Bedeutung der Shoah ernsthaft zu reflektieren. Und während provokative künstlerische Setzungen als notwendiger Bestandteil kultureller Debatten verteidigt werden, geraten diejenigen, die auf problematische Bedeutungsverschiebungen hinweisen, schnell in die Defensive.
Die Fragen, die sich aus diesem Fall ergeben, gehen weit über den Streit darüber hinaus, was Kunst dürfe. Sie betrifft die historischen Referenzen, die Kunst mobilisiert, die politischen Bedeutungen, die sie erzeugt, und letztlich auch, wessen Einwände im Kulturbetrieb Gehör finden – und welche systematisch relativiert werden. Denn vor dem Hintergrund eines stetig zunehmenden Antisemitismus weltweit sollten sich die Augen kaum noch verschließen lassen.






