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Umfassender Krieg durch die Hisbollah kaum wahrscheinlich

Trotz Solidaritätsbekundungen mit Iran, wird die Hisbollah es wohl nicht zum Krieg mit Israel kommen lassen
Trotz Solidaritätsbekundungen mit Iran, wird die Hisbollah es wohl nicht zum Krieg mit Israel kommen lassen (© Imago Images / ZUMA Press)

Selbst nach dem schweren Schlag gegen den Iran und trotz ihrer aggressiven Rhetorik ist das derzeitige Handeln der Hisbollah von der Logik des Überlebens bestimmt.

Die libanesische Hisbollah ist nicht neutral und war es auch nie. Sie ist ein organischer Bestandteil der iranischen Achse, sowohl ideologisch als auch militärisch von Teheran abhängig, und sieht sich selbst als zentrale Säule in der Abschreckungsarchitektur gegen Israel. Die eigentliche Frage ist daher nicht, ob sich die schiitische Terrororganisation mit dem Iran identifiziert, sondern ob sie aktuell bereit ist, die Kosten eines umfassenden Kriegs zur Unterstützung der Islamischen Republik zu tragen.

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt deutet alles darauf hin, dass dies nicht der Fall ist. Selbst nach Beginn der gemeinsamen Luftkampagne der USA und Israels gegen den Iran und der gezielten Tötung des iranischen Machthabers Ali Khamenei wird die Hisbollah eher auf maßvolle Zurückhaltung, kontrollierte Drohungen und höchstens begrenzte Reaktionen, die allerdings sehr wahrscheinlich sind, setzen, als eine breite Front zu eröffnen.

Mehrere Gründe

Ein Grund dafür liegt in der Lage der Organisation selbst. Israel hat der Hisbollah im Krieg von 2024 einen schwerwiegenden Schlag versetzt, indem es ihren Anführer Hassan Nasrallah getötet, Tausende von Aktivisten eliminiert und wesentliche Teile ihrer militärischen Infrastruktur zerstört hat. Auch nach dem Waffenstillstand haben die israelischen Angriffe auf die Terrorinfrastruktur im Libanon weiter angehalten. Berichten zufolge führt die Hisbollah seit einiger Zeit eine tiefgreifende interne strategische Überprüfung ihrer Rolle, ihrer Waffen und ihrer Zukunft durch. Schon im Juli 2025 beschrieben Medien die internen Diskussionen mit dem Hinweis, dass die Stärke der Organisation »zu einer Schwäche geworden« sei. Dieser Satz fasst die Kerndynamik zusammen: Die Hisbollah bleibt gefährlich, agiert aber nicht mehr mit einem Gefühl der Immunität.

Auf der Führungsebene kommt der aktuelle Generalsekretär Naim Qassem nicht an seinen Vorgänger Hassan Nasrallah heran. Viele im Libanon attestieren in ihm einen Mangel an Charisma und öffentlicher Autorität. Nasrallah hatte die Fähigkeit, jede Konfrontation in einen mobilisierenden Moment zu verwandeln: Er vereinte die schiitische Bevölkerung, stellte Opfer als Mission dar und hielt das Vertrauen auch unter anhaltendem Beschuss aufrecht. Qassem hingegen ist ein erfahrener Apparatschik, eine langjährige Organisationsfigur, aber kein Führer mit vergleichbarer Anziehungskraft. Für eine Bewegung, die möglicherweise erneut rechtfertigen muss, den Libanon in einen verheerenden Konflikt zu ziehen, ist dies nicht nur ein stilistischer Mangel, sondern eine strategische Belastung.

Die Hisbollah wird auch nicht nur an Israel gemessen. Sie muss sich auch an der Gesellschaft messen lassen, von der sie getragen wird. Der Südlibanon, der Beiruter Vorort Dahiyeh und die schiitische Gemeinschaft im Allgemeinen erholen sich immer noch von den aufeinanderfolgenden Kampfrunden mit Israel. Viele Anhänger haben wegen ihrer zerstörten Häuser und der nur teilweise erfolgten Entschädigung mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten und einem langsamen – wenn nicht gar zum Stillstand gekommenen – Wiederaufbau zu kämpfen. Auch wenn die schiitische Basis die Hisbollah nicht im Stich lässt, erwartet sie von der Organisation, dass sie die Kosten sorgfältig abwägt.

Gleichzeitig warnte der libanesische Premierminister Nawaf Salam in einer von der Zeitung Nidaa al-Watan zitierten Äußerung vor einem »weiteren Abenteuer«, das den Libanon einen verheerenden Preis kosten könnte. Die Bedeutung dieser Aussage liegt nicht nur in ihrem Inhalt, sondern auch in der Tatsache, dass sie über eine libanesische Medienplattform verbreitet wurde, was unterstreicht, dass diese Debatte nicht nur lokaler, sondern auch inner- und gesamtstaatlicher Natur ist.

Diffizile Gemengelage

An dieser Stelle muss das Verhältnis zwischen den Verpflichtungen der Hisbollah gegenüber dem Iran und ihren libanesisch-schiitischen Interessen verstanden werden. Das richtige Argument ist weder, dass die Hisbollah konsequent den Iran vor den Libanon stellt, noch umgekehrt den Libanon vor den Iran. Die entscheidende Variable ist die Überschneidung beider Bereiche. Wenn die Interessen Teherans und die organisatorischen Interessen der Hisbollah übereinstimmen, handelt die Bewegung entschlossen. Der Bürgerkrieg in Syrien ist das deutlichste Beispiel dafür.

Die Intervention der Hisbollah stärkte die regionale Position des Irans, diente aber auch direkt den strategischen Zielen der Terrorgruppe selbst, indem sie Versorgungswege, Landkorridore und die strategische Tiefe sicherte, von denen ihre Macht im Libanon abhängt. Analysten der Carnegie Endowment for International Peace haben dies klar zum Ausdruck gebracht: Die Hisbollah intervenierte in Syrien, um ihr eigenes Überleben zu sichern, indem sie ihre militärischen Versorgungslinien verteidigte. Syrien war also kein Fall, in dem die libanesischen Interessen allein zum Vorteil des Irans geopfert wurden, sondern ein Fall, in dem die Agenda des Irans und die institutionellen Interessen der Hisbollah übereinstimmten.

Die gegenwärtige Situation unterscheidet sich davon insofern, als diese Überschneidung nur teilweise besteht. Der Iran könnte eine Eskalation oder zumindest militärische Schritte von seinen Stellvertretern, insbesondere von der Hisbollah, anstreben, um Israels Luftangriffe zu kontern, den Druck auf Teheran zu verringern und Israels Heimatfront und Kriegsanstrengungen zu belasten. In diesem Sinne bleibt die Hisbollah der Achse treu. Allerdings ist sie deutlich vorsichtiger geworden, da die unmittelbaren Kosten in erster Linie von ihrem eigenen schiitischen Kernland getragen werden müssten.

Darüber hinaus zeigt sich auch im libanesischen System insgesamt eine Tendenz gegen eine Eskalation. Der libanesische Staat und die Armee arbeiten daran, das Waffen- und Gewaltmonopol des Staates im Süden zu stärken, und die offizielle Botschaft aus Beirut wird immer eindeutiger: Die Interessen des Libanons stehen an erster Stelle.

Und auch das regionale Umfeld hat sich verändert. Der Iran beschränkt seine Angriffe nicht auf Israel, sondern feuert auch Raketen auf die sunnitischen Golfstaaten ab, was die Wahrnehmung der vom Iran als destabilisierende Kraft verstärkt. Das bedeutet nicht, dass sich die arabischen Regierungen offen mit den Vereinigten Staaten und Israel verbünden werden, aber es erhöht die Wahrscheinlichkeit einer kritischen Berichterstattung in führenden arabischen Medien wie Al Jazeera aus Katar, MBC aus Saudi-Arabien und Al Arabiya aus den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Die plausibelste Einschätzung ist daher, dass die Hisbollah weiterhin mit Drohungen operieren, aber mit Vorsicht handeln wird. Nicht weil sie ihre Ressourcen vollständig verloren hat, sondern weil sie die Grenzen ihrer Macht sieht und versteht. Nicht weil sie sich vom Iran distanziert hat, sondern weil sie erkennt, dass diesmal vor allem der Südlibanon, ihre schiitische Basis und ihr eigenes organisatorisches Überleben den Preis dafür zahlen würden.

Im Nahen Osten ist militante Rhetorik nicht immer ein Vorbote von Krieg. Manchmal ist sie das deutlichste Anzeichen dafür, dass der Akteur, der dahintersteht, nach einem Weg sucht, genau einen solchen zu vermeiden.

Der Text erschien auf Englisch zuerst beim Jewish News Syndicate. (Übersetzung von Alexander Gruber.)

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