Mit ihrem hochenergetischen Rap »Dounana« (»Ohne uns«) leisten Siba & Monkyman ihren Beitrag dazu, Antisemitismus ebenso tanzbar wie zum ultrahippen Ausweis progressiven Bewusstseins zu machen.
Richard Schuberth
Schreib alles, was dich kränkt, auf eine Qassam-Rakete und schick sie doch einfach nach Israel, würde ich haraldjuhnkemäßig zu Klavierbegleitung säuseln. Aber – gib’s auf, Boomer! – hätte das nicht die erforderliche Energie, mit der man heutzutage Halluzinationen zu einer politischen Vision bündeln muss und über welche die exilsyrische Berlinerin Siba Alkhiami ohne Zweifel verfügt.
Sie und ihr schwäbisch-indigener Ally Felix Spitta aka Monkyman haben den Song »Dounana« bereits im Sommer 2024 produziert. Der Zeitpunkt war ungünstig, denn die mediale Aufmerksamkeitskurve nach einem Jahr Gazakrieg im Talsturz. Erst jetzt geht der Song richtig viral (und mit ihm ein Virus, den seine spreader noch immer nicht wahrhaben wollen). Auf Instagram lässt er erneut das Adrenalin stolzer Wut aufwallen. Und auch ich kann mich dem rhythmisierten Triggern meines erschlafften Sinns für Weltgerechtigkeit schwer entziehen und würde am liebsten alles kurz und kleinschlagen, was Siba und ihren Studienjahrgang je gedemütigt hat, aber weil sie mit ihrem dekolonialen Zorn ja auch mich alten weißen Macker meinen könnte, ist mir dann doch lieber, wenn Israel an meiner statt die Abreibung bekommt.
Ich könnte meine spontane Begeisterung für diesen super tanzbaren Pogromaufruf jedenfalls nicht besser formulieren als Genosse »@tfrofciydntafc« aus den YouTube-Kommentaren: »Absolute Banger«! Nicht weniger enthusiastisch, aber gewählter weiß sich auf Facebook Ex-Titanic-Chefredakteur und Europa-Abgeordneter Martin Sonneborn dieser migrantischen Girlpower anzubiedern: »… wenn die Kinder und Kindeskinder der über Generationen kolonisierten und brutalisierten Welt sich eine Hymne wählen könnten, dann wäre es vielleicht diese … Ob das Unisono-Rappen aus tausenden unzureichend dekolonialisierten Kunststudent:innenkehlen die Welt nicht noch mehr brutalisiert, hat sich Meister Sonneborn nicht überlegt, ebenso wenig wie, wer im Song da wen auslöschen, demütigen, schlachten, bestehlen und der Lüge bezichtigen will.
Kein einziges Mal erwähnt Siba die »zionistische Entität«, aber …:
»Eradicate our roots / Demolish our homes / Criminalise our existence / Falsify our origins / Separate our loved ones / And slaughter our children / Take our blood for granted / And demonise our revolutionaries (…) Steal our knowledge / Keep our people oblivious / And torture our spirits / And denounce us our rights / Colonise our countries / And appoint our rulers / Appropriate our goods / And burn down our trees / But who would you be without us? / Bomb our roofs / Make us out as liars / And watch our pains / And belittle our agony / Ignore our tears / And close our eyes / Mutilate our faces / And deny our feelings / Destroy our dreams / Objectify our bodies / And darken our skies / And kill our peace / We will keep standing still / And our love stands in us / But who would you be without us …«
Wer ist der Angeklagte dieser als höhnisch-verzweifelter Imperativ getarnten Anklage? Baschar al-Assad? Erdoğan? Die Hisbollah und der Iran? Putin leicht gar? Und für wen erhebt sie Klage? Ein Kandidat fällt schon mal gewiss aus: all die Angehörigen der Opfer des 7. Oktober, denen in Anbetracht des Ziels von Hamas und Hisbollah, nämlich auch sie zu töten, das Lied aus der Seele schreien könnte. Doch zieht es vor, in deren Seelen zu schreien. Und kleiner Tipp: Bei den demonised revolutionaries handelt es sich weder um Che noch Lumumba noch um die tapferen Kurdinnen.
Wie bei einem stereoskopischen Gruselbild verwandelt sich der Täter je nach Blickwinkel von Israel in den weißen kolonialen Westen und wieder zurück. Die palästinensische Perspektive zerrinnt hier folgerichtig mit einer – zumal unverschämt unverschleierten – arabischen und schließlich mit der des gesamten farbigen Südens. Was Israel Gaza antut und weiße Kritiker schlechter migrantischer Kunst antun, erscheint somit als ein globaler Zusammenhang: die palästinensische Sache als Symbol aller südlichen, die israelische aller westlichen Interessen.
Da ein von der materiellen Ebene karenziertes Bewusstsein allein das Symbolische als real wahrnehmen kann, lässt sich die weiße Erbschuld nur tilgen und die Einladung zu den Partys toller migrantischer Rapperinnen nur ergattern, wenn man in einem gemeinsamen Befreiungsakt dieses Minikarzinom zwischen Jaffa und Jordan endlich rauszwickt, inschallah. Das in etwa ist der aktuelle Stand einer Linken, die, weil sie den Sozialismus entsorgte, auch den der »dummen Kerls« gegen einen Postkolonialismus der dummen Kerls eingetauscht hat.
Reenacted anger
Die Softwareentwicklerin Siba Alkhiami hatte ihren Informatik-Bachelor an der Goethe-Universität Frankfurt mit einer »Implementation of the nominal matching algorithm with recursive bindings and environment variables« erworben. Wie von einem Algorithmus entworfen wirkt »Dounana«, es liefert nicht nur die perfekte Verdichtung des gesamten dekolonialen Widerstandskatalogs, sondern erspart einem auch die mühselige Dechiffrierung seiner antisemitischen Implikationen, denn diese brauchen sich längst nicht mehr zu chiffrieren.
Dabei zeigt sich Antisemitismus hier mitnichten in berechtigter Wut über israelische Aggression, sondern in der Ausblendung der klerikalterroristischen Akteure sowie der Gleichsetzung einer wie auch immer kritikwürdigen Politik Israels mit der Erzählung weltweiter weißer Suprematie.
In einer einzigen Einstellung folgt die Kamera Siba, die im Half Close-up den Zusehern ihren Zorn ins Gesicht rappt, während Statisten zunächst richtungslos das Bild durchschreiten, ehe sie sich zu einer kritischen Masse hinter der Sängerin formieren. Jede islamistische, ja islamische Referenz wird vermieden, Alkhiami selbst trägt einen Schal, der sich aber am Hinterkopf gegen alle Gesetze der Schwerkraft zu der imaginären Grenze hochbauscht, wo der Hidschab anfängt und Jin Jiyan Azadî aufhört. Ohne Fixierung würde der Saum verrutschen, er bleibt mit kalkulierter Absicht an seinem Platz. Kopftuch-Power und Widerstand gegen Kopftuchzwang werden im Haar der Informatikerin durch nur eine Spange zusammengehalten.
Die Komparsen dieser dekolonialen WG-Aufstellung gleichen weder nur irgend gearteten Verdammten dieser Erde noch dürften sie als Märtyrer der »dämonisierten Revolutionäre« in Frage kommen. Eher sehen sie so aus, als hätte Ronja von Rönne noch eine halbe Stunde zuvor zum Homestory-Interview mit ihnen in der Badewanne gesessen. Multikulturelle Berliner Jugend orientalischer, afrikanischer und ostasiatischer Herkunft (samt ein paar schwäbischen Privilegienverzichter:innen) in softer Mittelstands-Konfektion will hier den Globalen Süden mimen, den kolonial geschändeten Kollektivkörper, dessen feelings denied, dessen agony belittled und dessen roofs in herrschaftsepistemischer Sippenhaftung folglich auch bombed werden. Die Kufiya-Träger im Video sind bewusst mit intellektuell wirkenden Typen besetzt.
Falscher Antiimperialismus mit Tradition
Hier sehen wir die dekoloniale Kohärenzkettenreaktion in voller Pracht, deren Dummheit nicht von ihrer Perfidie ablenken und allein der identitätspolitischen Fantasiewelt in die Schuhe geschoben werden darf: Der ideologische Trick sowohl des arabischen Nationalismus als auch des Neo-Islamismus, das Schicksal der Palästinenser:innen metonymisch als Unterdrückung aller Araber:innen oder Muslime zu setzen, war bereits von den antiimperialistischen Linken, die sich unter Aufgabe ihrer marxistischen Grundierung immer freuten, wenn die Subalternen zärtlich zueinander waren, willfährig übernommen worden.
Und sie hätten die Palästinenser nicht zu den Alphawölfen des antikolonialen Weltwiderstands auserkoren, wenn nicht romantische Impulse und Symbolkultur die Klassenanalyse geopolitischer Interessen überrumpelt hätten. Weder wären sie sonst dem Nasserismus noch dem Nationalismus der PLO noch der klerikalen Revolution im Iran auf den Leim gegangen. Und wie ihnen schon Jean Améry 1969 konzedierte: Niemand hätte von ihnen verlangt, den israelischen Nationalismus gutzuheißen. Sie waren die Wegbereiter des postkolonialen Realitätsverlusts, der die nostalgische Verklärung des materialistischen Antiimperialismus gegenüber postmoderner Identitätspolitik Lügen straft. So wie sie ihren revolutionären Subjekten die Feder des Winnetou ins Haar steckten, trug ihr Kapitalismus schon damals wieder die Züge des amerikanisch-jüdischen Molochs. Dass sich die Palästinenser im kollektiven linken Bewusstsein so unwidersprochen zu hereditären Gewerkschaftsführern der Dritten Welt aufschwingen konnten, wäre allerdings unmöglich gewesen, hätten Schweizer oder Kirgisen Israel gegründet.
Der Araber als ideeller Gesamtsubalterner
Ich weiß wenig über Siba Alkhiami, lediglich, dass sie aus Damaskus stammt. Somit weiß ich auch nicht, ob in den Pässen ihrer Eltern »Syrer« oder »Palästinensischer Syrer« stand. In letzterem Fall wären sie vom Wahlrecht und anderen Bürgerrechten ausgeschlossen gewesen. Und sie hätten vermutlich – wenige Kilometer von der Hauptstadt entfernt – in Yarmouk, der größten Palästinensersiedlung Syriens, gelebt, was heißt, dass ihrer Familie all die Scheußlichkeiten, welche sie im Lied anklagt, durch die syrische Armee, russische Söldnermilizen, den IS, aber auch das Free Palestine Movement (dessen Anführer Mouaffaq Dawa 2023 in Deutschland wegen Kriegsverbrechen zu lebenslänglicher Haft verurteilt wurde) widerfahren wären.
Es ist völlig egal, ob sie Palästinenserin ist oder nicht, denn der obligatorische Antizionismus der muslimischen Welt lässt sich den Sweatshopmanager aus Bangladesch und den marokkanischen Gastarbeiter in Dortmund von den israelischen Vergeltungsschlägen in Gaza ebenso bedroht fühlen wie von der Säkularisierung, die der Zionismus einmal bedeutete, ehe die Religiösen in Israel erstarkten.
Im Falle der israelischen Mizrahim erstarkten sie nicht zuletzt infolge der Vertreibung der Juden aus fast allen muslimischen Domänen nach 1948, und pikanterweise findet sich antipalästinensischer Chauvinismus weitaus weniger bei den aschkenasischen Juden, dem postkolonialen Vexierbild israelischer whiteness, als bei den »arabischen Juden«, obwohl viele von ihnen ihren ehemaligen Herkunftsregionen kulturell verbunden blieben.
Der in letzter Zeit häufig strapazierte Hinweis auf den arabischen Kolonialismus, der immerhin ganze Erdteile unter seine Kontrolle brachte, samt der Neuentdeckung des arabischen Sklavenhandels, taugt als Provokation falscher Selbstverständlichkeiten, doch tappt er selber etwas ungeschickt an den simplizistischen Kategorien seiner postkolonialen Widersacher entlang. Nicht nur, weil er konkretistisch anmahnt, was die Anhänger ihrer emotionalen Metaerzählung gar nicht interessiert, sondern ihm auch ein etwas ahistorisches Verständnis von Kolonialismus eignet. Als ob nicht jede Herrschaft vor der Etablierung des Nationalstaats Fremdherrschaft gewesen wäre und expansiv, so sie die Mittel dazu besaß.
Beinahe gegensteuern muss kritische Geschichtswissenschaft dann durch den Nachweis, dass Zwangsarabisierung und Zwangskonversion bei weitem nicht so dominant waren, wie das die Kritiker der Islamfreunde gerne hätten. Grotesk bleibt jedoch der Umstand, dass sich ausgerechnet muslimische Araber (abgesehen von der nordafrikanischen Kolonialerfahrung) trotz verbreitetem Rassismus gegenüber Berbern, Schwarzen und diversen ethnischen Minderheiten, ihrer im besten Fall paternalistischen Herablassung gegenüber Christen und Juden – und selbst jahrhundertelang unter osmanischer Herrschaft – als bevorzugte Opfer sowohl westlicher Unterdrückung als auch epistemischer Diskriminierung inthronisieren wollen.
Antizionismus als neuester heißer Scheiß
Das wenige, was das Internet über Siba Alkhiami preisgibt – zum Beispiel ein sympathisches Interview, in welchem sie die Geschlechterungerechtigkeit in der Informatikbranche kritisiert –, lässt auf keine Jeanne d’Arc des Globalen Südens respektive Ahed Tamimi von der Sonnenallee schließen. Ihr Zorn ist Pose, ihr Rap ist Genre, und mein spekulativer Instinkt flüstert mir ein, dass ihr weißer Produzent Felix Spitta sie zur Hymne der Verdammten angestachelt hat. Nee, Felix, das bin irgendwie nicht ich. – Hey, Siba Sista, wenn’s nicht du machst, nimmt dir irgendeine persische Tusse von der Kunstuni den fame als zornige Südfrucht weg. – Ich weiß nicht, Felix, … – Denk einfach an deinen arroganten Informatik-Prof … Und schon ergossen sich heteromorphe Gefühle in die marktgenormte Gussform vom colonised underdog, und die rollenden R’s eines gerechten Wutarabischs shuffelten die ultimative Anklage vor sich her.
Die hohe Credibility dieser Performance rührt eben nicht von der Unmittelbarkeit erfahrenen Leids her, sondern vom perfekten Ineinanderklicken fertiger Warenformen und warenförmiger Gefühlsdispositionen. Schon im Hip-Hop waren schwarze Mittelstandsbubis immer die glaubwürdigeren Gangsta, weil sie sich mit ihren sozial gleichrangigen Konsumenten auf die Codes exotisierter Abgefucktheit und gekränkten Stolzes einigen konnten. Und Jazz und Balkanmusik wurden in Deutschland lange nicht als solche akzeptiert, so sie nicht nach Peter Alexander oder DJ Shantel klangen.
Die Exposition femininer migrantischer Wut, am besten gerappt, als kollektive Abfuhr schlechten weißen Mittelstandsgewissens, ist ein längst eingeschliffenes progressives Ritual wie das »Nie Wieder« auf schwarzem Grund oder das mahnende Post zu Femiziden am Weltfrauentag. Dennoch erzeugt der weiße Kitzel an der Wut der Subalternen mehr Vertrautheit, wenn die Subalternen mit der eigenen Tochter in die Waldorfschule gehen. Die gesamte postkoloniale Diversityshow spielt in der Regel unter Ausschluss derer statt, die es betrifft. Deshalb posen in Siba Akhiamis Video vermutlich auch die üblichen Diversity-Darsteller: Akademikerkinder, Botschafternichten, Friends aus der Theater- und Musikszene, Kunstunileute und vielleicht als plebejischste Statisten der eine oder andere Kellner von der Sex-Positive-Party.
Mehr als über die Interpretin lässt sich im Netz über Monkyman erfahren, der seine ersten Erfolge mit »Guter-Laune-Musik« hatte. Wie er vor zehn Jahren »Stuggi.TV« verriet, sammelte der gebürtige und gleichfalls sympathische Stuttgarter Felix Spitta in Namibia Erfahrungen mit dem globalen Süden. Der Kulturschock sei aber gar nicht so groß gewesen, weil es dort ja »meine deutsche Kolonie« und überhaupt viele Deutsche gab. Ein paar Mal sei er jedoch ausgeraubt worden, was überhaupt nicht schön war.
Die Kluft zwischen den Armen und Reichen, Weißen und Farbigen, Brieftaschenbesitzern und Brieftaschenräubern dieser Welt wäre vielleicht weniger tief, wenn Erstere ihre Schuld durch mehr Engagement gegen Israel tilgten. Und hatte es speziell mit der deutsch-arabischen Freundschaft nicht schon mal ein paar hoffnungsvolle Anläufe gegeben?
Es ist dieses gesellschaftliche Segment, das sich irgendwann einmal einbildete, seinen Zwang zur Selbstdarstellung durch politisches Engagement kurieren zu können, was lediglich zu politischem Engagement als Tool des Selbstdarstellungszwangs führte. Da man wie bei Netflix nicht so viel Zeit zur Vorrecherche hat, zieht man sich das rein, was sich alle reinziehen und was Content & Community stiftet. So verlockend ist das dualistische Instant-Weltbild mit Israel als projektiver Müllhalde, weil es in Zeiten von Krise, Überforderung und Informationschaos eine simple Moralerzählung bietet, in der sich alle störenden Ambiguitäten und unbewussten destruktiven Persönlichkeitsanteile mit starken Magneten sortieren lassen in weiß und farbig, kolonial und kolonialisiert, privilegiert und unprivilegiert – in böse und gut.
Jew Spitting mittels Jew Splitting
In der unverhältnismäßigen Fixierung auf Israel und letztlich die Juden verrät sich ein elementarer Sinn des Antisemitismus, der sogar wie ein roter Faden die mitunter differenten Antisemitismen zusammenhält: Der Jude ist projektiv und manchmal real das störende Dritte zu den wahnhaften Gegensatzpaaren reiner Identität, nach denen man die Welt zu ordnen gedenkt. Man will wieder, dass alles so ist, wie es scheint. Als Symbol dafür, dass nichts so ist, wie es scheint, hat man die Juden identifiziert. So weit der Antisemitismus des bürgerlichen Zeitalters.
In der aktuellen Degenerationsstufe identitären Linksseins wollen die westlichen Linken mit Israel zwei Fliegen auf einen Schlag erwischen, damit es, wenn schon nicht zur Befreiung der Menschheit von Herrschaft, so doch zu ihrer Erlösung von dem Bösen kommen kann: Sie wollen sich mit den angeblichen Unterdrückten identifizieren und projizieren ihre eigene Schuld per »Jew-Splitting« in Israel, das von den Unterdrückten an ihrer statt bestraft werden soll. Jede Solidarität mit imaginären BiPOC gegen ihresgleichen ist zumindest ein Anfeuern, es dem weißen Kolonisator Zion zu zeigen. Von den ehrlichen Hamasromantikern bis zu den sorgevollen Mahnern des »Kontexts« waren sie alle Cheerleader des 7. Oktobers.
Im Unbewussten ist der Jude ebenso wie sein Unrechtsnachfolger, der Israeli, als das lästige Realitätsprinzip abgespeichert. Indem dieser weder wirklich kolonial noch kolonialisiert, weder wirklich weiß noch farbig, weder wirklich reiner Unterdrücker noch rein Unterdrückter ist, sedimentierte er sich als Inbegriff alles störend Uneindeutigen in den tiefen Schichten unseres kulturellen Gedächtnisses. Das verweist auf die sogenannte Essenzialisierung des Antiessenzialismus, einer zentralen kognitiven Verirrung, in der sich die neueste Gestalt des progressiven Antisemitismus deutlich zeigt. Als praktische Konsequenz der postmodernen Wende wurde eine Instanz von Wahrheit nach der anderen wie die Grenzposten zu Gaza überrumpelt und dem therapeutischen Wahn die Tore zur Erlösungsparty geöffnet. In unserem Selbstbild antiessenzialistisch, aufgrund unseres regressiven Bewusstseins jedoch zutiefst essenzialistisch denkend, versuchen wir, dieses Dilemma zu lösen, indem wir die Juden, die wir angstvoll mit dem Zerfall von Essenz assoziieren, anhand des ihnen aufgezwungenen zionistischen Nationalismus als Spiegel der eigenen Essenzialismen missbrauchen – ein Spiegel, der zerschlagen werden muss.
Alle Versuche, diesem allmächtigen Framing mit Aufklärung und Fakten zu kommen, nehmen sich letztlich naiv aus. Verständlich sind sie zumal, denn als linker Kritiker des antiisraelischen Wahns fühlt man sich Veränderungswillen und Idealismus dieser neuesten Linken doch noch irgendwie verwandt. Sind sie nicht ins Haus eingezogen, in dem man aufwuchs, das ja noch immer als Trutzburg gegen Rechts gehalten werden soll? Und bedeutete links nicht einmal, die bessere Analyse zu haben als die Besitzstandswahrer des schlechten Status quo? Das tragische Missverständnis besteht darin, von diesen neuesten Linken so etwas wie kommunikative Vernunft einzufordern, die Verkehrsregeln argumentativer Rede etwa. Schon allein sie auf mögliche Widersprüche hinzuweisen, verkennt, dass ihr ganzes Streben auf Freiheit von Widersprüchen ausgerichtet ist, deren Reflexion sich westlichen Herrschaftsdenkens verdächtig macht. Und das verhält sich gegenüber subjektiven Befindlichkeiten bekanntlich mindestens so kolonial wie die IDF gegenüber der schiitischen Zivilgesellschaft im Südlibanon.
Sie, die neuesten Linken, haben unter der Standarte eines progressiven Monopols, das sie von jeder Selbstbefragung freispricht, das ultimative Moralsystem installiert: astreine Metaphysik, pathischer Puritanismus, der notwendigerweise in Eschatologie kippt und es an allen Frontlinien des epistemischen Austauschs von Wahrheit durch Wahn bereits tut. Wie jeder Moralist weiß, lässt sich keine Perversion straf- und gewissensfreier ausleben als unter dem Banner der gerechten Sache. Es ist völlig unerheblich, diese Menschen zu fragen, ob ihr Israelhass und ihre Islamismusverharmlosung empirisch wirklich als links, progressiv, vernünftig, human geprüft sind. In ihrer affektiven Weltauffassung ist die Prüfung selbst schon Whataboutism und Gaslighting, während progressiv ist, was als progressiv geframt ist, was Identität spendet und düsteren Triebenergien im Kollektiv Abfuhr verschafft. Lagerdenken sortiert dann alle aus, die das Narrativ in Frage stellen.
Um zum dekolonialen Rap zurückzukehren: Die Vorstellung, dass es irgendwann eine schöne hedonistische Mobilisierung von Migrantenpower gab, eine Kapitalismuskritik und eine Solidarität mit Marginalisierten gegen die Zentren neoimperialistischer Macht, die nicht allesamt den Kampf gegen Israel zu ihrer Basis, ihrer Agenda, ihrem Endziel machten, scheint aus dem historischen Gedächtnis gelöscht. Die große Säuberung hat längst begonnen. Das Türschloss ist ausgewechselt.
Einspruch gegen die totalitäre Verschränkung von Kapitalismuskritik, (Queer-)Feminismus, Antirassismus, Ökologismus mit diesen Vexierbildern von Palästinensern und Israelis weist einen automatisch der jeweiligen Gegenseite zu. Israelsolidarischen Queers wird ihre Queerness wie ein Orden vom Körper gerissen, farbigen Antirassisten, die nicht so recht die Wurzel ihrer Diskriminierung in der Existenz Israels erkennen wollen, die Farbigkeit aberkannt, so wie die ewigen Rechtfertigungen, selbstverständlich gegen Netanjahu, Ben Gvir, den Tod von Zivilisten und Vertreibungen in der Westbank zu sein, nicht davor schützen, als Genozidalfaschist entlarvt zu werden.
Antizionismus für alle Bedürfnisse
Hätte Siba Alkhiami sich in ihrem Song auf die konkrete palästinensische Erfahrung beschränkt, auf Wut gegen das Töten Unschuldiger in einem schmutzigen Krieg, ihr authentischer Hass auf Israel hätte noch die wenigsten Male des Antisemitismus getragen. (Und ich müsste ihre Performance nicht nur heimlich cool finden.)
Doch aus dem Opportunismus der breiten Reichweite hat sie es vorgezogen, zu tun, was im Augenblick alle tun: das konkrete Anliegen in die manichäische Erzählung von bösem Okzident und machtlosem Orient zu schummeln. In dieser Ökumene der United Colours of Victimhood fungieren die Palästinenser, wie Karin Stöger schrieb, bloß als »Hülsen, die man vor allem mit dem eigenen Unwohlsein füllt. Es geht um eine antiwestliche Selbstbespiegelung im Westen.« Nicht als Hymne der »kolonisierten Welt«, sondern der »brutalisierten Welt« taugt das Lied, jenes linksliberalen Sektors der »verrohten Bürgerlichkeit«, der seinen verhohlenen Rassismus bußfertig den Juden in die Schuhe schiebt, um ihn via Dschihadisten an ihnen ahnden zu können.
»Dounana« ist nicht für den Süden, sondern den Westen gemacht. Es bedient ein westliches Zerrbild vom Süden. Nicht wenige Bewohner Gazas würden die zweite Person Plural im Lied ebenso mit ihren eigenen Machthabern assoziieren wie mit Israel, manche wohl nur mit diesen. In ihren europäischen Fans mag Siba aber auch ganz andere Dissonanzen zum Klingen bringen. Durch mehrfach kodierbare Chiffren persönlicher Missachtung und fragiler Identität – »Make us out as liars / And watch our pains / And belittle our agony / Ignore our tears / Deny our feelings / Destroy our dreams« – kurzum, in dem kleinen bedrohten Gaza der ungratifizierten Größenfantasien und Selbstverwirklichungswünsche in uns.
Der unverzeihlichste Aspekt des Songs liegt darin, dass er den gesamten Süden in die palästinensische Opfererzählung kidnappt und damit über das Feindbild eines abstrakten westlichen Dauerkolonisators zum natürlichen Feind Israels machen will. Dieser Identitätsraub missachtet Millionen von Schicksalen in Afrika und Asien, deren Albtraum weder der Westen noch Israel noch epistemisch, sondern blutig real ist. Jene Ideologie, die, zum Beispiel getarnt als palästinensischer Widerstand, ewigen Schmerz und Terror über alle bringt, die sich ihr nicht unterwerfen wollen.
Es bleibt zu hoffen, dass genug Frauen aus Gaza, Darfur und dem Iran uns mal besuchen, die Israel nicht einmal besonders mögen müssen, aber ihrer Wut über die epochale Dummheit der dekolonial-antizionistisch-promuslimischen Einheitsfront in Raps Luft machen, die wirklich zu Hymnen taugen eines globalen Südens, der sich nicht länger zur projektiven Opfermasse verdinglichen lässt. Und ex-syrische Informatiker:innen und Kunstuni-Iraner:innen, die glaubten, Jin, Jiyan, Azadî mit der Delegitimierung Israels verbinden zu dürfen, weil Papi sein Geld unterm Schah machte, werden von der politischen Camouflage entlastet und können – mit all dem von mir geliebten Pomp orientaloider Grooves – endlich singen, was sie wirklich meinten:
»Shun our exhibitions / pathologise our visions / deny our greatness / demolish our righteousness / don’t like our tweets / pee on our toilet seats / mock our fake street credibility / decrease our affability / point out our dearest fallacies / bore us with analyses /colonise with your toxic reason / ridicule our crush on Liam Neeson / question our food intolerances / show off with our folk dances / call us all Jew-haters / replace us with younger curators / spy on our shrinks / deveganise our drinks / leave your beard stubbles in our sinks …«
(Richard Schuberth ist freier Autor und lebt in Wien. Dieses Jahr ist von ihm in der Berliner Edition Tiamat das Buch Vom Antisemitismus, der keiner sein will erschienen. Lesen Sie das Interview mit dem Autor, das morgen hier erscheinen wird.)






