Kaum ein Land auf der Welt ist von der globalen Erwärmung so betroffen wie der Irak. Steigende Temperaturen, unzureichende Niederschläge, Dürreperioden, Staub- und Sandstürme wirken sich katastrophal aus.
Leser in Mitteleuropa, die hin und wieder auf einen Artikel stoßen, in dem erklärt wird, dass der Klimawandel den Nahen Osten und die Levante ganz besonders hart trifft, können sich meist nicht vorstellen, was das konkret bedeutet. Zwar mehren sich inzwischen die Meldungen über Dürre und Missernten in Syrien und dem Irak, chronische Wasserknappheit und Temperaturen, die teilweise die fünfzig Grad übersteigen, nur scheint kaum ein Bewusstsein dafür zu existieren, welche Folgen diese Entwicklungen, die immer schneller und bedrohlicher voranzuschreiten scheinen, für den Alltag der Menschen bedeuten.
Die irakisch-kurdische Stadt Sulaymaniyah liegt im Unterschied zu vielen anderen Metropolen des Landes auf über 800 Meter über dem Meeresspiegel in den Bergen und nicht in der mesopotamischen Tiefebene. Deshalb galt Sulaymaniyah immer als Ort, der im Sommer nicht zu heiß wurde und im Winter sogar oft starken Schneefall erlebte. In den frühen 1990er Jahren stieg selbst im August das Thermometer selten über 35 Grad und es reichte ein Ventilator im Schlafzimmer.
Einfluss auf Alltag
Kaum ein Land der Welt ist von globaler Erwärmung so betroffen wie der Irak:
»Der Irak, der als das am fünftstärksten vom Klimawandel betroffene Land der Welt gilt, hat bereits klimatische Verwüstungen erlebt, mit steigenden Temperaturen, verminderten und unzureichenden Niederschlägen, schwerer Dürre, Staub- und Sandstürmen sowie akuter Wasserknappheit, die jeden Aspekt des Lebens durchdringen und stören und die Stabilität und Sicherheit des Landes untergraben.
Die Temperaturen sind in den letzten vier Jahrzehnten um gigantische 2,5 Grad Celsius gestiegen und liegen damit zwei- bis siebenmal über dem globalen Erwärmungsdurchschnitt, während die Zahl der extrem heißen Tage mit einer Rate von 10,69 pro Jahrzehnt zugenommen hat. Das bedeutet, dass die Temperatur nun oft tage- oder wochenlang über fünfzig Grad Celsius bleibt, was das Land in ein Inferno verwandelt, den Schlaf ruiniert, die Lungen verbrennt, die Energie raubt, die Nerven strapaziert und das ganze Land in Alarmbereitschaft versetzt.«
Oft klettern die Temperaturen schon Ende April oder Anfang Mai auf fast vierzig Grad. Im Juli und August rutscht das Thermometer tagsüber selten unter diese Marke, und auch die Nächte bleiben extrem warm. Früher galt der September als Anfang des eher kühlen Herbstes, manchmal erlebte man sogar die ersten Regentage. Heute ist nichts davon geblieben – in der ersten Septemberwoche wurden teils immer noch Temperaturen von 45 Grad am frühen Nachmittag gemessen.
Das ist immer noch »kühl« im Vergleich zu den Städten im Süden des Iraks, hat aber verheerende Folgen für Mensch und Natur: Wasserstände in den Stauseen, von denen Elektrizitätsversorgung und Irrigation in Kurdistan abhängig sind, verzeichnen einen bedrohlichen Tiefstand, viele kleinere Flüsse sind ausgetrocknet. Wer etwa im Baugewerbe tätig ist und tagsüber draußen arbeiten muss, riskiert bei diesen Temperaturen schwere Gesundheitsschäden. Immer mehr Menschen, die unter den Folgen von Hitzeschlägen oder Dehydrierung leiden, müssen in Krankenhäuser eingeliefert werden.
Aber es ist vor allem der sich verändernde Alltag, an dem man die Folgen der Erwärmung zu spüren bekommt. Eine kurdische Bekannte meinte treffend, ihre Haut sei inzwischen weniger gebräunt als meine, weil sie tagsüber kaum noch vor die Tür gehe. Man entwickle sich zu nachtaktiven Wesen, denn erst nach Sonnenuntergang werden die Temperaturen einigermaßen erträglich.
So mutet es auch fast gespenstisch an, an einem Wochenende tagsüber durch den bei der Bevölkerung äußerst beliebten Azadi-Park von Sulaymaniyah zu laufen, denn er ist völlig leer. Cafés, in denen man sonst einen freien Tisch suchen muss, sind geschlossen, nur ein paar Straßenhunde liegen hechelnd im Schatten der Bäume. Früher hielten sich an freien Tagen Tausende in diesem Park auf, kamen mit Familie oder Freunden zum Picknick oder nahmen an Konzerten teil.
Doch mittlerweile hält man es selbst im Schatten kaum eine halbe Stunde im Freien aus. Entsprechend hat sich das Leben in die Abend- und Nachtstunden verschoben: Restaurants und Cafés haben deshalb auch bis in die frühen Morgenstunden geöffnet. Da nun nachts auch noch fast alle Geschäfte geöffnet sind, steigt natürlich der Energiebedarf, der auch tagsüber schon extrem hoch ist, denn ohne Klimaanlage lassen sich diese Temperaturen nicht aushalten. Das wiederum belastet das Stromnetz, das immer noch zum großen Teil an den wenigen Wasserkraftwerken der Region hängt. Ein Teufelskreis, denn trotz Dürre muss so mehr Wasser aus den Stauseen abgelassen werden.

Kaum absehbare Folgen
Was das für Folgen hat, beschreibt Kurdistan24 für die Stadt Dohuk:
»Der Dukan-Staudamm, ein Eckpfeiler der Wasser- und Energieinfrastruktur der Region Kurdistan, hat einen historischen Tiefstand erreicht: Der Wasserstand ist um zwanzig Meter gesunken und beträgt nur noch ein Viertel seiner Gesamtkapazität, was auf eine Kombination aus Wasserkürzungen durch den stromaufwärts gelegenen Iran und einer verheerenden Dürre zurückzuführen ist.
Nach Informationen, die der Kurdistan24-Reporter Aras Amin am Mittwoch erhalten hat, ist der Wasserzufluss zum Damm der niedrigste in seiner sechzigjährigen Geschichte. Daten der Generaldirektion für Dämme zeigen, dass von einer Gesamtkapazität von sieben Milliarden Kubikmetern derzeit nur noch 1,75 Milliarden Kubikmeter Wasser im Stausee gespeichert sind.«
All dies geschieht, während Experten davon ausgehen, dass in wenigen Jahren das Zweistromland nur noch über einen Bruchteil seiner Wasserressourcen verfügen wird:
»Nach Angaben des irakischen Ministeriums für Bewässerung und Wasserressourcen ist der Wasserstand des Euphrats im Vergleich zum Durchschnitt vor dem Jahr 2000 um mehr als sechzig Prozent gesunken. Auch der Tigris hat in den letzten zwei Jahrzehnten etwa fünfzig Prozent seines Durchflusses verloren. Berichte der Vereinten Nationen warnen davor, dass der Irak bis 2035 neunzig Prozent seiner Wasserressourcen verlieren könnte, wenn die derzeitige regionale Wasserpolitik fortgesetzt wird und sich der Klimawandel weiter beschleunigt.«
Vieles an der Krise ist auch auf jahrelange Misswirtschaft, Korruption, verfehlte Stadtplanung und Verschwendung zurückzuführen, nur ändert dies nichts an den Entwicklungen, die wenig Hoffnung machen. Das gilt keineswegs nur für den Irak, sondern ebenso für die beiden bevölkerungsreichen Nachbarländer Iran und Syrien.






