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Kein Mohn mehr in Afghanistan

Taliban verbieten den Anbau von Mohn in Afghanistan
Taliban verbieten den Anbau von Mohn in Afghanistan (© Imago Images / Xinhua)

Das von den Taliban verhängte Anbauverbot von Schlafmohn wird die Bevölkerung in noch größere Armut stürzen.

Vor knapp einer Woche hat der Oberste Taliban-Führer Haibatullah Akhundzada einen Erlass herausgegeben, der den Anbau von Schlafmohn unter Androhung strengster Strafen gemäß dem islamischen Recht der Scharia untersagt. Des Weiteren umfasst die Verordnung das Verbot der Herstellung und des Transports von Drogen jeglicher Art.

Dass dieses Verbot ausgerechnet jetzt ausgesprochen wurde, steht in unmittelbarem Zusammenhang mit der Geberkonferenz der UN, die Ende März abgehalten wurde und bei der dem Land am Hindukusch finanzielle Unterstützungen in Höhe von ca. 2,5 Mrd. US-Dollar in Aussicht gestellt wurden.

Diese Mittel werden von den Taliban dringend gebraucht, denn dank ihrer Unfähigkeit, das Land wirtschaftlich am Laufen zu halten, den von ihnen verhängten restriktiven Maßnahmen, die das öffentliche Leben praktisch zum Erliegen gebracht haben und der nach ihrer Machtübernahme im August letzten Jahres international verhängten Sanktionen versinkt Afghanistan im Chaos und die Bevölkerung in bitterster Armut.

Das nun ausgesprochene Anbauverbot kann also als Geste des guten Willens gegenüber den potenziellen Geldgebern verstanden werden, nicht mehr der weltweit größte Drogenproduzent sein zu wollen, der Europa und die USA massenhaft mit Opium und Heroin versorgt. Das mag die Geberländer freuen, viel weniger jedoch die afghanische Bevölkerung, die ohne den Mohnanbau kaum überleben kann.

Lebensgrundlage Mohn

In Afghanistan leben an die 40 Millionen Menschen. Über die Hälfte der Bevölkerung besteht aus Analphabeten ohne jegliche Berufsausbildung. Der überwiegende Teil (ca. 70 Prozent) lebt in ärmlichen bäuerlichen Verhältnissen, wobei die Menschen von dem wenigen Getreide, Obst und Gemüse, das sie anbauen, kaum überleben können. Deshalb sind sie (vor allem in den südöstlichen Provinzen, insbesondere in Helmand und Kandahar) auf den Mohn angewiesen, dessen Ertrag ihnen eine bescheidene Existenz ermöglicht.

Als die Taliban während ihrer ersten Herrschaftszeit den Anbau von Mohn verboten, kam es sogar zu Revolten der Bevölkerung, da sie ihre Existenz gefährdet sah.

Das Anpflanzen von Schlafmohn ist seit ungezählten Generationen die Lebensgrundlage der afghanischen Bauern. Der Mohn ist eine bescheidene Pflanze, die – im Gegensatz zu Getreide ­– nur wenig Wasser braucht, dafür aber großen Ertrag bringt. Dass aus ihm das süchtig machende Opium bzw. Heroin hergestellt wird, kann die Bauern, die nur überleben wollen, nicht kümmern. Aber nicht nur sie, sondern der ganze Staat ist auf die Opium- und Heroinproduktion angewiesen, denn nur sie hält das Land am Laufen, da Afghanistan sonst über keine anderen Exportgüter verfügt.

Drogenmonopolist Afghanistan

Das Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNDOC) schätzt die Gewinne aus Anbau, lokalem Verkauf, Handel und Export von Opiaten für das Jahr 2021 auf 1,8 bis 2,7 Mrd. US-Dollar. De facto ist ganz Afghanistan vom Anbau, Verkauf und Schmuggel von Opium und Heroin abhängig. Afghanistan hält mit 90 Prozent der weltweiten Produktion das Monopol in Sachen Opium.

Der Mohn und das daraus gewonnene Opium bzw. Heroin verbinden alle gesellschaftlichen Strukturen, von den Bauern und den auf den Feldern beschäftigten Tagelöhnern über die Clanchefs bis hin zu noch jeder Regierung, die in Afghanistan an der Macht war. Auch die Taliban waren – und sind – in diesen Strukturen verwoben und profitieren seit dem Zeitpunkt ihrer Gründung vom Heroinschmuggel und den Abgaben, die sie den Bauern abverlangen.

Tatsächlich war der Drogenhandel jahrzehntelang die wichtigste Einnahmequelle der Taliban. Zwischenzeitlich ging zwar die Drogenproduktion im Land zurück, doch seitdem die Taliban wieder an der Macht sind und das Land wirtschaftlich am Boden liegt, sind der Mohnanbau bzw. der Export von Opium und Heroin wieder schlagartig angestiegen, was kein Wunder ist, bedenkt man, dass der Anbau von Mohn um das Zehnfache lukrativer ist als der Anbau von Weizen.

Als weitere wichtige Einnahmequelle des Landes ist das Haschisch zu nennen, das aus der ebenfalls genügsamen Cannabispflanze gewonnen wird. Auch hier ist Afghanistan laut UNDOC weltweit der größte Produzent. Zusätzlich werden vor allem in der Provinz Nimrus Meerträubelpflanzen angebaut, aus denen der Wirkstoff Ephedrin gewonnen wird, aus dem wiederum Crystal Meth, eine der gefährlichsten Drogen, hergestellt wird.

Konsequenzen des Anbauverbots

Den Menschen in Afghanistan ist es noch nie gut gegangen, sie haben seit jeher um ihr Überleben kämpfen müssen. Doch seitdem die Taliban im August letzten Jahres nach dem überstürzten und unkoordinierten Abzug der US- und NATO-Truppen und der Flucht von Präsident Ashraf Ghani wieder die Macht übernommen und das Land in kürzester Zeit katastrophal abgewirtschaftet haben, kam es zur schlimmsten Hungersnot, die je im Land geherrscht hat. Die schwere Dürreperiode, die seit Monaten den Bauern zu schaffen macht, hat die Lage zusätzlich verschärft. Gegenwärtig sind mindestens 23 Millionen Menschen akut von Hunger bedroht.

Wenn nun gerade in dieser Situation die Taliban den Mohnanbau verbieten, stellt sich die Frage, wovon ein Großteil der Bevölkerung leben soll. Zwar hat der UN-Vize und Nothilfekoordinator Martin Griffiths als Organisator der Geberkonferenz erklärt, »die Afghanen brauchen unsere Hilfe, um […] ihre Landwirtschaft aufrechtzuerhalten«, aber er hat nicht gesagt, welche Art von Landwirtschaft er meint.

Auch wenn nun Tonnen an Lebensmitteln und sonstigen Gütern – nicht durch die Taliban, sondern durch Nichtregierungsorganisationen, was von der UN als conditio sine qua non definiert wurde – an die notleidende Bevölkerung verteilt werden, ist kaum anzunehmen, dass diese Lieferungen auch jene Menschen erreichen, die in den abgeschotteten und unwegsamen Gebieten leben, von denen es so viele in Afghanistan gibt. Was werden diese Menschen also tun? – Genau das, was die Taliban nun verboten haben.

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