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Kaum mehr Christen im Gazastreifen

Georg Röwekamp bei seinem Vortrag über die Situation der Christen in Gaza
Georg Röwekamp bei seinem Vortrag über die Situation der Christen in Gaza (© Geneviève Hesse)

Bei seinem Streben nach Neutralität nivelliert der deutsche Theologe Georg Röwekamp die Unterschiede zwischen der Hamas und Israel im Umgang mit den Christen im Gazastreifen.

Als erstes Bild zu seinem einstündigen Vortrag in der Katholischen Akademie Berlin Ende November zeigte der Kirchenhistoriker und Buchautor Georg Röwekamp den zerstörten Giebel der einzigen katholischen Kirche im Gazastreifen, im Nahen Osten »die lateinische Kirche« genannt. Eine israelische Rakete traf sie am 17. Juli im vergangenen Sommer, wobei drei Menschen, die dort Schutz gesucht hatten, starben, und mehrere verletzt wurden. Der Vorfall erregte weltweit Aufsehen. Zum ersten Mal habe die internationale Öffentlichkeit wahrgenommen, dass es auch Christen im Gazastreifen gebe, erinnerte Röwekamp sein Publikum, wobei er beschwichtigend betonte, die Israelis hätten anschließend erklärt, dass es sich um einen versehentlichen Treffer gehandelt habe. Er glaube daher nicht, dass der Angriff »von ganz oben angeordnet war«, auch wenn er nicht wisse, was vor Ort genau abgelaufen sei.

Von seinen Kontakten in christlichen Gemeinden habe er jedoch gehört, dass die Israelis sich »immer wieder die Koordinaten der kirchlichen Gebäude haben durchgeben lassen«. Sie wollten aus Furcht vor dem negativen Echo, das ihre Zerstörung hervorrufen könne, vermeiden, diese zu treffen. Immerhin durften der lateinische und der griechisch-orthodoxe Patriarch von Jerusalem schon am nächsten Tag in den Gazastreifen reisen und Hilfsgüter mitbringen, um den Menschen vor Ort zu zeigen, nicht völlig alleine zu sein.

Verschwindende Minderheit

Die Christen sind eine verschwindende Minderheit in der Küstenenklave. Georg Röwekamp, langjähriger Repräsentant des Deutschen Vereins vom Heiligen Land (DVHL) in Jerusalem und bis Anfang 2025 Leiter des Pilgerhauses Tabgha am See Genezareth, wollte wissen, wer diese eigentlich sind und verbrachte im Frühjahr 2023 ein verlängertes Wochenende unter ihnen. Damals waren es noch knapp über tausend Menschen – die meisten von ihnen Orthodoxe –, umgeben von rund zwei Millionen Muslimen.

Aktuell zähle die christliche Gemeinschaft aber nur noch vier- bis fünfhundert Mitglieder, schätzt der Theologe; solche mit ausländischem Pass hätten den Gazastreifen bald nach dem 7. Oktober 2023 verlassen, und viele werden es noch tun. So könnte im Küstenstreifen das Ende einer Religion bevorstehen, die ab dem 4. Jahrhundert die Region um Gaza-Stadt geprägt hat. Damals lobte der heilige Martin von Tours den Wein aus Gaza für die Eucharistie. Die christliche Blütezeit endete 637 n. Chr. mit der Eroberung durch muslimische Araber. Durch Konversionen wurden die Christen nach und nach zu einer kleinen Minderheit.

Offiziell toleriere die Hamas zwar die Christen, so Röwekamp, in der Praxis sei die Diskriminierung jedoch erheblich. Die Hamas habe bewusst Tunnel unter Kirchen angelegt, berichtete eine von Röwekamp zitierte Christin: »Wir wissen, dass Tunnel unter unserer Schule sind. Die sind bewusst von der Hamas so angelegt worden. Sollten sie zerstört werden, kann die Hamas sagen: Guckt mal, die Israelis haben nicht einmal Respekt vor christlichen Schulen.«

Obwohl die christliche Gemeinde nach 1967 weniger als dreitausend Mitglieder zählte, spielte sie eine große Rolle im Bildungswesen und errichtete drei katholische Schulen. Von den knapp 2.500 Schülerinnen und Schülern seien 95 Prozent Muslime gewesen. Bis heute würden viele Familien genau diese Ausbildung für ihre Kinder wählen.

Dabei sei es für die christliche Gemeinde »nicht einfach« gewesen. Schon der kleinste Hinweis auf den christlichen Glauben sei als Missionierung gedeutet worden. Als ein muslimischer Lehrer bei einem Morgenappell erwähnte, die christlichen Schwestern hätten an diesem Tag wegen des Rosenkranzfestes einen Feiertag, sei er sofort gemeinsam mit der Schulleiterin und dem Pfarrer ins palästinensische Erziehungsministerium einbestellt worden. Jedes Jahr hätten die Schulen erneut darum kämpfen müssen, Mädchen und Jungen gemeinsam unterrichten zu dürfen. Im Jahr 2007 wurde der Inhaber einer christlichen Buchhandlung unter bis heute ungeklärten Umständen ermordet.

Trotz ihrer geringen Anzahl hätten die Christen »ein unglaublich karitatives Werk« geleistet, so Röwekamp. Ab 1973 betrieben Mutter-Teresa-Schwestern das einzige Haus, in dem Schwerstbehinderte unabhängig von ihren finanziellen Möglichkeiten rund um die Uhr versorgt wurden. Während der Corona-Pandemie seien die Teams der katholischen Caritas die einzigen gewesen, die in die Städte, Dörfer und Häuser gingen, um Kranke zu versorgen. Die anglikanische Kirche sei weiterhin Trägerin des Al-Ahli-al-Arabi-Krankenhauses. Nur von dort aus hätten Krebspatienten ins Auguste-Viktoria-Krankenhaus in Jerusalem überwiesen werden können.

Fehlgeleitete Äquivalenz

Zur Untermauerung der Situation der Christen im Gazastreifen präsentierte Röwekamp seinem Publikum ein Bild einer Neuntklässlerin aus einer katholischen Schule, das blutende Orangen zeigt. Der Theologe deutete es als Symbol dafür, dass die Christen im Gazastreifen, wie sie selbst sagen würden, »unter einer doppelten Besatzung« leiden: »Einerseits unter den Israelis«, weil sie nicht herauskönnten, »andererseits unter der Hamas, die das Christentum zumindest nicht wirklich akzeptiert«. Auf den Hinweis im Gespräch nach der Veranstaltung, Israel habe sich 2005 vollständig aus der Küstenenklave zurückgezogen, räumte Röwekamp ein, der Ausdruck sei vielleicht missverständlich, es handle sich eher »um einen doppelten Druck«. Die Christen seien »zwischen allen Stühlen« gewesen: Auf der einen Seite Druck durch die Hamas, auf der anderen Seite Druck durch Israel.

Irritierend war zudem seine verkürzte Antwort auf eine Frage aus dem Publikum. Röwekamp bestätigte zwar, dass eine [von Christen ausgehende, Anm. Mena-Watch] Missionierung nicht nur im Gazastreifen, sondern auch in Israel verboten sei, wies jedoch nicht auf die unterschiedlichen Gefahren dabei hin. Im Gespräch nach der Veranstaltung ergänzte er: »Das stimmt, Christen, die in Israel missionieren, werden dafür nicht umgebracht, aber sie müssen eventuell eine Strafe zahlen oder werden ausgewiesen.« Die notwendige Ergänzung, dass diese Sanktionen in keiner Weise mit der Gefahr für Christen unter der Hamas vergleichbar sind, unterließ er jedoch.

Auf Spendenmöglichkeiten angesprochen, verwies Röwekamp auf den katholischen Pfarrer von Jerusalem, den er als verlässlichen Partner schätze, doch müssten »riesige Summen« für die Zulieferung gezahlt werden, damit die Hilfe überhaupt ankomme. Wofür diese nötig seien, wisse er nicht. Der frühere katholische Pfarrer sei politisch aktiver gewesen und habe schon zuvor zwischen der Hamas und der Fatah vermittelt, während sich der jetzt im Amt befindliche politischen Äußerungen enthalte.

In seinem Buch Christen in der Region Gaza und im Vortrag erwähnte Georg Röwekamp mehrfach den biblischen Simson, der, so der Vergleich, »wie palästinensische Selbstmordattentäter« viele Menschen in den Tod mitgerissen hatte, um anschließend in einem knappen Satz zu ergänzen, die Gräueltaten vom 7. Oktober 2023 hätten auch dazu geführt, dass Israel »nach Art des Simson« zurückgeschlagen habe. Spätestens hier geriet Röwekamp in seinem Bemühen um Unparteilichkeit in eine vernebelte Gleichsetzung. Diese wird durch Informationen widerlegt, die er selbst über die Leiden der Christen unter der islamistischen Herrschaft liefert. Zudem führt er durch Auslassungen zu einer Nivellierung, die versucht, Ungleiches gleich erscheinen zu lassen.

Schließlich stellt er Simson in eine Christus-Typologie, als er ein Bild Simsons auf dem Altar von Klosterneuburg bei Wien deutet. Dort werde Simson, der einst die Stadttore Gazas wegtrug, als Vorbild Christi gesehen, der die Tore der Hölle zerbricht – und nicht die Hölle über Gaza ausbrechen lässt, wie US-Präsident Donald Trump gedroht habe. Die Christen hätten in Gaza versucht, bei Christus zu bleiben. Röwekamp zitierte einen von ihnen, der dem Patriarchen Pizzaballa gesagt haben soll, sie hätten »keine Gewalt im Blut«, da sie Christen seien.

Zum Abschluss seines Vortrags bat der Theologe seine Zuhörer eindringlich, bei ihrer nächsten Pilgerreise ins Heilige Land die Christen vor Ort nicht zu vergessen. Sie seien Glaubenszeugen und hätten das Licht der Hoffnung unter schwierigsten Bedingungen wachgehalten – »in Gaza, aber jetzt auch in der Westbank und anderswo«.

Die 164 Seiten des Buches Christen in der Region von Gaza behandeln in erster Linie die Zeit vor dem 18. Jahrhundert. Nur rund 25 Seiten sind jeweils dem 19. und 20. Jahrhundert sowie der jüngsten Vergangenheit ab 2023 gewidmet. Auch Röwekamps Vortrag beschäftigte sich kaum mit dem Krieg nach dem 7. Oktober 2023, währenddessen sich die anschließenden Fragen aus dem Publikum ausschließlich auf die jüngsten Ereignisse bezogen.

Nach Abschluss der Veranstaltung äußerte sich eine Teilnehmerin etwas enttäuscht: »Es war mir zu wenig politisch. Der Vortrag erinnerte mich an eine Dia-Show mit Keramiken und Kultstätten von früher.« Tatsächlich legt Georg Röwekamp als Theologe den Fokus auf vergangene Jahrhunderte. Bei politischen Themen trübt seine Ausgleichsrhetorik allerdings die analytische Klarheit.

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