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Katar und Türkei fordern Hamas zu Entwaffnung und Rückzug auf

Hamas-Kämpfer bei einer Parade in Khan Yunis
Hamas-Kämpfer bei einer Parade in Khan Yunis (© Imago Images / ZUMA Press Wire)

In der Erklärung wird die Hamas aufgefordert, die Kontrolle über den Gazastreifen an die Palästinensische Autonomiebehörde abzugeben.

Mohammed Altlooli

In einer diplomatischen Kehrtwende haben Katar und die Türkei, zwei langjährige politische Verbündete der Hamas, eine gemeinsame Erklärung veröffentlicht, in der sie die Terrorgruppe auffordern, ihre Waffen niederzulegen und der Palästinensischen Autonomiebehörde die vollständige Wiederaufnahme der Regierungsgewalt über den Gazastreifen zu ermöglichen. Die Ankündigung erfolgte, nachdem hochrangige Hamas-Vertreter Gaza in Richtung Türkei verlassen hatten, angeblich auf Betreiben katarischer Beamter.

In der Erklärung wird die Hamas aufgefordert, anzuerkennen, dass die fortgesetzte bewaffnete Kontrolle über den Gazastreifen nicht mehr der palästinensischen Sache diene. Es hieß, dass »die Waffen, die für den Widerstand bestimmt waren, zu Instrumenten der inneren Spaltung und Instabilität geworden« seien. In dem Appell wurde auch die Dringlichkeit der Wiederherstellung der Zivilverwaltung und der Schaffung von Bedingungen für den Wiederaufbau und einen langfristigen Frieden betont.

Reformdruck

Seit fast zwei Jahrzehnten leisten Katar und die Türkei der Hamas umfangreiche politische, finanzielle und diplomatische Unterstützung, insbesondere seit der militärischen Machtübernahme der Gruppe im Gazastreifen im Jahr 2007. Doha nahm exilierte Führer der Terrororganisation auf, während Ankara ihnen eine Bühne in internationalen Foren bot.

Die neue Forderungen markieren somit eine klare Abkehr von früheren Positionen und signalisieren eine wachsende regionale Ermüdung gegenüber dem politischen und militärischen Vorgehen der Hamas, insbesondere nach den Verwüstungen des jüngsten Konflikts und der schwindenden Machtbasis der Bewegung.

Insidern zufolge waren die Hamas-Führer von der Entschlossenheit der Forderungen während der jüngsten Treffen überrascht. So wurden sie aufgefordert, schwere Waffen und Infrastruktur wie Tunnel, Raketenproduktionsstätten und Drohnenanlagen im Austausch für Garantien zu ihrer persönlichen Sicherheit und einem schrittweisen politischen Übergang abzugeben.

Die Verlegung von Hamas-Führern aus dem Gazastreifen erfolgte in den letzten Wochen unter dem Vorwand humanitärer und sicherheitspolitischer Bedenken und wurde durch die Vermittlung Katars erleichtert. Viele Analysten interpretieren dies als eine Strategie des sanften Rückzugs, die es den regionalen Mächten ermöglicht, die Hamas ohne offene Konfrontation aus dem Spiel zu nehmen. Das übergeordnete Ziel scheint darin zu bestehen, den Weg für eine von arabischen und internationalen Akteuren unterstützte zivile Übergangsregierung zu ebnen, wobei der Wiederaufbau und die Investitionen an die Bedingung der Entfernung der Hamas aus der politischen und sicherheitspolitischen Gleichung geknüpft wird.

Gemischte Reaktionen

Im Gazastreifen sind die Reaktionen auf die Neuigkeiten gemischt. Eine wachsende Zahl von Einwohnern, die von jahrelanger Blockade, Zerstörung und Misswirtschaft erschöpft sind, sehen in dem Schritt der Türkei und Katars einen möglichen Durchbruch. Aktivisten der Zivilgesellschaft, Jugendbewegungen und unabhängige Stimmen haben die Idee einer zivilen Führung, die frei von militanter Kontrolle ist, vorsichtig begrüßt.

Andere bleiben skeptisch und befürchten, dass politische Umbesetzungen ohne Rechenschaftspflicht, ohne Beteiligung der Öffentlichkeit und ohne einem wirklichen Ende der Spaltung zu keinen echten Reformen führen werden.

Von den al-Qassam-Brigaden, dem bewaffneten Flügel der Hamas, gab es keine offizielle Reaktion. Analysten warnen, dass die Auflösung der militärischen Infrastruktur der Gruppe nicht einfach sein wird und auf internen Widerstand von Kommandeuren stoßen könnte, die weiterhin dem bewaffneten Kampf verpflichtet sind. Einige spekulieren, dass internationale Garantien – darunter eine politische Amnestie, eine schrittweise Integration in neue Sicherheitsstrukturen oder Umsiedlungsmöglichkeiten – erforderlich sein könnten, um gewaltsame Konflikte zu vermeiden.

Ein hochrangiger Vertreter der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) begrüßte die Erklärung vorsichtig, betonte jedoch, dass symbolische Gesten nicht ausreichen: »Wir brauchen praktische Schritte vor Ort – Kontrolle der Grenzübergänge, einheitliche Steuersysteme und die Auflösung paralleler Streitkräfte.«

Neue Dynamik

Als jemand, der das Leiden im Gazastreifen aus erster Hand miterlebt hat und sowohl die internen Entwicklungen als auch die regionale Dynamik genau verfolgt, sehe ich die jüngste gemeinsame Erklärung Katars und der Türkei als historischen Wendepunkt. Es handelt sich nicht nur um eine diplomatische Geste, sondern könnte einen strategischen Wandel und ein stillschweigendes Eingeständnis bedeuten, dass die Hamas politisch und moralisch in einer Sackgasse steckt.

Seit fast zwei Jahrzehnten lebt die Bevölkerung unter einer schweren und komplexen Last – gefangen zwischen endlosen Kriegen, Machtkämpfen verschiedener Fraktionen und der erdrückenden Herrschaft bewaffneter Gruppen. Die Gesellschaft verwandelte sich im Laufe der Jahre nach dem Abzug Israels im Jahr 2005 und der Machtübernahme der Hamas im Jahr 2007 in ein System der Angst, Kontrolle und Unterdrückung.

Katar und die Türkei gehörten einst zu den entschiedensten Unterstützern der Hamas und leisteten finanzielle, politische und mediale Hilfe. Ihre Entscheidung, die Entwaffnung der Hamas und die Rückkehr zu einer einheitlichen palästinensischen Zivilverwaltung zu fordern, ist kein nebensächliches Detail – sie ist ein klares Signal, dass die internationale Geduld mit der bewaffneten Herrschaft der Hamas langsam zu Ende geht.

Die Geschichte hat gezeigt, dass Waffen allein keine Zukunft schaffen können. In der Krise im Gazastreifen geht es nicht mehr nur um Krieg – es geht um Regierungsführung, Identität und das Recht der Menschen, frei von Angst zu leben. Die veränderte Haltung Katars und der Türkei spiegelt die wachsende Erkenntnis wider, dass echte Stabilität im Gazastreifen nicht mit einer Herrschaft durch Milizen vereinbar ist.

Die Menschen im Gazastreifen sind müde. Sie wollen keine weiteren Parolen, sie wollen ein Leben in Frieden, Sicherheit und Wohlstand. Ihre Botschaft ist einfach: Wir wollen Arbeit, Bildung, Mobilität und Würde und hoffen darauf, dass sich die Ära der Herrschaft durch Gewalt dem Ende zuneigt. Die entscheidende Frage lautet nun: Wird die Hamas auf diesen Wandel hören oder ihren Weg der Isolation fortsetzen? Die Zeit arbeitet nicht für sie. Und für diejenigen von uns, die an Frieden und zivile Erneuerung glauben, ist dies vielleicht der Moment, einen Schritt nach vorne zu machen.

Es braucht eine neue Führung – eine, die nicht die Sprache des Kriegs spricht, sondern die Sprache des Wiederaufbaus, der Gerechtigkeit und der Koexistenz. Der Gazastreifen und seine Bevölkerung haben nicht weniger verdient.

Mohammed Altoolli ist palästinensischer Bürgerrechtler und Mitbegründer der Temporary Palestinian Civil Affairs (TPCA).

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