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Katars blutbefleckte Weltmeisterschaft

Stadion in Katars Hauptstadt Doha. (© imago images/MIS)
Stadion in Katars Hauptstadt Doha. (© imago images/MIS)

Die Fußballweltmeisterschaft 2022 in Katar wird über den nicht gekennzeichneten Gräbern von mehr als 6.000 Menschen ausgetragen, die bei der Arbeit starben.

Von Ben Cohen

Letzte Woche gab es eine weitere wichtige Ankündigung aus einer arabischen Hauptstadt in Bezug auf die Beziehungen zu Israel: Katar, der reiche Golfstaat, der die Hamas finanziell und politisch unterstützt, bestätigte, dass israelische Staatsbürger an der im November und Dezember dieses Jahres dort stattfindenden Fußballweltmeisterschaft teilnehmen dürfen. Nach Angaben israelischer Medien haben bereits bis zu 30.000 Israelis ihre Eintrittskarten für Spiele gekauft.

Die Entscheidung, Besuchern mit israelischen Pässen die Einreise nach Katar für die Dauer der Fußballweltmeisterschaft zu gestatten, spiegelt den allgemeinen Trend in der Region wider, Friedensabkommen mit dem jüdischen Staat zu schließen, wie dies in den letzten zwei Jahren von den Vereinigten Arabischen Emiraten, Bahrain, Marokko und dem Sudan demonstriert wurde.

Katar ist zwar nicht dem Beispiel dieser Länder gefolgt, aber es hat auch nicht den Weg des Irak beschritten, dessen Parlament im vergangenen Monat ein Gesetz verabschiedet hat, nach dem jeder Kontakt mit Israelis mit einer langen Gefängnis- oder sogar der Todesstrafe geahndet wird. Indem sie israelischen Fußballfans die Teilnahme an der Weltmeisterschaft erlaubt, signalisiert die herrschende Familie al-Thani in Doha, dass sie die Beziehungen nach dem Turnier möglicherweise weiter ausbauen möchte.

Die Ankündigung Katars wurde in Israel positiv aufgenommen. Außenminister Jair Lapid erklärte auf Twitter, der Schritt sei eine »politische Errungenschaft, die die Herzen der Fans erfüllt«, während Verteidigungsminister Benny Gantz argumentierte, dies werde die Aufrechterhaltung der »Stabilität in unserer Region« verbessern. Nach dem Turnier bleibt jedoch abzuwarten, ob Katar Israelis weiter ins Land kommen dürfen, oder ob es zu seiner bisherigen Politik zurückkehrt und ihnen erneut die Einreise verweigert. Zweifellos hofft die israelische Regierung – gemeinsam mit der Handvoll jüdischer Diaspora-Persönlichkeiten, die in den letzten Jahren eifrig an staatlich geförderten Reisen nach Doha teilgenommen haben und stets mit leeren Händen zurückkehrten – auf Ersteres.

Die Aussicht, dass Israelis aus geschäftlichen oder touristischen Gründen nach Katar, und schließlich in alle arabischen und muslimischen Länder, reisen können, scheint heute greifbarer zu sein als jemals zuvor seit der Gründung Israels im Jahr 1948. Jeder Meilenstein in diesem Prozess ist gleichzeitig ein Schlag gegen die ablehnende Ideologie, die in der arabischen Welt seit fast einem Jahrhundert vorherrscht – und eine Erinnerung daran, dass Israelis und Araber, Juden und Muslime harmonisch zusammenleben und arbeiten können, trotz all des Blutvergießens und der eliminatorischen Rhetorik, die die vergangenen Jahrzehnte beschmutzt haben.

Wie ich jedoch schon früher argumentiert habe, kann die Wahrheit genauso der positiven Atmosphäre des Friedens zum Opfer fallen, wie dem negativen Klima des Krieges. Denn die Gefahr besteht, dass einige sehr unangenehme Wahrheiten über Katar (und auch über seine Nachbarn) in dem Überschwang untergehen, mit dem der Frieden begrüßt wird.

Menschenunwürdige Zustände

Alle diese Länder haben eine beklagenswerte Bilanz in Sachen Menschenrechte und Meinungsfreiheit aufzuweisen. Sie alle wurden mithilfe von Arbeitsmigranten aus afrikanischen und asiatischen Ländern erbaut – Bauarbeiter, Hausmädchen, Reinigungskräfte usw. –, die unter Bedingungen leben, die zu Recht als eine moderne Form der Sklaverei bezeichnet werden.

Die Hotels in Doha, in denen israelische und andere Fußballfans übernachten, sowie die Stadien, in denen sie die Spiele sehen werden, wurden alle von Arbeitern gebaut, die im Rahmen des berüchtigten Kafala-Systems nach Katar gekommen sind, das sie an ihre Arbeitgeber kettet und zu unhygienischen Unterkünften und miserabler Bezahlung verdammt. Der springende Punkt ist, dass Tausende dieser Arbeiter beim Bau der WM-Stadien getötet oder schwer verletzt wurden, ohne dass ihre Familien in der Heimat eine Entschädigung erhielten.

Die Kataris hatten zwölf Jahre Zeit, sich auf die Weltmeisterschaft vorzubereiten, die ihnen 2010 vom ehemaligen FIFA-Präsidenten Sepp Blatter zugesprochen wurde. Blatter wurde 2015 seines Amtes enthoben und nach einem Korruptionsskandal, der den Weltfußballverband in Mitleidenschaft gezogen hat, für alle FIFA-Aktivitäten gesperrt, wobei ein Großteil davon mit den Machenschaften und Bestechungsgeldern im Zusammenhang mit der katarischen Bewerbung zusammenhing. Katar selbst blieb jedoch von dem Sturm, der den Sitz der FIFA in der Schweiz erschütterte, verschont.

In den zehn Jahren zwischen der Vergabe an Katar und der diesjährigen Austragung bestand zu keinem Zeitpunkt die Gefahr, dass die Weltmeisterschaft von einem anderen Land ausgerichtet werden würde. Ganz im Gegenteil: Die FIFA und ihre Mitgliedsländer haben alles getan, um Katar entgegenzukommen. So wurde das Turnier zum ersten Mal in der Geschichte der Weltmeisterschaft von den Sommermonaten in den Winter verlegt.

Weil es im katarischen Sommer zu heiß zum Fußballspielen ist, setzen die nationalen Fußballligen in der ganzen Welt ihre Wettbewerbe vorübergehend aus, damit die für ihre Nationalmannschaften ausgewählten Spieler an der WM teilnehmen können. Während es eine Erleichterung ist, dass die hochbezahlten, beneidenswert fitten Fußballer nicht gezwungen sind, unter der brennenden Sonne zu verwelken, gilt dies nicht für die Wanderarbeiter, die in den Sommermonaten schuften müssen, um alles für den Anpfiff am 21. November vorzubereiten.

Die FIFA kann sich in den Monaten bis November noch einen gewissen Anstand zurückholen. Der populärste Sportwettbewerb der Welt wird rund sechs Milliarden Dollar einbringen. Es ist nicht unvernünftig zu fordern, dass ein Teil dieser Einnahmen – einige Menschenrechtsgruppen haben eine Summe in der Größenordnung von 500 Millionen Dollar vorgeschlagen – an die Arbeitsmigranten und ihre Familien als sinnvolle Entschädigung für das jahrelange Leid, das sie in Katar ertragen mussten, ausgezahlt wird.

Die Tatsache, dass Israelis bei der Weltmeisterschaft anwesend sein werden (zumindest auf der Tribüne, denn die israelische Nationalmannschaft hat es erneut nicht geschafft, sich zu qualifizieren), ist also eine willkommene Entwicklung. Aber das ist nicht der einzige Blickwinkel, aus dem man das Turnier in Katar betrachten sollte.

Wenn die Siegermannschaft nach dem Finale am 18. Dezember die unverwechselbare WM-Trophäe in die Höhe stemmt, wird sie dies über den nicht gekennzeichneten Gräbern von mehr als 6.000 Menschen tun, die bei der Arbeit starben, damit das schöne Spiel gespielt werden konnte. Eine Entschädigung der Opfer würde diesen ikonischen Moment weit weniger bitter machen.

Ben Cohen ist ein in New York lebender Journalist und Autor, der eine wöchentliche Kolumne über jüdische und internationale Angelegenheiten für Jewish News Syndicate schreibt. Der Artikel erschien auf Englisch beim Jewish News Syndicate. (Übersetzung von Alexander Gruber.)

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