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Ein anderer Weg: Die Karliner Chassidim und der Wehrdienst in Israel

Haredim-Demonstration gegen die Wehrpflicht in der israelischen Hauptstadt Jerusalem
Haredim-Demonstration gegen die Wehrpflicht in der israelischen Hauptstadt Jerusalem (© Imago Images / Anadolu Agency)

Während der Streit um die Wehrpflicht der Orthodoxen in Israel weitergeht, beschreiten einige der Haredim-Gemeinschaften eigene und neue Wege.

In Israels Gesellschaft verstärkte sich gerade in Kriegszeiten die Spaltung zwischen den verschiedenen Strömungen der Orthodoxie und der jüdischen Mehrheitsgesellschaft, die im Gegensatz zu den strenggläubigen Haredim die Belastungen des Wehrdienstes spürt. Noch zur Zeit des israelischen Unabhängigkeitskriegs leisteten viele Haredim den Wehrdienst, nur wenige hundert waren aufgrund einer Absprache von Ministerpräsident David Ben-Gurion mit den damaligen orthodoxen Führern befreit.

Das numerische Anwachsen der Orthodoxie im Land und ihre politische Bedeutung als Koalitionspartner welcher Regierung auch immer sicherten den gegenwärtigen Status einer generellen Wehrdienstbefreiung ab, da eben nahezu alle streng orthodoxen Männer ein weiterführendes rabbinisches Studium ablegen, unabhängig davon, ob sie später einen rabbinischen Beruf ausüben oder nicht.

Nachdem sie immer wieder mit dem Ausscheren aus der aktuellen Regierungskoalition gedroht hatten, machen die orthodoxen Parteien im Moment die Zustimmung zum israelischen Budget von einer Verlängerung der Befreiung vom Wehrdienst abhängig. Geschmacklose und geschichtsvergessene Aussagen eines strengorthodoxen Abgeordneten, in denen er das Vorgehen des jüdischen Staates gegen orthodoxe Wehrdienstverweigerer mit jenem der Nazis gegenüber Juden vergleich, heizten die Stimmung weiter an.

Ein anderer Weg

Die Karliner Chassidim unter ihrem Rebbe Baruch Meir Shochet haben sich hingegen entschlossen, einen anderen Weg zu gehen. Ihre Bewegung entstand im 18. Jahrhundert im litauisch-polnisch-weißrussischen Grenzgebiet und wurde von Aharon ben Jacob Perlov von Karlin begründet.

Der jetzige Rebbe entschied sich, an der orthodoxen Parteipolitik in Israel nicht mehr teilzuhaben. Nicht nur gab er seinen Anhängern die Instruktion, Wehrdienst in speziellen Einheiten mit besonderer Rücksicht auf religiöse Bedürfnisse zu leisten; es wurde sogar im Jerusalemer Konferenzzentrum eine Jobmesse organisiert, um Haredim die Ausübung religiöser oder profaner Berufe schmackhaft zu machen, ohne hinsichtlich ihres streng religiösen Lebensstils Abstriche machen zu müssen.

Es bleibt abzuwarten, wie andere chassidische Gruppen wie Belz oder Vishnitz in Zukunft auf diese Pionierarbeit der Karliner reagieren werden. Inzwischen verschärfte sich die Konfrontation erst einmal durch eine von der sephardischen Jeshiva Porat Josef organisierten Demonstration orthodoxer Wehrdienstgegner, bei der ein Autobusfahrer, der vorher angegriffen worden war, einen jugendlichen Demonstranten überfahren hat, wobei der Vierzehnjährige ums Leben kam.

Während der Busfahrer festgenommen wurde, wurden die orthodoxen Organisatoren der Demonstration in israelischen Medien der mangelnden Verantwortungsbereitschaft bezichtigt, da sie Kinder und Jugendliche, die in ihren Institutionen lernen, zur Kundgebung gebracht und also politisch instrumentalisiert hatten. Die Diskussion um den Wehrdienst der Orthodoxen in Israel geht also in die nächste Runde.

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