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Kampf gegen Antisemitismus: Es sind auch wir

Demonstration gegen Antisemitismus in Berlin
Demonstration gegen Antisemitismus in Berlin (© Imago Images / Bernd Elmenthaler)

Antisemitismus darf kein Randthema bleiben, das nur etwa in Talkshows oder Feuilletons behandelt wird. Seine Bekämpfung muss vor allem die gesellschaftliche Mitte erreichen, denn ohne diese läuft sie ins Leere.

Was wir seit langem erleben, ist, dass Antisemitismus weder ein Randphänomen noch ein Relikt vergangener Zeiten ist. Besonders deutlich zeigt sich das in den letzten beiden Jahren seit dem 7. Oktober 2023, als die Hamas Israel und seine Bewohner brutal überfiel. Der Pogrom an Kindern, Männern und Frauen in den Kibbuzim und an jungen Menschen auf dem Nova-Musikfestival offenbart, wie tief Antisemitismus in Geschichte und Gegenwart verwurzelt ist: anpassungsfähig, wandelbar – und immer wieder tödlich.

Über das Warum, die Ursachen und Erscheinungsformen des Antisemitismus wurde viel nachgedacht und geschrieben – politisch, psychoanalytisch, sozialpsychologisch, theologisch. Und doch vermag keine theoretische Erklärung, den Judenhass zu stoppen. Er ist da, hässlich und böse, gewalttätiger und offener denn je. Er findet Ausdruck in Religion, Nationalismus und verschwörungsideologischen Erzählungen. Er tarnt sich als postkoloniale, linke oder antikapitalistische Kritik, als sogenannter Antizionismus.

In all seinen Formen reduziert er Komplexität und macht Menschen zu Projektionen. Der Hass richtet sich dabei nicht gegen Mächtige, sondern gegen einfache Menschen, die verwundbar und sichtbar sind.

Dieses Prinzip zeigte sich in erschütternder Eindrücklichkeit am vergangenen 14. Dezember, als zwei Islamisten, Vater und Sohn, schwer bewaffnet das Feuer auf Teilnehmer einer Chanukka-Feier am Strand von Bondi Beach in Sydney eröffneten. Sie wirkten dabei gelassen, als sei es ihr ureigenes Recht. Ein Ort des Alltäglichen – ein Strand, ein sonniger Tag, eine fröhliche Feier – wurde zum Schauplatz tödlicher Gewalt. Antisemitischer Hass traf gezielt Juden und wurde zugleich zur Bedrohung des zivilen Lebens insgesamt.

Klima der Normalisierung

Die Tat geschah in einem gesellschaftlichen Klima, in dem die Herabsetzung und Dämonisierung Israels zur Normalität geworden sind, in dem Juden weltweit pauschal für das militärische Vorgehen Israels im Gazastreifen und einen angeblichen Genozid verantwortlich gemacht werden und der alltägliche, grassierende Antisemitismus ignoriert wird. Und in dem eine der historischen Ursachen für die Gründung des Staates Israel immer weiter in den Hintergrund rückt: Die Verfolgung der europäischen Juden durch die Nationalsozialisten und der Zivilisationsbruch der Shoah. Erinnerung verblasst, wird relativiert oder gar verhöhnt.

Den Antisemitismus normalisierende Worte und Narrative gehören in Teilen der Politik, Medien, Universitäten sowie Kunst und Kultur mittlerweile fast zum guten Ton. Sie sind Teil eines intellektuellen Mindsets, das Antisemitismus relativiert, ästhetisiert oder als legitime Kritik am einzigen jüdischen Staat der Welt tarnt. Die Antisemitismusforscherin Monika Schwarz-Friesel hat sinngemäß darauf hingewiesen, dass Antisemitismus im intellektuellen Milieu alles andere als überraschend sei. Die Geschichte der Judenfeindschaft zeige vielmehr, dass antisemitische Ideen seit Jahrhunderten gerade aus gebildeten Kreisen hervorgegangen seien und oft ihren Ursprung in akademischen Milieus hatten.

Von diesen Milieus zumindest verstärkt, frisst sich der Judenhass in die Gesellschaft. Einhalt gebieten ihm nur wenige. Die Mehrheit der Bevölkerung tut es nicht – aus Ignoranz, aus ihrer Verhaftung im Alltag, aus mangelnder Betroffenheit oder auch aus Zustimmung. Besonders schmerzlich ist für mich als Kind migrantischer »Gastarbeiter«, dass selbst eigene Erfahrungen von Ausgrenzung und Diskriminierung nicht automatisch zu Empathie führen. Nicht einmal dann, wenn andere Gruppen diese Erfahrungen historisch wie gegenwärtig in weit existenziellerer, gewalttätigerer Form machen mussten und müssen. Solidarität ist unteilbar, und doch scheint es oft leichter, nach einem vermeintlichen unten zu treten, wenn ein einfaches Feindbild angeboten wird. Mehr noch: Manche Migrantengruppen sind massive Treiber des aktuellen Antisemitismus.

Migranten sind nicht stärker als andere verpflichtet, sensibel gegenüber Antisemitismus zu sein. Dabei könnte es vielleicht eine Verbindung geben – durch eigene Diskriminierungserfahrungen, die zumindest eine Ahnung dessen vermitteln, was Juden erleben. Diese Erfahrung könnte eine Brücke sein. Eine solche Brücke könnte es jedoch in der Gesellschaft insgesamt geben. Denn ist nicht auch unsere Gesellschaft, allen voran die »einfachen« Leute, die Angehörigen der Mitte – so schwammig dieser Begriff auch sein mag – betroffen? Nicht in derselben Weise wie Juden, aber doch in Bezug auf islamistische Bedrohungen, auf individuelle und kollektive Sicherheit, auf das zivile Leben.

»Wir sitzen alle im selben Boot«, sagte Ron Prosor, Israels Botschafter in Deutschland, kürzlich in einem Interview, als er zur Attacke von Bondi Beach befragt wurde. Der Satz ist richtig, und bleibt doch folgenlos. Dabei müsste er Ausgangspunkt eines anderen Blicks sein: Wir müssen die verschiedenen Bedrohungslagen zusammendenken.

Kollektive Anstrengung

Antisemitische, islamistische Gewalt richtet sich zwar zuerst und gezielt gegen Juden, Islamismus zielt aber auch auf die Mehrheitsgesellschaft. Wer wegschaut, weil es »nur« Juden trifft, verkennt die Dimension des Antisemitismus und die eigene Verletzlichkeit. In islamistischen Anschlägen etwa auf Bushaltestellen in Jerusalem spiegelt sich auch die Möglichkeit, irgendwann selbst auf dem Weg zur Arbeit oder beim Essen mit Freunden im Restaurant oder beim Bummel über den Weihnachtsmarkt zur Zielscheibe zu werden. Wir wissen alle, dass das keine bloß theoretischen Möglichkeiten sind.

Kürzlich jährte sich der islamistische Anschlag auf die Konzerthalle Bataclan in Paris zum zehnten Mal. Attentäter schossen damals in die Besuchermenge, warfen Handgranaten, töteten neunzig Menschen und verletzten viele weitere. In diesen Tagen jährte sich auch der islamistische Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz, bei dem der Täter mit einem Lkw in die Menge fuhr und dreizehn Menschen tötete und mindestens siebenundsechzig verletzte. Lange waren die Namen der Opfer kaum bekannt; erst jetzt werden sie öffentlich verlesen und an sie erinnert.

Wann ist es »normal« geworden, dass islamistische Ideologen und Gewalttäter einfache Menschen – Juden oder Nichtjuden – zu »weichen Zielen« machen und sie als Manövriermasse missbrauchen, um Gesellschaften zu verängstigen und zu destabilisieren? Und wann begann man, diese Gewalt zu verharmlosen, als bloßes Lebensrisiko darzustellen und den Islamismus als ideologische Ursache zu oft auszublenden?

Solange wir die Bedrohungen getrennt betrachten, bleibt die Solidarität fragmentiert. Dabei ist der Kampf gegen Antisemitismus kein Sonderanliegen, sondern auch ein Prüfstein dafür, wie ernst wir den Schutz unserer Gesellschaft nehmen. Es sind nicht nur »die anderen«, die betroffen sind. Es sind auch wir.

Und dieses »wir« braucht es auch in einer anderen Hinsicht. Es braucht die Mehrheitsgesellschaft und unsere Beteiligung, um Islamismus und Antisemitismus entgegenzutreten, Solidarität zu zeigen und das Leben aller zu sichern. Ohne dieses Engagement bleibt jeder Kampf unvollständig, wenn nicht aussichtslos.

Dabei geht es nicht nur um moralische Pflicht, sondern um Verantwortung dafür, dass Hass nicht normalisiert wird. Solidarität etwa mit unseren jüdischen Freunden, Kommilitonen, Nachbarn und Kollegen muss dort entstehen, wo gelebt, gearbeitet und Haltungen geformt werden: in Schulen, Betrieben, Nachbarschaften und Stadtteilen. Sie muss im Alltag der Menschen verankert sein und darf nicht nur ein Thema in Talkshows oder Leitartikeln sein.

Der Kampf gegen Antisemitismus muss auf allen Ebenen, gesellschaftlich wie institutionell, aufklären, sensibilisieren und Solidarität einfordern. Wer die Würde der Menschen verteidigen will, darf niemanden ausklammern. Nur ein umfassender, gesellschaftlich verankerter Einsatz kann verhindern, dass antisemitischer Hass weiter normalisiert wird, und mit ihm die Gewalt gegen Juden und gegen unser aller Leben.

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