Im Gespräch mit Elisa Mercier schildern Aktivisten der Initiative »Malmö for Israel« die aktuelle Situation der jüdischen Gemeinschaft in der schwedischen Stadt sowie die Maßnahmen, die Lokalpolitiker ergreifen, um gegen Antisemitismus vorzugehen.
Elisa Mercier (EM): Was sind Sie für eine Gruppe und wie setzt sich diese zusammen?
Malmö for Israel (MI): Malmö for Israel ist eine basisorientierte NGO für Menschen in Malmö, die Israel unterstützen und sich gegen Antisemitismus einsetzen. Unsere Mitglieder kommen aus verschiedenen Bereichen, etwa Bildung, Sozialarbeit, Kultur, Jugendarbeit. Uns verbindet der Glaube daran, dass jüdisches Leben in Malmö sichtbar, sicher und respektiert sein muss. Gemeinsam arbeiten wir daran, Dialog zu fördern, Verständnis aufzubauen und Solidarität zu zeigen, sowohl mit Israel als auch mit der jüdischen Gemeinschaft hier vor Ort.
EM: Welche Aktivitäten gehören zu Ihrer Arbeit?
MI: Unsere Arbeit ist sehr vielfältig. Wir organisieren kulturelle und bildungsbezogene Veranstaltungen wie Vorträge und Workshops über jüdische Geschichte, die israelische Gesellschaft und mehr. Außerdem kooperieren wir mit Schulen und lokalen Organisationen, um durch Bildung Bewusstsein zu schaffen und Antisemitismus vorzubeugen. Darüber hinaus schaffen wir Begegnungsmöglichkeiten für jüdische und nicht-jüdische Menschen, um voneinander zu lernen. Der Aufbau menschlicher Verbindungen ist zentral für unsere Arbeit.
EM: Malmö ist wegen Banden- und Drogenkriminalität oft in den Schlagzeilen präsent, aber auch wegen massiver antisemitischer Vorfälle, etwa rund um den Eurovision Song Contest 2024. Wie nehmen Sie die aktuelle Situation für Juden in der Stadt wahr?
MI: Die Situation ist nicht einfach. Einerseits gibt es ein großes Engagement vieler Menschen in Malmö – Politiker, Pädagogen und Aktivisten –, die die Stadt wirklich sicherer und inklusiver machen wollen. Gleichzeitig gibt es aber weiterhin antisemitische Einstellungen und Vorfälle, die oft mit internationalen Konflikten oder Online-Hass verbunden sind. Der ESC 2024 hat das sehr deutlich gezeigt: Kritik an Israel schlug schnell in Feindseligkeit gegenüber Juden im Allgemeinen um. Viele in der jüdischen Gemeinschaft Malmös sind stolz auf ihre Identität, aber zugleich besorgt um ihre Sicherheit. Es gibt Fortschritte, aber der Weg ist noch lang.
EM: Welche Maßnahmen ergreift die Stadt, um Juden zu schützen und Antisemitismus zu bekämpfen?
MI: Malmö verfügt nun über einen offiziellen Aktionsplan gegen Antisemitismus, es gibt Bildungsprogramme in Schulen und einen regelmäßigen Dialog mit der jüdischen Gemeinschaft. Außerdem gibt es eine engere Zusammenarbeit mit der Polizei bei Hassverbrechen. Diese Bemühungen sind positiv und notwendig, aber entscheidend ist, wie sie im Alltag umgesetzt werden. Wahre Sicherheit bedeutet auch, sich respektiert und verstanden zu fühlen und nicht nur durch Sicherheitsmaßnahmen geschützt zu werden.
Gefährliches Klima
EM: Schauen wir kurz in die Vergangenheit: Während des Zweiten Weltkriegs flüchteten rund 7.000 dänische Juden nach Schweden, viele davon nach Malmö, wo Rabbiner Elieser Berlinger die Aufnahme unterstützte. 1945 kamen zudem Tausende Holocaust-Überlebende in die Stadt. Welche Bedeutung hat diese Geschichte heute für Malmö?
MI: Diese Geschichte ist ein stolzer und bedeutender Teil von Malmös Identität und das sollte auch so bleiben. Die Stadt hat einst Mut und Menschlichkeit gezeigt, indem sie Juden vor der Verfolgung bewahrte. Für uns ist das mehr als nur eine Geschichte aus der Vergangenheit; es ist eine Erinnerung daran, wie moralische Verantwortung in der Praxis aussieht. Malmö war damals ein Ort des Schutzes, und das sollte es auch heute sein. Die Nachkommen der Geretteten leben noch immer hier, was dieses Erbe sehr real und lebendig macht.
EM: Kürzlich wurde bekannt, dass das Jewish International Film Festival in Schweden abgesagt werden musste, weil kaum ein Kino teilnehmen wollte. Angeblich wegen »Sicherheitsbedenken«. Was sagt das über das gesellschaftliche Klima in Schweden aus?
MI: Dieser Vorfall war zutiefst enttäuschend. Wenn Kinos sich aus »Sicherheitsbedenken« weigern, israelische oder jüdische Filme zu zeigen, zeigt das, dass Angst und Vorurteile das kulturelle Leben prägen. In einem freien und demokratischen Land darf so etwas nicht passieren. Es sendet die Botschaft, dass Bedrohungen Kunst zum Schweigen bringen können. Das ist gefährlich. Diese Situation zeigt ein gesellschaftliches Klima, in dem Antisemitismus nicht immer offen auftritt, sondern oft in Form von Vermeidung und Selbstzensur. Wir brauchen mehr Mut und Klarheit, um die kulturelle Freiheit für alle zu verteidigen.
EM: Wie reagieren Politik und Zivilgesellschaft auf den verbreiteten Antisemitismus im Land?
MI: Viele politische Führungspersonen sprechen sich klar gegen Antisemitismus aus und unterstützen Bildungs- und Sicherheitsinitiativen, was positiv ist. Doch die Reaktionen auf antisemitische Vorfälle sind teils sehr zögerlich, besonders wenn sich Antisemitismus mit Feindseligkeit gegenüber Israel überschneiden.
Das war etwa der Fall, als sich kurz nach dem 7. Oktober 2023 propalästinensische Demonstranten vor einer der Synagogen in Malmö versammelten und eine israelische Flagge verbrannten. Die Behörden reagierten kaum, was leider kein Einzelfall ist. Wir brauchen auch gegen die propalästinensische Szene sowie islamistische Strukturen ein klares Vorgehen. Wir benötigen auch konsequentes Handeln bei Hassverbrechen sowie den Mut, Antisemitismus als solchen zu benennen – egal, woher er kommt. Also auch, wenn er von Muslimen oder ihren Organisationen kommt. Der Kampf gegen Judenhass erfordert Wissen und moralische Stärke.






