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Wie Juden in den Vereinigten Arabischen Emiraten leben

Rabbiner Levi Duchman and Lea Hadad bei ihrer Hochzeit in den Vereinigten Arabischen Emiraten
Rabbiner Levi Duchman and Lea Hadad bei ihrer Hochzeit in den Vereinigten Arabischen Emiraten (Quelle: JNS)

Als erster Oberrabbiner in den Vereinigten Arabischen Emiraten hat Levi Duchman dazu beigetragen, eine Infrastruktur aufzubauen, die Juden ein jüdisches Leben ermöglicht.

Yoni Michanie

Levi Duchman, Oberrabbiner der jüdischen Gemeinde in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE), feierte am 14. September seine eigene Hochzeit, die zugleich die erste jüdische Hochzeit in Abu Dhabi war. Mit einer Gästeliste von 1.500 Personen, darunter die Botschafter Ägyptens, Marokkos und Chinas, wurde gleichzeitig der zweite Jahrestag der Unterzeichnung des Abraham-Abkommens gefeiert.

Juden, Muslime und Christen kamen zusammen, um die Eheschließung von Rabbi Duchman und Lea Hadad, beide Abgesandte der Chabad-Bewegung, sowie die Normalisierung, die Zusammenarbeit und den Frieden zu feiern. Als erster Rabbiner in den Vereinigten Arabischen Emiraten hat Duchman nach eigenen Angaben die vergangenen acht Jahre damit verbracht, eine Infrastruktur aufzubauen, die jüdisches Leben in dem Golfstaat mögich macht.

Yoni Michanie (YM): Wie lange leben Sie schon in den Vereinigten Arabischen Emiraten?

Levi Duchman (LD): Seit etwa acht Jahren. Vor den Abraham-Abkommen lebte ich in Casablanca. Während meiner Zeit in Marokko hatte ich Gelegenheit, in die VAE zu reisen und einen Pessach-Seder für die New York University in Abu Dhabi auszurichten. Knapp sechs Jahre vor dem Normalisierungsabkommen zog ich hierher.

YM: Wie hat sich das jüdische Leben in den VAE aus Ihrer Sicht durch das Abraham-Abkommen verändert?

LD: Es hat sich viel verändert. Die VAE bestehen aus sieben verschiedenen Emiraten, die sich 1971/72 auf eine Vereinigung geeinigt haben. Die VAE waren schon immer ein gastfreundlicher Ort, an dem alle Religionen willkommen waren, hier leben über zweihundert Nationalitäten und die jüdische Gemeinde wurde von der Regierung immer unterstützt.

Was die Beziehungen zu Israel angeht: Bis zur Unterzeichnung des Abraham-Abkommens gab es keine. Davor, als ich als Rabbiner in den VAE lebte, fühlte ich mich von der Regierung immer sehr willkommen; sie hat immer dafür gesorgt, dass unsere Gemeinde alles hat, was wir brauchen. Ging es um koschere Schlachthöfe, jüdische Bildungseinrichtungen, Gotteshäuser oder andere Dinge, die unsere Gemeinde benötigte, konnten wir immer auf die volle Unterstützung der Regierung zählen.

Mit dem Abraham-Abkommen öffnete sich eine riesige Tür für Israelis und Juden in der ganzen Welt, die noch nie etwas von den VAE oder ihrem Maß an religiöser Toleranz gehört hatten. Das Wachstum der jüdischen Gemeinde bedeutete auch den Ausbau der Infrastruktur, zum Beispiel größere Bildungseinrichtungen, mehr koschere Restaurants, mehr Rabbiner im Land und den Bau jüdischer Friedhöfe.

YM: Wie würden Sie das Wissen über Juden oder die Kenntnis der jüdischen Geschichte in den VAE beschreiben?

LD: Vor den Abraham-Abkommen gab es nur sehr wenig Wissen über Israel und die jüdische Geschichte. Jetzt hat sich das geändert. Ich habe zum Beispiel an einigen Holocaust-Gedenkveranstaltungen teilgenommen und dabei Regierungsmitglieder wie den Kulturminister getroffen. Das Wissen über das Judentum und Israel hat in den VAE als Folge des Abraham-Abkommens sicherlich zugenommen.

Wir betreiben zum Beispiel einen jüdischen Kindergarten und eine Talmud-Tora in unserem Mini Miracles Educational Center in Dubai. Unsere Wochenend- und Hortprogramme für Kinder, die nichtjüdische Schulen besuchen, haben einen sehr hohen Standard was die Bildung über das Judentum und Israel betrifft. Es ist uns gelungen, verschiedene Madrichim und Madrichot (hebräische Jugendbetreuer) aus Israel und Frankreich zu gewinnen, um unsere Bildungsprogramme zu verstärken. Bis jetzt haben sich hundertzwölf Kinder für diese Programme angemeldet. Wir haben ein schönes Zentrum in Dubai und bauen derzeit ein zweites in Abu Dhabi.

YM: Sind seit der Unterzeichnung des Abraham-Abkommens mehr Juden in die VAE gezogen?

LD: Ungeheuerlich viel. Ein Großteil davon kommt über israelische Start-up-Unternehmen. Große israelische Unternehmen wie das Fintech-Unternehmen Rapyd eröffnen Büros in den VAE. Dies wiederum hat dazu geführt, dass seit dem Abkommen viele jüdische Familien inss Land ziehen. Unternehmen wie Hilton haben damit begonnen, jüdische Führungskräfte in die VAE umzusiedeln, da sie wissen, dass die Gemeinde nun über die nötige Infrastruktur verfügt, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Unsere Gemeinde ist von ein paar hundert auf mehrere tausend angewachsen.

YM: Wie war es, Ihre Hochzeit in den VAE zu feiern?

LD: Meine Hochzeit fand in Abu Dhabi statt, es war die erste jüdische Hochzeit in Abu Dhabi. Es war ziemlich unglaublich, denn wir hatten 1.500, wenn nicht mehr, Gäste bei, darunter Botschafter, Regierungsbeamte der VAE und Kollegen und Freunde aus der ganzen Welt, die nach Abu Dhabi kamen, um eine chassidische Hochzeit zu feiern. Es war absolut unglaublich. Wir hatten einen chassidischen Sänger, eine israelische Band und einen Neshama-Chor, die alle nach Abu Dhabi kamen, um eine koschere jüdische Hochzeit zu feiern.

Bei unserer Hochzeit, bei der wir Chassidim mit Emiratis tanzen und feiern sahen, haben wir die Macht des Abraham-Abkommens wirklich gesehen. Die Oberrabbiner des Iran, aus Singapur, Nigeria und der Türkei waren anwesend und tanzten auf der Hochzeit. Auch der chinesische, ägyptische, marokkanische und irische Botschafter waren anwesend.

Ich hatte nicht damit gerechnet, dass all diese Gäste kommen würden, und sowohl arabische als auch jüdische Zeitungen berichteten ausführlich über die Hochzeit. Ich bin der erste ansässige Rabbiner hier in den VAE gewesen. Nach acht Jahren konnte ich all die bedeutungsvollen und wunderbaren Beziehungen sehen, die wir in diesem Land aufgebaut haben, und es war einfach unglaublich.

YM: Wie würde sich die ›jüdische Erfahrung‹ in anderen Teilen der arabischen Welt unterscheiden?

LD: Ich denke, der Hauptunterschied besteht darin, dass die Vereinigten Arabischen Emirate uns die Möglichkeit gegeben haben, die jüdische Infrastruktur aufzubauen, die für die weitere Entwicklung der Gemeinde erforderlich ist. Mikwe, Gotteshäuser, koschere Restaurants haben es Juden leichter gemacht, sich hier ein Leben aufzubauen.

Das Judentum kann für verschiedene Menschen eine Vielzahl von Dingen bedeuten. Es kann bedeuten, einen Ort zu haben, an dem man eine koschere Mahlzeit einnehmen, Kol Nidre feiern oder Challah kaufen kann, um einen Segen zu sprechen. Unsere Aufgabe als Rabbiner der Gemeinde ist es, dafür zu sorgen, dass alle Juden in den VAE versorgt werden. Die Gemeindemitglieder fühlen sich wohl, weil sie wissen, dass sie in den VAE die jüdische Lebensweise bewahren können.

Ich möchte andere Länder nicht namentlich nennen, aber viele haben nicht die Infrastruktur, um eine jüdische Gemeinde anzuziehen und ihr ein Gedeihen zu ermöglichen. Vor kurzem fanden zum Beispiel einige Spiele der amerikanischen Basketball Association in den VAE statt – ich glaube, die Milwaukee Bucks und die Atlanta Hawks. Einige Mitglieder des Eigentümers sind jüdisch, und sie kamen zum Jom-Kippur-Gottesdienst zu uns, weil sie wissen, dass sie das hier tun können.

YM: Sollten zukünftige Abkommen von der Bereitschaft der arabischen Staaten abhängen, den Wiederaufbau und die Stärkung der jüdischen Gemeinden innerhalb ihrer Grenzen zu unterstützen?

LD: Es ist unglaublich wichtig, den Aufbau der jüdischen Infrastruktur in der Diaspora zu unterstützen; genau das tun wir hier in den VAE. Normalisierungsabkommen sollten nicht davon abhängig gemacht werden, ob die arabischen Staaten dem Wiederaufbau und der Stärkung der jüdischen Gemeinden zustimmen, aber die Abkommen würden durch eine solche Verpflichtung aufgewertet werden. So sind beispielsweise viele jüdische Geschäftsführer und leitende Angestellte, die für Unternehmen in den verschiedensten Bereichen tätig sind, freiwillig hierhergezogen, weil die Regierung sich verpflichtet hat, die jüdische Gemeinschaft zu schützen und ihr zu helfen, zu gedeihen.

YM: Welchen Rat würden Sie Ländern in der Region geben, die ihre jüdischen Gemeinden anziehen und stärken wollen?

LD: Ich denke, es geht darum, die Grundbedürfnisse dieser Gemeinden kennenzulernen, sei es Bildung oder koschere Lebensmittel. Dies kann durch eine enge Zusammenarbeit mit jüdischen Führungspersönlichkeiten vor Ort geschehen, die die Bedürfnisse und Wünsche ihrer eigenen Gemeindemitglieder kennen. Wir arbeiten kontinuierlich mit der Regierung zusammen und haben durch diese enge Zusammenarbeit unglaubliche Fortschritte erzielt.

Es geht darum, Menschen vor Ort zu haben und ihnen die nötige Infrastruktur für ein jüdisches Leben zu bieten. Es ist tatsächlich einfacher für mich, mitten in Dubai koscheres Essen zu finden als im Zentrum von London. Etihad Airways, die nationale Fluggesellschaft der VAE, hat eine eigene koschere Küche.

Die Regierung baut derzeit das Abrahamic Family House, das aus einer Moschee, einer Kirche, einer Synagoge und einem Bildungszentrum besteht und auf der Insel Saadiyat, dem kulturellen Zentrum von Abu Dhabi, entstehen soll. Für unsere Hochzeit mussten wir kein koscheres Essen importieren, alles wurde vor Ort gemacht. Unsere  Arbeit kann nicht aus der Ferne erledigt werden, wir müssen vor Ort sein, und die Infrastruktur ist entscheidend.

Das Interview erschien auf Englisch beim Jewish News Syndicate. (Übersetzung von Alexander Gruber.)

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