Im MENA-Talk mit Jasmin Arémi spricht Alexandra Klei, Architekturhistorikerin, Autorin und Mit-Herausgeberin des Buches Jüdische Realitäten nach dem 7. Oktober über dessen Entstehung und die Herausforderungen, denen sich jüdische Künstler, Kulturschaffende und Akademiker heute gegenübersehen.
Mit dem Jahrbuch Jüdische Realitäten nach dem 7. Oktober, erschienen im werkraum bild und sinn e.V., haben Alexandra Klei und Annika Wienert einen Rahmen für künstlerische und persönliche Beiträge geschaffen, welche die politischen und gesellschaftlichen Folgen dieses Datums für Jüdinnen und Juden in Deutschland, Europa, Israel, den USA und Australien thematisieren.
»Wir sind ein kleiner Verein aus Berlin, der bereits seit über zehn Jahren publiziert. Nach finanziellen Herausforderungen bei Ausstellungsmöglichkeiten haben wir uns verstärkt auf Veröffentlichungen konzentriert«, erzählt Klei im Mena-Talk. Spätestens seit dem 7. Oktober 2023 vergehe kein Tag, an dem jüdische Räume in Kunst und Wissenschaft nicht weiter unter Druck geraten. Es sind Veranstaltungen, die gestört werden, Sichtbarkeit, die eingeschränkt wird, jüdische Stimmen, die marginalisiert oder zum Schweigen gebracht werden sollen.
Formen des Erinnerns
Ein besonderes Merkmal des Buches ist die bewusst offene Einladung an die Beitragenden ohne inhaltliche Vorgaben. »Die einzige Regel war, dass die Beiträge nicht länger als zwanzig Seiten sein sollten«, berichtet die Architekturhistorikerin. Die Bereitschaft zur Mitarbeit war groß, und es war ihnen als Herausgeberinnen wichtig, allen die Teilnahme zu ermöglichen. »Die Beiträge kommen aus unterschiedlichen Ländern, Berufsfeldern und künstlerischen Zugängen. Es sind Essays, Gedichte, Fotografien und künstlerische Werke, die aus persönlicher Betroffenheit, Reflexion, aber auch künstlerischem Ausdruck entstanden sind.«
Das Buch sammelt nicht nur unmittelbare Reaktionen auf den 7. Oktober 2023, es enthält auch Arbeiten, die weiterhin wichtig erschienen, um langanhaltende Entwicklungen sichtbar zu machen oder neue Perspektiven zu eröffnen. So dokumentiert der Fotograf Eli Singlakowski seit 2014 Synagogen in Europa mit ihren Sicherheitsvorkehrungen. Eine Arbeit, die vor dem Hintergrund des gegenwärtigen Antisemitismus zusätzliche Aktualität erhält.
Die Entstehung des Sammelbands war für das Team von werkraum bild und sinn e.V. eine intensive Erfahrung: »Wir haben ihn in weniger als einem Jahr fertiggestellt. Mit einigen der Beitragenden hatten wir bereits bei anderen Veröffentlichungen zusammengearbeitet, andere haben wir im Verlauf des Projekts näher kennengelernt.« Besonders emotional sei die Phase im Februar 2025 gewesen, während der einige Geiseln freigelassen wurden: »Diese Zeit war geprägt von einer schwer auszuhaltenden Mischung aus Schmerz, Hoffnung und Trauer.«
Einige Künstler konnten nach dem 7. Oktober 2023 zunächst nicht weiterarbeiten, fanden aber durch die Einladung zum Buch einen Anlass, künstlerisch aktiv zu werden. Zu den Beiträgen, die Alexandra Klei persönlich besonders berührt haben, gehört das Trauertagebuch, das Ronnie Gross nach der Ermordung von Camel Gat geführt hat, und ein Text von Jacky Klein, der die Monate nach dem 7. Oktober aus persönlicher Perspektive und anhand von Fotografien reflektiert. »Viele Beiträge sind für mich mit großer Emotionalität verbunden, jeder einzelne erzählt seine eigene Geschichte und ist weit mehr als nur ein Text oder Bild im Buch.«
Gesellschaftliche Dynamik und politische Realität
Alexandra Klei, die regelmäßig Zeit in Israel verbringt, beschreibt die vergangenen zwei Jahre als eine komplexe und emotionale Phase: »Nach der Freilassung der letzten 20 lebenden Geiseln konnten viele, auch ich, zum ersten Mal wieder freier atmen, das war fast körperlich spürbar.« Zugleich sei die Situation nach wie vor von Phasen der Verzweiflung und Lähmung begleitet worden, zwei der ermordeten Geiseln sind immer noch in Gaza. »Die gesellschaftlichen Veränderungen sind vielschichtig. Man sucht permanent nach Begriffen, um dieses Leben im Ausnahmezustand zu fassen.«
Die allgegenwärtige Präsenz des Themas prägt den Alltag in Israel bis in den öffentlichen Raum hinein. »An vielen Orten gibt es Gedenktafeln oder Plakate. Es gibt kaum einen Platz ohne diese kontinuierliche Erinnerung. Das prägt Gespräche und gesellschaftliche Stimmungen und das Selbstverständnis bis heute.«
Besorgniserregend ist die zunehmende Isolation israelischer Künstler und Wissenschaftler in Deutschland. »Schon vor dem 7. Oktober 2023 gab es Erfahrungen mit BDS und ähnlichen Bewegungen, aber die aktuelle Situation hat das deutlich verschärft. Für viele ist es inzwischen kaum möglich, ihre Arbeiten öffentlich zu zeigen oder Kooperationen einzugehen.« Gerade deshalb betrachtet Klei es als eine zentrale Aufgabe, Strukturen zu schaffen, die Unterstützung bieten, Räume und Netzwerke zu ermöglichen, die aktiv Halt bieten.
»Man muss einfach anfangen, Solidarität zu zeigen, auch wenn es nur bedeutet zu sagen, dass ich für dich da bin«, betont sie. »Es kann helfen, kleine Projekte, Ausstellungen oder wissenschaftliche Kooperationen anzubieten. All das hilft, diese Isolation zu durchbrechen.«
Die Vielzahl der Stimmen, die der Band versammelt, zeichnet ein eindrückliches Bild der vergangenen zwei Jahre. Entstanden ist ein künstlerisch-essayistisches Dokument der Gegenwart nach dem 7. Oktober 2023. Ein notwendiger Einspruch gegen das Verstummen, gegen die kulturelle Überformung und Verharmlosung des Antisemitismus.






