Eine aktuelle Untersuchung gibt Aufschluss darüber, wie wenig in europäischen Schulbüchern auf den zeitgenössischen Antisemitismus eingegangen wird.
Mike Wagenheim
Eine im vergangenen November veröffentlichte Studie der Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO) hat nicht nur große Lücken in der Vermittlung jüdischer Geschichte in Dänemark, Frankreich, Deutschland, Griechenland, Ungarn, Litauen, Polen und Spanien festgestellt, sondern auch einen Mangel an Informationen über den zeitgenössischen Judenhass in den Lehrplänen dieser Länder.
»Antisemitismus wird heute entweder gar nicht (zum Beispiel in Ungarn, Litauen oder Griechenland) oder nur am Rande (zum Beispiel in Dänemark, Spanien und Polen) in Lehrbüchern behandelt«, heißt es in der Studie. »In einigen Fällen betonen die Unterrichtsmaterialien die Kontinuität zwischen historischem und zeitgenössischem Antisemitismus, indem sie die zeitgenössische Menschenrechtsgesetzgebung als Reaktion der Nachkriegszeit auf die Verfolgung und Ermordung von Juden im Holocaust darstellen. Zeitgenössischer Antisemitismus wird am häufigsten im Zusammenhang mit Hassverbrechen oder Vorurteilen behandelt.«
Peter Carrier vom Georg-Eckert-Institut in Deutschland, der Teil des dreiköpfigen Studienteams war, sagte gegenüber Jewish News Syndicate (JNS), dass er »grob wusste, was wir finden würden«, dennoch wurde ein Fragebogen entwickelt, um »alle möglichen Eventualitäten abzudecken. Es ist wichtig, offen für Überraschungen zu sein. Und es gab einige Überraschungen.« So war eine Erkenntnis, die überraschte, der Mangel an Vorgaben seitens der Regierungsbehörden zum Lehrplan: »Es gibt einen erstaunlichen Mangel an Kohärenz und nur sehr wenige Informationen über die jüdische Geschichte in den staatlichen Lehrplänen. Was es gibt, ist bruchstückhaft und nicht systematisch, nicht durchdacht und nicht zwischen den verschiedenen Ländern koordiniert«, konstatierte Carrier.
Katharina von Schnurbein, Koordinatorin der Europäischen Kommission für die Bekämpfung von Antisemitismus und die Förderung des jüdischen Lebens, erklärte gegenüber JNS, dass die Studie »Pädagogen und politischen Entscheidungsträgern wichtige Hinweise darauf geben kann, was sie tun müssen, um die Lücken in Lehrbüchern und Lehrplänen zu schließen«. Es gelte, »genaue und aussagekräftige Informationen über den Holocaust« besser zu vermitteln, »die Rolle der Juden in der Geschichte« aufzuzeigen und »zeitgenössische Formen des Antisemitismus auf kohärente Weise« anzugehen.
Die Kommission unterstützte die Studie finanziell im Rahmen ihrer Partnerschaft mit der UNESCO. »Wir sind zuversichtlich, dass dieses Instrument in Verbindung mit den Maßnahmen der UNESCO Pädagogen konkret und wirksam unterstützen wird«, zeigte sich von Schnurbein optimistisch.
Nicht dieselbe Wellenlänge
Wie Peter Carrier erklärte, würden die untersuchten europäischen Lehrbücher den Monotheismus stark betonen. »Also alte Geschichte, das alte Israel. Dann ein wenig über das Mittelalter. Aber die frühe Neuzeit, sogar die Moderne, also das 19. Jahrhundert, wird nur sehr schwach behandelt oder fehlt ganz. Dann springen wir direkt ins 20. Jahrhundert.«
Das bedeute, dass die Lehrbücher den Schülern Wissen über das Judentum in biblischer Zeit vermitteln und »dann rasen wir durch die folgenden achtzehn Jahrhunderte und landen im 20. Jahrhundert mit dem Holocaust und Israel. Zwischen diesen beiden historischen Polen muss mehr Substanz hinein«, stellte Carrier fest.
Einige Lehrbuchkonzepte sind laut Carrier durchwachsen, wie beispielsweise die eklektisch wirkenden ungarischen Schulbücher, »die nicht alle auf derselben Wellenlänge« seien. Ungarische Texte zeichneten einerseits eine »sehr vereinfachte« Trennung zwischen mittelalterlichen Christen und Juden, stellten andererseits den modernen Konflikt im Nahen Osten jedoch in den Kontext des Kalten Kriegs, was »eine sehr, sehr vernünftige Vorgehensweise ist, um das Verständnis komplexer zu gestalten«.
Carrier ist der Meinung, dass diese Feinheiten eher auf die einzelnen Lehrbuchautoren als auf die Haltung der Regierungen der jeweiligen Länder zurückzuführen sind. So fanden er und seine Kollegen mehr Kohärenz in Frankreich, das über ein zentralisiertes Bildungssystem verfügt.
Die untersuchten Länder arbeiteten größtenteils zusammen, aber die Arbeit wurde hauptsächlich von einzelnen Autoren und Wissenschaftlern geleistet, die sich in ihren Heimatländern intensiv mit den Lehrbüchern befassten. Laut Carrier gab es kaum Abstimmung mit staatlichen Stellen. Es gab einige Workshops, in denen die Ministerien aufgefordert wurden, »die jüdische Geschichte und den Antisemitismus stärker zu berücksichtigen, insbesondere in der heutigen politischen Situation«, erläuterte Carrier.
Polemik und Widerstand
Diese Ministerien seien zwar »immer bereit, solche Veranstaltungen stattfinden zu lassen, aber es gibt Spannungen, um es höflich auszudrücken, auch innerhalb der Delegationen. Es besteht eine große Bereitschaft zur Teilnahme, aber auch eine Zurückhaltung, der Linie der UNESCO zu folgen«, die Darstellungen der jüdischen Geschichte zu verstärken und zu untersuchen. »Es gibt Widerstand dagegen, weil die Haltung gegenüber der jüdischen Geschichte und den aktuellen Ereignissen oft sehr polemisch ist.«
Diese Haltung führte laut Carrier zu einer Verzögerung der Veröffentlichung der Studie, weil »eine Gruppe nationaler Delegierter aus Bildungsministerien, die in Paris sitzen«, wo die UNESCO ansässig ist, diese zurückhielten. »Die UNESCO hat uns keine Details darüber mitgeteilt, welcher Widerstand gegen die Veröffentlichung geleistet wurde.« Er selbst glaube, dass Polen und Ungarn »sich ein wenig über einige Inhalte beschwert haben«.
Die Studienautoren empfehlen, die jüdische Geschichte als integralen Bestandteil der europäischen Geschichte darzustellen, über die Darstellung der Juden als Opfer hinauszugehen, jüdische Stimmen – einschließlich jener von Frauen und Mädchen – aus verschiedenen historischen Epochen einzubeziehen und sicherzustellen, dass Bildmaterial antisemitische Stereotypen nicht verstärkt und reproduziert. Gleichzeitig warnen sie, dass die aktuellen Lehrbücher, die sich nicht auf moderne Themen konzentrieren, bei den Schülern den Eindruck hinterlassen könnten, dass Antisemitismus nur ein Problem der Vergangenheit sei. Nur etwa zehn Prozent der von ihnen analysierten Lehrmaterialien befassen sich laut Analyse mit dem zeitgenössischen Judenhass.
Die UNESCO erklärte, dass es in den Unterrichtsbüchern Beispiele dafür gebe, »wie integrative, einfühlsame und aufschlussreiche Inhalte neue Wege der Auseinandersetzung mit dem jüdischen Leben und der jüdischen Geschichte in Europa anregen können«. Außerdem veröffentlichte die UN-Organisation ein Handbuch mit praktischen Anleitungen für den Umgang mit Antisemitismus im Unterricht.
Das Dokument empfiehlt die Verwendung »authentischer, persönlicher Geschichten, um Erfahrungen zu vermenschlichen und Vorurteile infrage zu stellen« und befürwortet »den interkulturellen Dialog und die Auseinandersetzung mit dem jüdischen Erbe«, um Schüler dazu anzuregen, »Vorurteile zu überwinden und Brücken zwischen Gemeinschaften zu bauen«. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Medienkompetenz zur Bekämpfung von Desinformation im Internet.
Die Publikationen sind Teil des UNESCO-Projekts »Bekämpfung von Antisemitismus durch Bildung«, das im Jahr 2023 ins Leben gerufen wurde und laut Angaben der Organisation bis jetzt mehr als 1.300 Pädagogen und politische Entscheidungsträger in ganz Europa geschult hat.
Der Text erschien auf Englisch zuerst beim Jewish News Syndicate. (Übersetzung von Alexander Gruber.)






