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»Wir sind ein Journalistenverband, keine jüdische Verschwörung!«

Lorenz Beckhardt im Mena-Interview: »Wir sind ein Journalistenverband, keine jüdische Verschwörung!«
Lorenz Beckhardt im Mena-Interview: »Wir sind ein Journalistenverband, keine jüdische Verschwörung!« (© Monika Sandel)

Im Gespräch mit Elisa Mercier erklärt der ARD-Journalist und Autor Lorenz Beckhardt, wie die Israel-Berichterstattung nach dem 7. Oktober 2023 zur Gründung des Verbandes Jüdischer Journalistinnen und Journalisten (JJJ) führte, dessen Co-Vorsitzender er ist. Beckhardt berichtet, was der Verband bisher bewirkt hat und wie er jüdisches Leben sichtbarer machen will.

Elisa Mercier (EM): Im November 2024 haben Sie und andere jüdische Medienschaffende den Verband jüdischer Journalistinnen und Journalistengegründet. Warum?

Lorenz Beckhardt (LB): Der Verband ist aus einer losen Chatgruppe hervorgegangen, die sich nach dem 7. Oktober 2023 gebildet hatte. In der Gruppe tauschten sich jüdische Kolleginnen und Kollegen vor allem aus der ARD aus, die unzufrieden bis schockiert waren über die Berichterstattung über Israel und den Gaza-Krieg in den eigenen Häusern. Viele fühlten sich isoliert in der dort oft herrschenden antizionistischen Stimmung und hatten das Gefühl, in ihren Redaktionen nicht offen über ihre Perspektive sprechen zu können. Besonders betroffen davon waren freie Mitarbeitende ohne feste Verträge.

Nach einigen Monaten stellte jemand im Chat die Frage, warum es keinen Interessenverband gibt, der einerseits jüdische Medienschaffende, andererseits jüdische Perspektiven in den Medien vertritt. Daraus entstand die Idee, einen Verband zu schaffen und strukturell sichtbarer zu werden. Wir diskutierten Aufgaben, Ziele und schließlich eine Satzung. In Frankfurt am Main – im Jüdischen Museum – haben wir dann den Verband gegründet.

EM: Der Verband existiert nun gut ein Jahr. Welche Bilanz ziehen Sie bisher und was lief anders als erwartet?

LB: In den ersten sechs Monate waren wir vor allem mit Formalitäten beschäftigt: Eintragung ins Vereinsregister, Vereinskonto einrichten, Satzungsanpassungen für die Gemeinnützigkeit. Mittlerweile sind wir über vierzig Mitglieder, darunter auch ehemalige Journalisten, die zwar im Ruhestand sind, aber weiter publizieren. Ich bin sicher, dass wir weiterwachsen, denn wir wissen von weiteren jüdischen Medienschaffenden, die beitreten möchten.

Wir haben viele Ideen: Fortbildungen für Medienleute, Tagungen, Pressearbeit. Ein Projekt ist ein Journalistenpreis für die Berichterstattung über jüdisches Leben. Derzeit definieren wir die Kriterien für die Preisvergabe. Zudem arbeiten wir mit Medienwissenschaftlern an einer Studie zur Berichterstattung der Leitmedien seit dem 7. Oktober 2023. Wir haben den Eindruck, dass diese unausgewogen war, doch wir müssen das auf evidenzbasierte, wissenschaftlich abgesicherte Füße stellen.

Rasch aufgekommener Widerstand

EM: Welche Rückmeldungen haben Sie seit der Gründung des Verbands erhalten?

LB: Zu Beginn gab es viel Interesse und viele Nachfragen. Über unsere Gründung berichteten zahlreiche Medien sehr positiv. Deutlich wurde aber auch Widerstand – besonders, als wir uns kritisch an der Diskussion um die Vergabe des Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises an die ARD-Korrespondentin Sophie von der Tann beteiligten. Wir haben einige wenige kritische Texte in der Presse veröffentlicht und plötzlich hieß es, wir hätten eine Kampagne gegen unabhängige Berichterstattung angezettelt, würden Medienschaffende, die kritisch über israelische Politik berichten, einschüchtern.

Abgesehen davon, dass wir aus Prinzip niemals Kollegen einschüchtern würden und sich eine ARD-Reporterin völlig zu Recht auch niemals von einer Handvoll jüdischer Kollegen einschüchtern ließe – das weiß ich, weil ich selbst seit über dreißig Jahren ARD-Reporter bin –, klang die Reaktion auf unsere Kritik nach dem uralten Gerücht über eine »jüdische Verschwörung«. Die Reaktionen waren massiv und kamen binnen weniger Stunden wie bestellt, sodass wir wiederum den Eindruck hatten, dass die »Kampagne« viel mehr gegen uns inszeniert wurde. Es gibt auch schon erste Folgen: Beteiligte Kollegen bekommen plötzlich keine Aufträge mehr. All das zeigt, wie notwendig unser Verband ist.

Bei Sexismus, Rassismus oder generell bei Diversity-Themen gilt es als selbstverständlich, Betroffene einzubeziehen und ihre Perspektive zu hören. Bei jüdischen Themen oder Antisemitismus ist das viel seltener der Fall. Nach Anschlägen wie am Bondi Beach fahren Kollegen zwar zu jüdischen Gemeinden und fragen, wie es den Menschen geht. Mit der Abfrage jüdischer Befindlichkeit hat es sich meist aber auch. Es wird selten nach den Ursachen des Antisemitismus gefragt.

Man fragt auch nicht, welche Verantwortung man mit der eigenen Berichterstattung hat für ein gesellschaftliches Klima, in dem solche Anschläge verübt werden. Auch der Zusammenhang zwischen der Nahost-Berichterstattung und ihren Folgen für Juden weltweit wird von nichtjüdischen Journalisten selten thematisiert. Wer das anspricht, bekommt heftigen Gegenwind. Man kann kaum über Antisemitismus sprechen, ohne dass man als Unterstützer der Regierung Netanjahu abgestempelt wird.

Um das hier klar zu sagen: Wir sehen als Journalistenverband keine Notwendigkeit, uns ständig für oder gegen eine bestimmte Politik auszusprechen, sei es deutsche oder israelische Politik, aber wir unterstützen niemanden, der journalistische Berichterstattung einschränkt, nirgendwo. Das diverse Meinungsspektrum in der jüdischen Community taucht aber leider in keiner Talkshow auf. Da werden fast nur Juden eingeladen, die als Kronzeugen das antisemitische Narrativ von der Auschwitzkeule bestätigen, wonach wir Juden den Antisemitismusvorwurf nutzten, um von unseren »Missetaten« abzulenken. Antisemitismusvorwürfe sind große Aufreger. Antisemitismus nicht.

EM: Mit welchen Anliegen und Belastungen jüdischer Medienschaffender werden Sie am häufigsten konfrontiert?

LB: Viele berichten von wachsender Isolation. Freundschaften und Kollegialität zerbrechen. Wer nicht vorbehaltlos gegen Israel argumentiert, wird schnell als »Zionist« oder »Nestbeschmutzer« etikettiert. Manche jüdische Kollegen bekommen Themen in ihren Redaktionen nicht mehr durch; Beiträge werden abgelehnt, die vor wenigen Jahren problemlos angenommen worden wären. Ein Redakteur antwortete einer Kollegin, die über die Shoa berichten wollte: »Solange Kinder in Gaza verhungern, können wir nicht über den Holocaust berichten.«

Erst am Anfang

EM: Wie gelingt es dem Verband, in Redaktionen Bewusstsein für Antisemitismus und differenzierte Israel-Berichterstattung zu schaffen?

LB: Wir stehen mit unserer Arbeit erst am Anfang und haben mit der Bewusstseinsbildung noch nicht begonnen. Vermutlich würden Fortbildungsangebote auch nur begrenzt angenommen werden, denn Journalisten gestehen sich nur selten ein, dass sie Wissenslücken haben. Ich frage mich ohnehin ganz grundsätzlich, ob die Bekämpfung von Antisemitismus wirklich im allgemeinen gesellschaftlichen Interesse liegt, wie einige von uns gerne argumentieren. Viele Menschen sehen im Antisemitismus keine Bedrohung der Demokratie und zeigen wenig Interesse an jüdischem Leben. Warum auch? Einige sehen es als Bereicherung, andere ignorieren es. Da sollten wir uns nichts vormachen.

EM: Was wünschen Sie sich von nichtjüdischen Kollegen?

LB: Aus der biografischen Prägung unserer nichtjüdischen Kollegen müsste mehr Selbstmisstrauen erwachsen. Sie sollten sich – besonders in Deutschland und Österreich – ebenso mit ihrer Identität, Familiengeschichte und Prägung auseinandersetzen, wie viele Juden es tun. Fast alle deutschen und österreichischen Familien haben eine NS-Vergangenheit. Die (Ur-)Großeltern waren Mitglieder in nationalsozialistischen Organisationen oder in der Wehrmacht, die ebenso eine verbrecherische Organisation war und zumindest haben sie die NSDAP gewählt und ihre judenfeindliche Politik toleriert. So, wie bei uns über die Generationen die Traumata der Verfolgung weitergegeben werden, mindestens unterbewusst, so verschwinden auch die familiären Prägungen der nichtjüdischen Deutschen und Österreicher nicht einfach.

Es gibt Redaktionen, die jüdische Medienschaffende für voreingenommen halten, wenn sie etwa über Israel berichten – und ja, wir sollten uns darüber bewusst sein, dass persönliche Prägungen unser Urteilsvermögen beeinflussen. Aber ebenso sind neunzig Prozent der deutschen Journalisten allein schon familienbiografisch bedingt unfähig, unvoreingenommen über Deutschland, seine Geschichte und Gegenwart zu berichten. Sie können nicht unvoreingenommen etwa über deutsche und europäische Außenpolitik gegenüber etwa dem Nahen Osten berichten, tun es aber dennoch ständig, werden sogar Korrespondenten in Israel – und halten ihre Berichte für unabhängig und journalistisch unangreifbar.

Wenn wir das kritisieren, wird das mit der gleichen herrischen Geste weggewischt, die schon unseren überlebenden Eltern und Großeltern nach dem Krieg begegnet ist, wenn sie zaghaft erwähnten, dass man sie eigentlich umbringen wollte. Wo wir als Journalistenverband die Berichterstattung kritisieren, letztlich wegen – ich überspitze das jetzt mal drastisch – »arischer Voreingenommenheit«, da schlägt uns die gleiche Empörung entgegen wie nach 1945. Dabei reden wir so gut wie nie über Antisemitismus, sondern über journalistisches Handwerk. Die Antisemitismuskeule ist eine antisemitische Erfindung.

Schließlich müsste jüdischen Perspektiven in den Medien mehr Raum gegeben werden, nicht nur den randständigen Positionen von einigen linken Israelis, die sich an der israelischen Regierung abarbeiten, sondern auch den Stimmen, die die Mehrheit der jüdischen Community in Europa repräsentieren, die hier sicher, frei und selbstbestimmt leben will, ohne für Israel in Haftung genommen zu werden. Daran arbeiten wir als Verband und können hoffentlich etwas Sand ins mediale Getriebe streuen. Deshalb freuen wir uns über jedes neue Mitglied, auch aus dem übrigen deutschsprachigen Raum, etwa Österreich, der Schweiz, Luxemburg, Belgien. Wir sind Europäer.

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