Latest News

Jom HaShoah: Versagt Europa erneut?

Am Gedenktag Jom HaShoah kommt das öffentliche Leben in Israel zum Erliegen
Am Gedenktag Jom HaShoah kommt das öffentliche Leben in Israel zum Erliegen (© Imago Images / ZUMA Press Wire)

An Israels Holocaustgedenktag 2026 ist die Dämonisierung des Landes in weiten Teilen von Kultur, Politik und sogar in den moralisch bankrotten Hallen der UN-Diplomatie salonfähig geworden.

Rabbi Abraham Cooper / Daniel Schuster

Jedes Jahr am israelischen Gedenktag für die Opfer der Shoa und den jüdischen Widerstand (Jom HaShoah) kommt der jüdische Staat vollständig zum Stillstand. Für zwei Minuten heulen Sirenen, und ein ganzes Land verharrt regungslos – auf Autobahnen, in Büros, in Wohnungen –, um der sechs Millionen Juden zu gedenken, die in der Shoah ermordet wurden. Es ist ein Moment der Stille, der die Last der Geschichte in sich trägt.

Doch heute klingt diese Stille anders. Für Israelis hat sich die Welt nicht nur deshalb für immer verändert, weil der 7. Oktober 2023 den größten Massenmord an Juden an einem einzigen Tag seit dem Ende des Holocaust markierte, sondern weil ab dem 8. Oktober ein erheblicher Teil Europas die Juden erneut im Stich ließ. Der 7. Oktober war der Tag des Massakers. Der 8. Oktober war der Tag der Bewährungsprobe. Es war der Moment, in dem Europa – 80 Jahre nach der Shoah – zeigen musste, ob es wirklich etwas gelernt hat aus der Dämonisierung und dem Verrat an seinen Juden. Nicht nur aus dem Holocaust, sondern aus Jahrhunderten von Vertreibungen, Pogromen, Ghettos und Ritualmordlegenden.

Schon vor dem 7. Oktober erlebte Europa einen massiven Anstieg des Antisemitismus – von rechts außen, aus radikalisierten Teilen der extremen Linken und aus islamistischen Netzwerken, die den jüdischen Staat offen dämonisieren. Allzu oft blieb die Reaktion rein rhetorisch: Worte ohne Konsequenzen, Erklärungen ohne Taten. Oder – wie etwa in Großbritannien – Gleichgültigkeit und Apathie.

Relativierung statt Solidarität

Unmittelbar nach dem 7. Oktober fanden viele europäische Politiker zunächst die richtigen Worte. Sie reisten nach Israel, sahen die Folgen von Massenmord, Vergewaltigungen und Entführungen mit eigenen Augen. Traumatisierte Israelis nahmen diese Gesten wahr – und schöpften Hoffnung aus der bekundeten Solidarität. Doch was folgte, war keine moralische Klarheit – sondern Rückzug. Keine Solidarität – sondern Relativierung.

Statt eines neuen Kapitels des Verständnisses zwischen Europa und dem jüdischen Volk erleben wir ein systemisches moralisches Versagen in weiten Teilen des Kontinents. In Ländern wie den Niederlanden, Frankreich oder Spanien hat sich die Sprache über Israel zunehmend Narrativen angenähert, die Realität verzerren und Feindseligkeit gegenüber dem jüdischen Staat normalisieren.

Anne Frank wird mit Kufiya dargestellt, ehemalige NS-Konzentrationslager werden als Bühne missbraucht, um Israelis als »Völkermörder« zu diffamieren. In Großbritannien verweigern Polizei und Justiz jüdischen Bürgern oft den notwendigen Schutz. Und die Medien? Mit wenigen Ausnahmen dominieren Narrative – befeuert von Akteuren wie Al Jazeera, der BBC und sozialen Netzwerken –, in denen Israel, Juden und Zionisten pauschal verurteilt werden.

Gleichzeitig kam es zu Anschlägen auf jüdische Schulen in Kanada und den USA sowie zu tödlicher Gewalt gegen Juden in Australien. Weltweit orchestrieren Onlinekampagnen und universitäre Netzwerke eine Hetze gegen Juden, die in ihrer Intensität und Systematik an die Propaganda der Nationalsozialisten erinnert: eine antisemitische Dauerbeschallung voller Verschwörungsmythen, die selbst einen Josef Goebbels zufrieden gestellt hätte. An diesem Jom HaShoah ist die Dämonisierung Israels in weiten Teilen von Kultur, Politik und sogar in den moralisch bankrotten Hallen der UN-Diplomatie salonfähig geworden.

Und doch hat sich etwas Grundlegendes verändert: Während Europa noch immer mit einer Realität ringt, die es nicht vollständig begreift, ist das jüdische Volk nicht länger wehrlos oder bereit, sich mit symbolischen Gesten abspeisen zu lassen. Juden werden sich nicht länger mit verbalen Brosamen zufriedengeben, während sich der Antisemitismus über den Kontinent ausbreitet.

Der Staat Israel existiert, weil die Geschichte uns eine brutale Lehre immer wieder eingeprägt hat: Unser Schicksal darf niemals wieder in die Hände anderer gelegt werden. Die unfassbaren Verbrechen, an die wir an jedem Jom HaShoah erinnern, haben diese Erkenntnis unauslöschlich in das kollektive Bewusstsein unseres Volkes eingebrannt. Vor 80 Jahren klagten die Seelen von sechs Millionen Juden die Gleichgültigkeit der Welt gegenüber Auschwitz, Majdanek, Bergen-Belsen, Mauthausen und Dachau an. Heute sorgt Israel dafür, dass das jüdische Volk nicht mehr der Willkür der Geschichte ausgeliefert ist.

Wie jeder Staat ist auch Israel nicht unfehlbar. Keine Demokratie ist das. Doch Kritik, die den Massenmord an Juden ausblendet, die schweigt, wenn iranische Raketen auf israelische Städte niedergehen und Terrororganisationen Haifa, Tel Aviv und Jerusalem beschießen, ist keine legitime Kritik mehr. Sie ist bewusste Verzerrung. Und wenn Gewalt gegen Israelis und Juden in der Diaspora als »gerechtfertigt« dargestellt wird, wird aus Verzerrung Verleugnung.

Europäer, die seit dem 8. Oktober leichtfertig von »Völkermord« sprechen, haben die Realität auf den Kopf gestellt. Israels militärisches Handeln – so tragisch die Folgen eines Krieges auch sein mögen – dient dem Ziel, ein zweites 7. Oktober unmöglich zu machen. Die Kriege gegen Hamas, Hisbollah und – gemeinsam mit den USA – gegen das mörderische Regime der iranischen Ayatollahs als »Genozid« zu bezeichnen, entleert den Begriff seiner Bedeutung und verrät zugleich das historische Erbe, das Europa zu verteidigen vorgibt.

Erneutes Versagen?

An diesem Jom HaShoah werden wir uns erinnern: an das Ausbleiben der Empörung, an die Weigerung mancher Demokratien, zu helfen – oder auch nur amerikanische Überflüge mit dringend benötigter Munition zu erlauben –, während israelische Familien das Pessachfest in Luftschutzbunkern begehen mussten. Wir werden uns auch an jene kulturellen Eliten erinnern, die ihre Talente einsetzen, um Mörder von Juden zu rechtfertigen oder gar zu glorifizieren.

An diesem Jom HaShoah laden wir nur jene ein, die sich der Normalisierung des Antisemitismus entgegenstellen, die Hetze nicht relativieren, die dem jüdischen Volk nicht das Recht auf Selbstverteidigung absprechen und die begreifen, dass es gegenüber dem Bösen keine Neutralität gibt. Für jene in Europa, die an der Seite des jüdischen Volkes und Israels stehen, gilt: Ihre Solidarität zählt – und sie ist willkommen. Für jene jedoch, die Judenhass ermöglichen und zugleich hohle Phrasen dreschen, gilt: Sparen Sie sich Ihre Krokodilstränen und bleiben Sie diesem Jom HaShoah fern.

Das jüdische Volk wird weiterhin den Dialog mit der Welt suchen, Freunde gewinnen und Allianzen schmieden – damit »Nie wieder« nicht endgültig zu »Immer wieder« verkommt. An diesem Jom HaShoah rufen wir Europa auf, die Warnungen von Winston Churchill ernst zu nehmen: Die Beschwichtigung des Bösen führt unweigerlich zur Katastrophe. Beim letzten Mal erkannte Europa das zu spät. Europa sollte sich erinnern: Es begann allzu oft mit den Juden – aber es endete nie mit den Juden.

Bleiben Sie informiert!
Mit unserem wöchentlichen Newsletter erhalten Sie alle aktuellen Analysen und Kommentare unserer Experten und Autoren.

Zeigen Sie bitte Ihre Wertschätzung. Spenden Sie jetzt mit Bank oder Kreditkarte oder direkt über Ihren PayPal Account. 

Mehr zu den Themen

Das könnte Sie auch interessieren

Wir reden Tachles!

Abonnieren Sie unseren Newsletter und erhalten Sie alle aktuellen Analysen und Kommentare unserer Experten und Autoren!

Nur einmal wöchentlich. Versprochen!