Jörg Haider: „In der Palästinenserfrage einer Meinung mit Saddam Hussein“

Vor zehn Jahren kam Jörg Haider bei einem Autounfall ums Leben. In den zahlreichen Rückblicken auf sein Leben, die dieser Tage veröffentlicht werden, bleibt ein Thema weitgehend ausgespart, nämlich Haiders Faszination für diverse arabische Diktatoren und deren Familien, die nicht zuletzt auf einer gemeinsamen ideologischen Grundlage aufbaute: der antisemitisch motivierten Feindschaft zu Israel, die Heribert Schiedel vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes in einer Rezension des Buches hervorhob, in dem Haider einst in Erinnerungen an seine Besuche bei Saddam Hussein und anderen blutrünstigen Massenmördern schwelgte.

„Jörg Haider hat die Eindrücke von seinen Solidaritätsbesuchen im Irak zu Papier gebracht: Unter dem Titel ‚Zu Gast bei Saddam. Im ‚Reich des Bösen‘‘ erschien Ende März 2003 beim Ibera Verlag ein gut zweihundertseitiges Bekenntnisbuch des Kärntner Landeshauptmannes. Dieses erschöpft sich weitgehend in einer Reproduktion der irakischen Regierungspropaganda und ist durchsetzt von unhinterfragter Faszination gegenüber dem ‚Orient‘. Der kritischen LeserInnenschaft erschließt sich darüber hinaus, worin die weltanschauliche Grundlage von Haiders Sympathiebekundungen gegenüber dem arabischen Nationalismus und dessen tragenden Eliten besteht, nämlich in einem radikalen ‚Antizionismus‘, der sich gegen den Staat der Juden und Jüdinnen richtet. (…)

Als Schlüsselstellen im Buch erscheinen jene Abschnitte, in denen Haider den Antisemitismus seiner arabischen Gesprächspartner einfach reproduziert: ‚In ihrem [der Irakis] Verständnis war bereits das alte Babylon Widersacher und Feind der Juden, die heute, verkörpert durch Israel, den Irak als Inbegriff des Arabertums vernichten wollten.‘ (S. 56) An anderer Stelle berichtet er wieder über ein Gespräch mit Tarek Aziz: ‚Immerhin wäre der Irak den USA nicht allein wegen seiner Ölvorräte ein Dorn im Auge, sondern auch aufgrund der Tatsache, dass sein Land es als einziges wagte, der israelischen Aggression die Stirn zu bieten und die Palästinenser zu unterstützen. […] Dabei machte er klar, dass er das Problem in den USA nicht allein aufseiten der Republikaner sah. Denn auch die Demokraten, die sehr stark von jüdischen Kreisen beeinflusst seien, unterstützen in der Irak-Frage voll und ganz den Kurs von Bush junior.‘ (S. 61 f.)

Es ist dieser spezifische Antisemitismus, der die schiefe Wahrnehmung des Nah-Ost-Konfliktes determiniert. So ist die Rede von der ‚mit Deckung der USA unverhohlen betriebenen israelischen Aggressionspolitik im Nahen Osten‘ (S. 62). Auch seien nicht Giftgasmörder, Despoten oder islamistische Selbstmordattentäter, sondern die USA und Israel ‚im Wesentlichen dafür verantwortlich, dass sich die Welt insgesamt in einer angespannten und unsicheren Lage befände‘. (Ebenda)

Schließlich kommt Haider auf seine Treffen mit Saddam, der Hitlers ‚Mein Kampf‘ einmal als ‚das wichtigste in unserem Jahrhundert geschriebene Buch‘ bezeichnet hat, zu reden. Bei diesen schlug ihm von Anfang an ‚durchaus eine Atmosphäre der Freundlichkeit und Aufgeschlossenheit entgegen‘ (S. 71). Auch hier ist es die antisemitische Weltanschauung, die reproduziert wird: ‚Saddam Hussein kam umgehend zur Analyse der politischen Situation im arabischen Raum. Im Wesentlichen deckten sich seine Ausführungen bezüglich der Einschätzung speziell der Rolle Israels im Zusammenspiel mit den USA mit jenen seines Vizepremiers Aziz. Allerdings – und das kam bei ihm besonders stark hervor – betonte er immer wieder seine politische Vision von der Einigung der arabischen Nation, um deren elementare Interessen gegen die ‚Zionisten‘, wie Israel in all diesen Gesprächen immer wieder genannt wurde, mit entsprechendem Nachdruck zu verteidigen. Als Vorkämpfer dieser Idee der arabischen Einigung hätte er sich ganz besonders der Sache der Palästinenser und ihres Kampfes um Eigenstaatlichkeit angenommen. Das wäre auch der Hintergrund dafür, dass er den Familien der Selbstmordattentäter, die ja bei israelischen Vergeltungsaktionen mit einem Schlag ihres gesamten Hab und Gutes beraubt würden, finanzielle Unterstützung zukommen ließe.‘ (S. 71)

Haider fiel auf, dass Saddam ‚immer dann, wenn es in unserem Gespräch um die Palästinenserfrage ging, sehr aufgeweckt und emotionalisiert wirkte und es verstand, ausgesprochen konsequent zu argumentieren und die Dinge auf den Punkt zu bringen‘. (S. 72) Unumwunden räumt der Kärntner Landeshauptmann ein, ‚von der scharfen Logik und den klaren Argumentationslinien Saddam Husseins überrascht gewesen zu sein‘. (Ebenda) Lobende Worte also für jemanden, der Israel als ‚Zionistengebilde‘ zu bezeichnen pflegt und von einem judenreinen Palästina träumt. Aber Haider wird noch deutlicher, wenn er offen bekennt, dass er ‚in der Palästinenserfrage einer Meinung mit Saddam Hussein‘ (S. 77) ist.“ (Heribert Schiedel: „Haider als ‚Gast bei Saddam‘“.)

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