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Jesiden: Waffen zum Schutz, Lebensmittel zum Überleben

Gedenkfeier für die Opfer des Völkermords an den Jesiden im Irak
Gedenkfeier für die Opfer des Völkermords an den Jesiden im Irak (© Imago Images / ZUMA Press Wire)

Die aktuellen Ereignisse in Syrien wecken im irakischen Sindschar erneut Ängste unter den Jesiden vor einem Völkermord wie im Jahr 2014.

Kirkuk Now

Die jüngsten Entwicklungen in Syrien haben unter den Jesiden in der Region Sindschar (Shingal), wo die Erinnerungen an den Völkermord von 2014 noch immer lebendig sind, erneut Ängste geweckt. In den letzten zwei Wochen spiegeln Veränderungen im täglichen Leben – das Horten von Lebensmitteln, der Kauf von Zelten und sogar die Suche nach Waffen – die wachsende Angst wider, dass sich die Geschichte wiederholen könnte.

Im Jahr 2014 eroberte der Islamische Staat (IS) im Irak und in Syrien weite Teile des Nordiraks und verübte systematische Gräueltaten gegen ethnische und religiöse Minderheiten, insbesondere Jesiden und Christen. Im Bezirk Sindschar in der Provinz Ninive waren die Jesiden Massenmorden, Entführungen, sexueller Gewalt und Zwangsumsiedlungen ausgesetzt, was später international als Völkermord anerkannt wurde.

Heute werden ähnliche Ängste durch Ereignisse jenseits der syrischen Grenze geschürt, darunter die Verlagerung der Kontrolle über Haftanstalten, in denen IS-Häftlinge festgehalten werden, aus den Händen der kurdisch geführten Syrischen Demokratischen Kräfte in die von Sicherheitskräften der Regierung in Damaskus sowie die daran anschließenden Diskussionen über die Verlegung Tausender dieser Häftlinge in den Irak.

Die Besorgnis verstärkte sich, nachdem mit der syrischen Armee verbündete Kräfte unter der Führung des in der Vergangenheit eng mit Islamisten verbundenen Ahmad al-Sharaa ihre Kontrolle über Gebiete ausweiteten, die zuvor von den SDF gehalten wurden. Diese Gebiete grenzen an den Bezirk Sindschar und Teile der Ninive-Ebene, dieselben Routen, über die der Islamische Staat im Jahr 2014 in den Irak eindrang.

Irakische Truppen patrouillieren in der syrischen Grenze in der Provinz Ninive
Irakische Truppen patrouillieren in der syrischen Grenze in der Provinz Ninive (Quelle: Irakisches Innenministerium)

Verstärkte Angst

»Wann wird diese Angst ein Ende haben?«, fragt sich Ibrahim Khadr, ein Bewohner des Gebiets Grozer in Sindschar. »Die Menschen bereiten sich auf eine weitere Katastrophe vor. Einige haben Zelte gekauft und Trockenvorräte angelegt.« Die Stadt Sindschar liegt etwa zwanzig Kilometer von der syrischen Grenze entfernt. Viele seiner Bewohner wurden 2014 vertrieben und sind noch immer nicht in ihre Häuser zurückgekehrt. Obwohl der irakische Innenminister Abdul Amir al-Shammari am 22. Dezember 2025 die Grenze besuchte und den Bewohnern versicherte, sie sei vollständig gesichert, bleibt die Unsicherheit bestehen.

»Der Unterschied ist, dass wir jetzt den Grenztruppen mehr vertrauen«, so ein Bewohner. »Aber wir haben Angst vor geheimen Abkommen und Verschwörungen. Wir befürchten, dass plötzlich etwas passieren könnte.«

Diese Bedenken werden durch die Zustimmung der irakischen Regierung verstärkt, etwa 7.000 IS-Gefangene aufzunehmen, die derzeit von den SDF festgehalten werden, darunter sowohl irakische als auch ausländische Staatsangehörige. Sabah al-Numan, Sprecher des Oberbefehlshabers der irakischen Streitkräfte, bestätigte, dass in einer ersten Phase bereits 150 Gefangene überstellt worden seien. Dieser Schritt hat Kontroversen ausgelöst. Der jesidische Abgeordnete Murad Ismail bezeichnete die Entscheidung als gefährlich und warnte davor, dass die irakischen Gefängnisse über keine ausreichenden Kapazitäten verfügten und die Überstellung eine Gefahr für die nationale Sicherheit darstelle.

Die Angst ist in Sindschar unterschiedlich groß. »In einigen Gebieten haben die Menschen Zelte, Lebensmittel und Vorräte im Shingal-Gebirge und in nahegelegenen Höhlen versteckt«, berichtete Saad Haji, ein zivilgesellschaftlicher Aktivist der Jesiden. »Dieses Mal sagen die Menschen, dass sie ihr Land niemandem überlassen werden.«

Als Reaktion auf die Entwicklungen in Syrien haben die irakischen Streitkräfte ihre Truppenpräsenz entlang der syrisch-irakischen Grenze verstärkt, insbesondere in der Provinz Ninive. Armee-Einheiten, lokale Polizei, schiitische Volksmobilisierungskräfte bzw. Hashd al-Shaabi, Shingal-Widerstandseinheiten, die der Kurdischen Arbeiterpartei PKK nahestehen, und Peschmerga-Kräfte der Regionalregierung Kurdistans (KRG) sind alle in und um den Bezirk präsent: »Unsere Streitkräfte sind bestens vorbereitet, um auf jeden Versuch, das Gebiet zu überrennen, zu reagieren«, sagte Mirza Khalaf, ein Peschmerga-Kommandeur, der in der Nähe des Sharfaddin-Schreins, einer bedeutenden religiösen Stätte der Jesiden, stationiert ist.

Trotz offizieller Beteuerungen über die Sicherheit der Region sind sich die lokalen Behörden der zugrunde liegenden Spannungen bewusst. »Das tägliche Leben geht normal weiter, aber Vorsicht ist geboten«, sagte Jalal Khalaf, ein Regierungsbeamter in Sindschar. »Der Anstieg der Lebensmitteleinkäufe spiegelt die Besorgnis der Bevölkerung wider.«

Nach dem Vorsitzenden des Sicherheitsausschusses im Provinzrat von Ninive Mohammed Jassim sei es unwahrscheinlich, dass die Streitkräfte des syrischen Übergangspräsidenten Ahmad al-Sharaa in den Irak einmarschieren, sofern es nicht zu inneren Unruhen komme. Er betonte, dass die Grenzen weiterhin geschützt seien und forderte die Bewohner auf, nicht in Panik zu geraten.

Die Jesiden im Irak leben hauptsächlich in Sindschar und der Ninive-Ebene. Nach Angaben der KRG beträgt die jesidische Bevölkerung im Irak etwa 550.000 Menschen. In den Jahren nach 2014 wurden etwa 360.000 Menschen vertrieben, mehr als 100.000 sind ins Ausland ausgewandert.

Das KRG-Büro für die Rettung entführter Jesiden berichtet, dass nur 3.580 der 6.417 vom Islamischen Staat Entführten gerettet werden konnten. Mindestens 2.293 wurden getötet, während das Schicksal von Tausenden weiterhin unbekannt ist. Vor diesem Hintergrund ist die Furcht unter den Jesiden nicht nur spekulativ – sie wurzelt in gelebten Erfahrungen, unbewältigten Traumata und anhaltender regionaler Instabilität.

Der Text erschien auf Englisch zuerst bei Kirkuk Now. (Übersetzung von Alexander Gruber.)

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