Im MENA-Talk spricht Jasmin Arémi mit dem Journalisten Iman Sefati über die Dynamik der Proteste im Iran, die Rolle von Reza Pahlavi und über ein Regime, das bereit ist, die eigene Bevölkerung zu massakrieren.
Ausgangspunkt der aktuellen Protestwelle im Iran waren ausgerechnet jene, die lange als Stabilitätsanker der Islamischen Republik galten. Die sogenannten Bazaris (Basarhändler) starteten die Proteste am 28. Dezember 2025 im Großen Basar von Teheran. Die drastische Abwertung der iranischen Währung habe jede wirtschaftliche Planung unmöglich gemacht, erklärt Sefati. Preise explodierten, Waren ließen sich weder seriös einkaufen noch verkaufen. »Die Händler konnten irgendwann nicht mehr kalkulieren, was sie kaufen oder verkaufen sollen. Und dann sind sie auf die Straße gegangen.«
Was als wirtschaftlich motivierter Protest begann, entwickelte sich binnen weniger Tage zu einer landesweiten Erhebung. Studenten, Arbeiter, Angestellte, Frauen und Männer aus unterschiedlichen Milieus schlossen sich an. Der Aufstand sei breiter, heterogener und radikaler als frühere Protestbewegungen.
Reza Pahlavi als Symbolfigur
Ein zentraler Unterschied zu früheren Aufständen liegt für den gebürtigen Iraner Iman Sefati in der Frage der politischen Symbolik. Über Jahrzehnte hinweg habe es zwar immer wieder Proteste gegeben, aber keine Figur, welche die unterschiedlichen gesellschaftlichen Lager vereinen konnte. Diese Rolle könnte nun Reza Pahlavi, dem Sohn des letzten Schahs, zukommen. Pahlavi fungiere weniger als monarchisches Heilsversprechen denn als Projektionsfläche für einen Systemwechsel.
Selbst Republikaner und Linke riefen seinen Namen, betont der Journalist, aber nicht aus Loyalität zur Monarchie, sondern aus Mangel an Alternativen. Entscheidend sei dabei das demokratische Grundprinzip und das Selbstbestimmungsrecht der Iraner: »Wir dürfen nicht vorhersagen oder bestimmen, welche Regierungsform oder welche politische Figur ein freier Iran haben soll. Die Iraner entscheiden am Ende selbst – in freien Wahlen.« Viele andere Oppositionsgruppen seien seitens der Bevölkerung verhasst; aktuell wäre es denkbar schwierig, eine oppositionelle Mehrheit zu bilden.
Ein tödliches Regime
Die Antwort des Regimes auf den Aufstand ist blanke Gewalt mit scharfer Munition, Massenverhaftungen und Folter. Die Menschen wüssten ganz genau, welches Risiko sie eingehen. »Mit diesem Wissen sind diese mutigen Menschen auf die Straße gegangen – ob jung oder alt, ob Mann oder Frau. Mit dem Wissen, dass man wahrscheinlich nie wieder nach Hause kommt, man im Mullah-Gefängnis landen oder vergewaltigt und gefoltert wird.«
In der jetzigen Phase mit dem Wissen, dass Tausende erschossen worden oder im Gefängnis gelandet sind, seien zwar weniger Menschen auf den großen Plätzen sichtbar, doch von einem Abflauen des Widerstands könne keine Rede sein. Die Proteste hätten sich seit dem Internet-Blackout verlagert. Abends ab zwanzig Uhr werden Parolen gegen das Regime von Dächern und Balkonen gerufen. Die Art des Protests hat sich verändert, verdeutlicht aber auch, wie groß der Widerstand ist. »Das ist kein Protest vor einem Berliner Museum mit Polizisten, die Ordnung halten. Man stellt sich hier gegen ein Regime, das bereit ist, zu töten, dich mitzunehmen, zu foltern.« Das verdeutlicht, wie groß der Widerstand ist.
Um die Kontrolle zurückzugewinnen, setzt Teheran auf Internetabschaltungen und digitale Repressionen. Dennoch gelangen weiterhin Bilder und Videos aus dem Land, was vor allem das Starlink-System ermöglicht. Die Empfangsgeräte seien jedoch – im Gegensatz zu Europa – für die meisten Iraner unerschwinglich, erklärt der Journalist. Ein freier Internetzugang sei keine technische Randfrage, sondern eine konkrete Form der Unterstützung für den Aufstand der Iraner.
»Soziale Medien sind unsere Waffen«, betont Iman Sefati. Aufmerksamkeit bedeute Schutz. Lasse die öffentliche Wahrnehmung im Westen nach, sei die Folge politische Untätigkeit – und die habe für die Zivilbevölkerung im Iran tödliche Konsequenzen.
Europäische Außenpolitik als Desaster
»Die europäische Außenpolitik, vor allem die deutsche, ist ein Desaster – nicht nur beim Thema Iran, auch in der Ukraine, in Israel, gegenüber der Hamas.« Ein zentrales Versäumnis sei etwa die Weigerung, die iranische Revolutionsgarde auf die EU-Terrorliste zu setzen. Wer die eigene Bevölkerung auf offener Straße erschieße, müsse als Terrororganisation gelten. Das fortwährende Abschieben von Verantwortung zwischen EU-Staaten bezeichnet Sefati als moralischen Bankrott und sicherheitspolitische Fahrlässigkeit. Die Gefahr von Anschlägen auf europäischem Boden bleibe bestehen, solange die Revolutionsgarde nicht als Terrororganisation gilt.
Auch die USA hätten Erwartungen geweckt – und enttäuscht. Ankündigungen westlicher Hilfe, insbesondere die Intervention von US-Präsident Donald Trump, hätten Millionen Menschen Mut gemacht, tatsächlich auf die Straße zu gehen. Als die zugesagte Unterstützung ausblieb, sei die Enttäuschung maßlos gewesen. Eine militärische Intervention hätte weitere Tote verhindern können; wir hätten heute wahrscheinlich eine andere Situation, so Sefatis Einschätzung. Vor allem aber hätte sie ein Signal an die Bevölkerung gesendet: »Wir wollen euch wirklich helfen und das Terrorregime vernichten.«
Eine Einschätzung dazu, ob das Regime tatsächlich gestürzt werden kann, lässt der Journalist zu diesem Zeitpunkt offen. Doch der Aufstand habe bereits jetzt historische Bedeutung. »Die iranische Gesellschaft hat der Welt wieder gezeigt, dass sie dieses Regime nicht will. Wir wollen kein islamistisches Regime, keine Islamisten an der Macht. Die junge Generation wünscht sich einen demokratischen, säkularen Iran.«
Zum Schluss richtet er einen eindringlichen Appell an die iranische Diaspora und an die Öffentlichkeit in Europa, nicht nachzulassen, Druck auszuüben und sichtbar zu bleiben. Aufmerksamkeit sei kein symbolischer Wert, sondern eine lebensrettende Ressource. »Bitte nicht aufgeben – es ist nicht die Zeit, aufzugeben. Unsere Waffen sind Social Media, unsere Mail-Accounts, unsere Medien. Jede Berichterstattung hilft und rettet Leben im Iran.«






