Europa hat verlernt, geopolitisch und strategisch zu denken und verkennt die historische Wende im Nahen Osten.
Heiko Heinisch
Nachdem der Iran Israel am 1. Oktober bereits zum zweiten Mal mit Raketen angegriffen hatte, kam es in der Nacht von Freitag auf Samstag zum lange erwarteten israelischen Gegenschlag. Welche Schlüsse lassen sich aus den Entwicklungen der letzten Tage beziehungsweise der vergangenen dreizehn Monate seit dem 7. Oktober 2023 ziehen? Eines lässt sich jetzt schon sagen, auch wenn viele europäische Beobachter es noch nicht wahrhaben wollen: Geopolitisch wurden die Karten im Nahen Osten komplett neu gemischt.
Doch kommen wir zunächst zum israelischen Angriff: Noch immer ist nicht vollkommen klar, wie viele und welche Ziele von Israel getroffen wurden. Während Israel verkündet, alle Ziele erreicht zu haben, behauptet die iranische Führung, es wäre nicht viel passiert, da die Luftabwehr alle Angriffe abwehren konnte.
Israelische Überlegenheit
Die meisten Kommentatoren haben in den letzten Tagen übersehen, dass es in erster Linie nicht darauf ankommt, welche Ziele konkret getroffen wurden; entscheidender ist – und das dürfte auch die iranische Führung verstanden haben –, dass es der israelischen Luftwaffe gelungen ist, mit mehreren Dutzend Flugzeugen (manche Quellen sprechen von über hundert) in den iranischen Luftraum einzudringen und dort mehrere Stunden lang zu operieren, ohne dass die iranische Luftabwehr auch nur einen einzigen Kampfjet abschießen konnte. Allein das war eine perfekte Demonstration der militärischen Überlegenheit Israels.
Das, was wir bislang aus unterschiedlichen Quellen wissen, macht die Situation für die iranische Führung nicht besser. In mehreren Wellen konnten Radaranlagen, Raketenabschussvorrichtungen und weitere militärische Einrichtungen sowie Fabriken zur Produktion von Raketen und Drohnen erfolgreich zerstört werden. Dass das Mullah-Regime den Angriff herunterspielt, deutet darauf hin, dass es den Ernst der Lage erkannt hat und auf absehbare Zeit keine weiteren israelischen Angriffe provozieren will, denen das Land wegen der zerstörten militärischen Infrastruktur noch schutzloser ausgeliefert wäre als ohnehin schon. Damit hätte Israel ein wichtiges strategisches Ziel erreicht.
Bezüglich der geopolitischen Situation ist daran zu erinnern, dass Israel in der Region vor zehn Jahren noch weitgehend isoliert war. Das hat sich insofern grundlegend geändert, als nun nicht Israel, sondern der Iran weitgehend isoliert ist: Bei beiden iranischen Angriffen auf Israel (Mitte April und Anfang Oktober) beteiligten sich zumindest Jordanien, vermutlich auch Saudi-Arabien an der Verteidigung Israels. Beim israelischen Gegenschlag hingegen ist davon auszugehen, dass entweder Jordanien oder Russland, eventuell sogar beide, diesen zumindest duldeten.
Da die israelischen Kampfjets nach aktuellen Informationen über Syrien und Irak geflogen sind und sich Russland nach wie vor als Schutzmacht Syriens betrachtet, ist es wahrscheinlich, dass die russische Führung über den Angriff informiert war und diesen inoffiziell gestattete. Darauf deutet auch die eher verhaltene russische Reaktion auf den Angriff hin. Nicht auszuschließen ist auch, dass ein Teil des Angriffs über Jordanien geflogen wurde, was ohne dessen Zustimmung ebenfalls nicht möglich gewesen wäre.
Neue geopolitische Lage
Es macht den Eindruck, dass sowohl europäische als auch die aktuelle amerikanische Regierung im Gegensatz zu den Regierungen der Anrainerstaaten die Strategie nicht verstehen, die Israel seit einem Jahr erfolgreich verfolgt, obwohl deren Ergebnis im Interesse sämtlicher westlicher Staaten liegen sollte: Die weitgehende Zerstörung der iranischen geopolitischen Ausrichtung.
Die Zerstörung Israels ist seit der Islamischen Revolution iranische Staatsdoktrin. Gleichzeitig arbeitet die Führung seit den 1980er Jahren daran, zur Hegemonialmacht der Region aufzusteigen. Zu diesem Zweck hat das Regime Milliarden investiert, um in sämtlichen Staaten der Region Milizen aufzubauen, auszubilden und aufzurüsten. Die Speerspitze dieser sogenannten »Achse des Widerstands« war die Hisbollah im Libanon, die nicht nur einen Staat im Staat bildet, sondern zum entscheidenden Machtfaktor im Land aufstieg und gleichzeitig eine existenzielle Bedrohung Israels darstellte.
Mit der Hamas im Süden im Gazastreifen und mittlerweile auch im Osten im Westjordanland sowie mit Milizen im Irak und den Huthi im Jemen war es dem Iran gelungen, Israel de facto einzukreisen. Die Revolutionsgarde war in vier arabischen Staaten aktiv und hatte zumindest zum Teil die Kontrolle über den Libanon, Syrien, Irak und den Jemen übernommen. In den vergangenen Jahren arbeitete sie zudem daran, Jordanien zu infiltrieren.
An dieser Machtstruktur, die letztlich den gesamten Nahen Osten durchdrang, hatte die iranische Führung vierzig Jahre im Rahmen einer langfristigen geopolitischen Strategie gearbeitet. Das Regime wendete in diesem Zeitraum Unmengen an Ressourcen und Finanzmitteln auf, um die erforderlichen Strukturen aufzubauen und zu erhalten. Seit dem Terrorüberfall der Hamas vom 7. Oktober 2023 ist es Israel gelungen, diese Strukturen systematisch zu zerstören.
Die Hamas ist, auch wenn ihre letzten Einheiten es nicht wahrhaben wollen, de facto zerschlagen. Vom Gazastreifen aus wird auf Jahre hinweg keine wesentliche Gefahr mehr für Israel ausgehen. Parallel dazu wurde die Hamas auch im Westjordanland stark geschwächt. Die Hisbollah, einst die Speerspitze der iranischen »Achse des Widerstands«, zerfiel binnen weniger Wochen zum Schatten ihrer selbst, ihre Führung inklusive des unangefochtenen geistigen und politischen Führers Hassan Nasrallah wurde ausgeschaltet, Kommunikationsnetze und Waffenarsenale wurden weitgehend zerstört und Tausende ihrer Kämpfer eliminiert.
Erstaunliche Blindheit
Kurz gesagt: Große Teile dessen, was der Iran in vierzig Jahren aufgebaut hat, löste sich binnen eines Jahres in Luft auf. Zum Wiederaufbau in absehbarer Zeit fehlen die Ressourcen. Zudem haben nicht nur die Mullahs zur Kenntnis nehmen müssen, dass das Land israelischen Angriffen schutzlos ausgeliefert ist, sondern auch alle Beobachter. Wer den Nahen Osten kennt, kann davon ausgehen, dass einige der Regionalmächte bereits daran arbeiten, die neue Situation für ihre eigenen (Macht-)Interessen zu nutzen.
Die Reaktionen der europäischen Regierungen und auch vieler westlicher Medien verwundern jedoch. Ist es Blindheit, nicht zu sehen, dass der ehemalige regionale Machtfaktor Iran, der selbst die härtesten US-Sanktionen überstanden hatte, in den vergangenen dreizehn Monaten massiv zurechtgestutzt wurde, was die Region mittelfristig sicherer und stabiler machen wird? Oder will man sich einfach nicht eingestehen, viele Jahre lang auf das falsche Pferd gesetzt zu haben?




