Die Entwicklungen seit dem Hamas-Massaker haben nicht nur Einfluss auf die Reservisten, die immer wieder eingezogen werden, sondern auch auf deren Familien.
Fast drei Jahre nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 ist der Krieg für viele Israelis Teil ihres Alltags geworden. Besonders deutlich zeigt sich das bei den Reservisten der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF), den sogenannten Miluimnikim. Hunderttausende wurden seit Kriegsbeginn immer wieder eingezogen.
Für viele von ihnen und ihre Familien ist ein Leben zwischen Beruf, Partnerschaft, Elternschaft und Fronteinsatz zur neuen Normalität geworden. Im Land spricht man inzwischen von einer »Generation Miluim« – einer Generation, deren Lebensplanung von wiederkehrenden Einberufungen geprägt wird. Während die internationale Aufmerksamkeit häufig auf militärische Entwicklungen gerichtet ist, spielt sich die langfristige Belastung oft hinter verschlossenen Wohnungstüren ab.
Wenn der Krieg mit nach Hause kommt
Als die Hamas am 7. Oktober Israel angriff, wurden innerhalb weniger Tage mehr als 300.000 Reservisten mobilisiert. Viele von ihnen verbrachten Monate im Gazastreifen oder an der Nordgrenze. Auch heute werden weiterhin zahlreiche Soldaten regelmäßig zu Einsätzen eingezogen.
Familien leben daher in ständiger Unsicherheit. Meine deutsche Nachbarin, die wie ich seit einigen Jahren in Israel lebt, erinnert sich noch gut an die ersten Monate des Krieges. Ihr Mann wurde am 7. Oktober eingezogen und war über mehrere Monate hinweg in Gaza im Einsatz, wobei er manchmal über einige Tage oder gar Wochen hinweg sein Handy nicht benutzen konnte.
Seine Frau blieb mit ihrer damals vier Monate alten Tochter zurück. Während sie den Alltag allein organisierte, veränderte der Krieg auch ihren Mann. Als er schließlich zurückkehrte, begann eine Phase, auf die niemand sie vorbereitet hatte. »Wir mussten uns erst einmal wieder kennenlernen«, erzählt sie.
Ihre Tochter reagierte zunächst zurückhaltend auf den Vater. Die Monate der Trennung hatten Spuren hinterlassen. Auch als Paar mussten beide lernen, wieder einen gemeinsamen Alltag zu finden. Sie entschieden sich für eine Paartherapie und buchten später eine Reise nach Thailand. Nicht als Luxusurlaub, sondern als bewussten Versuch, ihr Familiengefühl wiederherzustellen. Für ihren Mann stand danach fest, dass er keine weiteren Reservistendienste leisten würde. Er wollte bei seiner Familie bleiben.
Solche Erfahrungen sind keineswegs ungewöhnlich. Psychologen berichten seit Beginn des Krieges von einer deutlich steigenden Nachfrage an Paar- und Familientherapie. Viele Soldaten kehren mit Belastungen zurück, die sich auf ihre Partnerinnen und Kinder auswirken.
Andere Familien leben weiterhin im Rhythmus der Einberufungen. Der Mann einer weiteren Bekannten wird auch heute noch regelmäßig zu Reservistendiensten eingezogen. Er war bereits in Gaza, im Libanon und Syrien im Einsatz. Für seine Frau besteht die größte Herausforderung nicht in den Einsätzen selbst, sondern im Gefühl, dass viele Menschen außerhalb dieser Realität leben. »Meine Freundinnen denken oft, der Krieg sei vorbei«, sagt sie. »Aber in unserem Leben ist er das nicht.«
Während die Restaurants im vollen Betrieb sind, Menschen an den Strand gehen und Touristen langsam wieder nach Tel Aviv reisen, bleibt der Krieg für viele Reservistenfamilien dauerhaft präsent. Jeder Anruf kann eine neue Einberufung bedeuten. Jede langfristige Planung steht unter Vorbehalt. So verlor der Mann meiner Bekannten zu Beginn des Krieges seinen Arbeitsplatz. Die langen Abwesenheiten machten eine reguläre Beschäftigung zunehmend schwierig.
Seitdem versucht er, sich beruflich neu zu orientieren. Doch wer alle paar Wochen für mehrere Tage oder Wochen zum Militär muss, kann nur schwer Vorstellungsgespräche wahrnehmen, Bewerbungsprozesse durchlaufen oder langfristige Karriereentscheidungen treffen. Viele Arbeitgeber zeigen zwar Verständnis, gleichzeitig berichten Reservisten zunehmend von beruflichen Nachteilen und finanziellen Einbußen.
Die unsichtbaren Kosten des Krieges
Die wirtschaftlichen Folgen für Reservistenfamilien beschäftigen inzwischen auch die israelische Politik. Nach Angaben des israelischen Finanzministeriums haben die wiederholten Mobilisierungen erhebliche Auswirkungen auf Arbeitsmarkt und Produktivität. Besonders betroffen sind Selbstständige, kleine Unternehmen und junge Familien, die sich mitten im Aufbau ihrer Existenz befinden. Gleichzeitig wächst die Sorge um die psychische Gesundheit der Betroffenen. Experten warnen vor Erschöpfung, Burnout und posttraumatischen Belastungsstörungen. Die Zahl der Menschen, die psychologische Unterstützung suchen, ist seit Kriegsbeginn deutlich gestiegen.
Dabei sind es nicht nur die Soldaten selbst, die Unterstützung benötigen. Auch Partnerinnen und Kinder tragen die Belastungen mit. Viele Ehepartner berichten von einem Zustand dauerhafter Alarmbereitschaft. Sie organisieren den Alltag allein, treffen wichtige Entscheidungen ohne das Gegenüber und übernehmen zusätzliche finanzielle Verantwortung. Kommen die Soldaten zurück, bedeutet das nicht automatisch Entlastung, denn dann beginnt erst die eigentliche Aufarbeitung des Durchlebten.
In den vergangenen Jahren haben sich neue gesellschaftliche Strukturen geformt, etwa das Forum der Reservistenfrauen (Forum Neshot HaMiluim), das nach dem 7. Oktober 2023 gegründet wurde. Was zunächst als Netzwerk von Partnerinnen eingezogener Soldaten begann, entwickelte sich rasch zu einer landesweiten Organisation. Nach eigenen Angaben vertritt das Forum heute die Interessen von rund 100.000 Reservistenfamilien und setzt sich für bessere finanzielle Unterstützung, psychologische Hilfsangebote und arbeitsrechtliche Absicherungen ein.
Die Gründerinnen argumentieren, dass nicht nur Reservisten selbst, sondern ganze Familien mobilisiert wurden. Während Soldaten an der Front dienen, tragen Partnerinnen häufig die Verantwortung für Kinder, Haushalt und Einkommen. Auf ihrer aktuellen Kampagnenseite beschreibt die Organisation die Situation als eine neue gesellschaftliche Realität, die Beziehungen, Elternschaft und berufliche Lebenswege dauerhaft verändert habe. Der Krieg habe eine Generation hervorgebracht, deren Alltag von wiederkehrenden Einberufungen geprägt sei und die langfristige Unterstützung benötige.
Zwischen Pflichtgefühl und Erschöpfung
Trotz aller Belastungen ist die Bereitschaft vieler Reservisten bemerkenswert hoch geblieben. Für zahlreiche Israelis bleibt der Dienst eine Selbstverständlichkeit und Ausdruck gesellschaftlicher Verantwortung.
Gleichzeitig werden die Grenzen dieser Belastbarkeit immer sichtbarer. Die Generation Miluim erlebt einen Konflikt, der weit über die eigentliche Front hinausreicht. Er prägt Karrieren, Beziehungen, Familiengründungen und Zukunftspläne. Und während internationale Schlagzeilen meist über militärische Operationen berichten, bleiben die Schicksale von Reservistenfamilien oft unsichtbar.






