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Israels Krieg gegen iranische Raketen (Teil 1)

Auf dem Weg in den Iran müssen israelische Jets in der Luft betankt werden. (© imago images/Newscom World)
Auf dem Weg in den Iran müssen israelische Jets in der Luft betankt werden. (© imago images/Newscom World)

Gespräche mit Piloten der israelischen Luftwaffe geben einen Einblick in den Feldzug gegen die Bedrohung durch iranische Raketen.

Itay Ilnai

Reservemajor A. war keineswegs überrascht, als am Samstag, dem 28. Februar, um acht Uhr morgens die Sirenen heulten. Genau zu dieser Stunde saß er im Einsatzwagen der »Black-Snake«-Staffel auf dem Stützpunkt der israelischen Luftwaffe in Palmachim und steuerte seine »Hermes«-Drohne, ein bewaffnetes unbemanntes Luftfahrzeug, auf dem Weg in den Iran.

Der erste Schlag der »Operation Roaring Lion« war bereits im Gange, und A. wusste, dass der nächste Schritt ein Vergeltungsschlag mit ballistischen Raketen auf Israel sein würde. »In den ersten Stunden der Operation bestand die Aufgabe meines Teams darin, schussbereit zu bleiben und Stellungen zu fixieren, die zum Abschuss von Raketen genutzt werden könnten«, erinnert sich A., 32, der eine Woche vor dem 7. Oktober 2023 aus dem aktiven Dienst ausschied und seitdem fast ununterbrochen im Reservedienst steht.

»Es war nicht einfach, das Ziel zu erreichen, sowohl wegen der schwierigen Wetterbedingungen als auch weil die Kämpfe gerade erst begonnen hatten und wir noch nicht wussten, was uns unterwegs erwarten würde. Wir erreichten das Ziel drei Stunden nach Beginn des Angriffs, daher wussten wir, dass der Feind bereits in Alarmbereitschaft war und darauf aus war, so schnell wie möglich zu starten.«

Der Abschussort, den A. im ersten Angriff traf, befand sich im Zentrum des Iran und war von Luftabwehrbatterien umgeben.

»Wir gingen davon aus, dass die Wahrscheinlichkeit recht hoch war, dass einige unserer Flugzeuge während der Mission verloren gehen würden«, sagte er. »Aber aus unserer Sicht, in der Drohnenflotte, ist das akzeptabel. Im Gegensatz zu einem bemannten Flugzeug ist der Verlust eines unbemannten weniger dramatisch. Es ist Teil eines kalkulierten Risikos, das wir eingehen, denn das Wichtigste ist, die Mission zu erfüllen. Unterwegs konnten wir noch zwei Starts von Raketen beobachten, die in Richtung Israel flogen. Das ist ein schreckliches Gefühl.«

Er berichtete, dass er, sobald er über dem Ziel in Position war, zwei weitere ballistische Raketen entdeckte, die aufrecht auf ihren Abschussrampen standen. »Sobald die Raketen aufrecht stehen, bedeutet das, dass sie innerhalb von Sekunden abgefeuert werden können«, erklärte er. »Jede dieser Raketen trägt eine Tonne Sprengstoff. Man sieht das aus der Luft und sagt sich: ›Jeder Abschuss, den ich verhindern kann, könnte bedeuten, eine ganze Welt zu retten.‹«

Eine weitere Drohne, die neben der von A. gesteuerten flog, griff als Erste die Abschussrampen an und verfehlte sie. Die Rakete blieb auf der Abschussrampe stehen und wartete nur noch auf den Startbefehl. »Wir gehen zu zweit vor, bringen das Flugzeug an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit, feuern und treffen«, sagte A. »Wir sehen Sekundärexplosionen am Boden, und ich schalte das Funkgerät stumm und schreie aus voller Kehle ›Ja!‹. Ein Jubelschrei.«

Er fuhr fort:

»Nach anderthalb Sekunden der Freude fasst man sich wieder und muss weitermachen. Dann erhalten wir einen Bericht über eine weitere Abschussrampe, die sich auf den Start vorbereitet. Wieder fliegt das zweite Flugzeug zuerst hin und verfehlt das Ziel. Wir fliegen hinterher, feuern und verfehlen ebenfalls. Ich denke mir: ›Ich bin den ganzen Weg hierhergekommen, mit so viel Mühe. Wie kann ich es zulassen, dass ich danebenschieße?‹ Es ist ein Gefühl des Versagens, aber der Abschusswerfer hat die Rakete noch nicht abgefeuert.

Wir haben ein wenig Zeit, um zu besprechen, was wir falsch gemacht haben, und einen weiteren Anflug zu versuchen. Dies ist ein Flug mit einer Vielzahl von Einschränkungen: die Flughöhen, die man fliegt, die Geschwindigkeiten, bei denen man fliegt – alle Werte liegen am Limit.

Wir starten einen weiteren Versuch, wieder an der Grenze der Leistungsgrenzen des Flugzeugs und der Munition, und feuern. Aufgrund der ungewöhnlichen Bedingungen brauchte die Munition diesmal lange, um das Ziel zu erreichen. Wir warten und warten, und plötzlich sehen wir, wie die Munition in einem sehr flachen Winkel auftaucht und einschlägt. Es war eine ungeheure Freude.«

Katz und Maus

Seit dieser Mission hat A. an vielen weiteren Einsätzen im Iran teilgenommen. Er hat Bassidsch-Einrichtungen und -Kämpfer in Wohngebieten bombardiert und bezeichnet dies als »eine klassische Mission, denn wir wissen, wie man präzise vorgeht und zivile Opfer vermeidet«. Er hat an gezielten Tötungen teilgenommen und auch Angriffe im Libanon durchgeführt.

»Hier ist es wie in einer Fabrik«, sagte er mir, als wir vor dem Geschwader entlanggingen, während vor uns ein weiteres »Hermes«-Flugzeug zu einer weiteren Mission startete. »Ich weiß nicht einmal, wohin dieses Flugzeug fliegt, es gibt so viele Einsätze.«

Doch A.s Hauptaufgabe während der gesamten aktuellen Operation konzentriert sich auf die Jagd nach Abschussrampen. »Letztendlich ist das Boden-Boden-Raketensystem der Dreh- und Angelpunkt der iranischen Angriffe auf uns, es ist das strategische Mittel, mit dem sie uns treffen wollten«, sagte A. »Und genau darauf konzentriert sich die Luftwaffe.«

Tatsächlich ist der Angriff auf Irans Raketenarsenal eine der zentralen Aufgaben der IAF während der gesamten »Operation Roaring Lion«. Der Großteil der Last liegt auf den Drohnenverbänden und Kampfflugzeugen, die in gemeinsamen Operationen und mit umfangreicher nachrichtendienstlicher Unterstützung einen Einsatz nach dem anderen tief in den Iran fliegen.

»In einem Krieg wie diesem isst man entweder, schläft man oder ist man im Einsatz«, sagte A. »Einmal alle paar Tage, wenn man Glück hat, kommt man für ein paar Stunden nach Hause, um seine Familie zu sehen.«

Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel, bei dem Israel die Katze spielt. Nach Angaben der IAF wurden in den ersten 24 Tagen der Operation im Iran fast 5.000 Angriffe gegen das iranische Raketenprogramm durchgeführt. Mehr als 700 Ziele wurden getroffen und rund 335 Abschussrampen – rund 70 Prozent der Abschusskapazitäten – außer Gefecht gesetzt. Das ist eine außergewöhnliche Leistung, und dennoch feuert der Iran weiterhin Dutzende ballistischer Raketen auf Israel ab. Bis zum Dienstag der vergangenen Woche waren etwa 500 solcher Raketen in 339 Angriffswellen abgefeuert worden. Einige schafften es, Israels Luftabwehrsystem zu durchdringen, töteten und verletzten Zivilisten und verursachten erheblichen Schaden.

»Man ist ständig auf der Jagd, aber es ist unmöglich, alles zu erreichen«, versuchte A. zu erklären. »Denken Sie daran, dass wir während der Raketennächte im April und Oktober 2024 Hunderte von ballistischen Raketen gesehen haben, die in einem einzigen Sperrfeuer auf Israel abgefeuert wurden, und dass der Iran damals in der Lage war, weitere Sperrfeuer dieser Größenordnung nacheinander abzufeuern. Eine der Aufgaben der Luftwaffe ist es seitdem, diese Fähigkeit zu schwächen, und wir sehen in dieser Runde tatsächlich eine relativ geringe Anzahl von Abschüssen.«

Und wenn man nach einem Einsatz aus dem Einsatzwagen steigt, das Handy einschaltet und feststellt, dass eine Rakete Beit Shemesh, Arad oder Ramat Gan getroffen hat?

»Es ist frustrierend, ein sehr schweres Gefühl. Man versteht, dass es Dinge gibt, die in der eigenen Macht liegen, und Dinge, die außerhalb der eigenen Kontrolle liegen. Aber das schwerste Gefühl ist, wenn man zu Hause sitzt und nicht beim Geschwader. Wissen Sie, ich bin Reservist. Ich möchte mein Leben beginnen. Reisen, Karriere. Meine Beziehung zum Militär ist kompliziert. Aber wenn ein Krieg wie dieser ausbricht, kann ich mich einfach nicht dazu bringen, nicht bei der Staffel zu sein. Das ist das klassische Dilemma eines Reservisten.«

Die ›Lehren‹ der Iraner

Irans Arsenal an ballistischen Raketen, das von der Luft- und Raumfahrtstreitkraft des Korps der Islamischen Revolutionsgarden betrieben wird, gilt als das umfangreichste und vielfältigste im Nahen Osten. Dies ist neben dem Atomprogramm der strategische Arm, in den das Regime der Ayatollahs mehr als in alles andere investiert hat. Seit der »Operation Rising Lion« im Juni 2025 haben die Revolutionsgarden große Anstrengungen auf den Wiederaufbau des Arsenals verwendet, die Produktion ballistischer Raketen fortgesetzt und Raketenwerfer auf zahlreiche Standorte verteilt.

»Stellen Sie sich einen Hochspannungsmast vor, der auf einem Lastwagen liegt«, sagte A. Diese Abschussvorrichtungen befinden sich auf Lastwagen, die in normalen Zeiten in in Berge gegrabenen Anlagen versteckt sind. Erst wenn sie feuern sollen, rollen sie durch Tunnel heraus, richten die Raketen auf, starten sie und verschwinden wieder im Inneren.

»Vom Moment, in dem der Lastwagen herauskommt, bis zum Abschuss vergehen nur wenige Minuten«, sagte A.

»Uns steht nur wenig Zeit zur Verfügung. Am effektivsten ist es, wenn man es schafft, die Abschussrampe zu treffen, während sich die Bediener noch darin befinden, und wenn die Rakete direkt auf der Abschussrampe explodiert. Kennen Sie dieses Kinderspiel mit den Figuren, die aus dem Boden springen und die man mit einem Hammer auf den Kopf schlagen muss? So in etwa.«

Die IAF hat eine Kampfdoktrin gegen die Raketenstellungen entwickelt, die die Mission zwischen den Drohnenverbänden und den Kampfflugzeugverbänden aufteilt. Die Aufgabe der unbemannten Flugzeuge besteht darin, stundenlang über dem Iran zu patrouillieren und potenzielle Abschussstellen »in Schach zu halten«. »Das Hauptziel ist es, die Iraner daran zu hindern, überhaupt aus ihren Tunneln herauszukommen«, sagte A.

»Auch sie wissen, dass sie, wenn sie herauskommen, Gefahr laufen, von einer Rakete getroffen zu werden, also wägen sie ihr eigenes Risiko ab. Und wenn jemand herauskommt, schaltet man ihn sofort aus. Wir lassen sie nicht auftauchen.«

Die Kampfflugzeuge, deren Einsätze kürzer, deren Munition jedoch schwerer ist, sind dafür zuständig, die Vorarbeiten der Raketenanlagen zu stören, indem sie Fabriken, Hauptquartiere, Treibstoffdepots und dergleichen angreifen. Eine weitere Aufgabe der Kampfflugzeuge ist die Bombardierung der Tunnel an Raketenstandorten, um diese zu blockieren und zu verhindern, dass die Abschussvorrichtungen zum Vorschein kommen.

»Jedes Mal, wenn man einen Tunnel trifft, versuchen sie, ihn zu reparieren oder eine alternative Öffnung zu schaffen«, sagte A., der es bereits gewohnt ist, Aktivitäten an Raketenstandorten im Iran aus der Luft zu verfolgen.

Man blockiert, und sie öffnen. Es wird immer eine Öffnung geben, die man nicht identifiziert hat, eine Abschussrampe, die sie irgendwo versteckt haben. Der Iran ist ein großes Land mit Hunderten von Abschussrampen und Tausenden von Raketen. Es wird immer Lücken geben. Aber wenn man es mit dem vergleicht, was wir in früheren Runden gesehen haben, ist ihre Abschussfähigkeit geringer. Das ist überhaupt nicht das, was sie sich vorgestellt haben.«

Dennoch lernen auch die Iraner dazu. Wie haben sie sich seit dem letzten Schlagabtausch verbessert? »Sie haben ihre Lektionen gelernt, und es ist schwieriger für uns, sie zu erwischen. Man sieht zum Beispiel, dass ihre Abschusszeiten kürzer geworden sind.

(Der Artikel ist auf Englisch beim Jewish News Syndicate erschienen. Übersetzung von Florian Markl)

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