Bis die Bedrohung durch das iranische Regime von der europäischen Politik überhaupt erahnt wird, muss wohl erst eine ballistische Rakete auf dem Kontinent einschlagen.
Nirit Cordes
Die symbolische Anerkennung eines fiktiven Staates Palästina durch Frankreichs Präsident Emmanuel Macron zu einer Zeit, in der sich noch Geiseln in Gaza befanden, sagt viel über die Einstellung Europas zu Israel aus. Aber die Menschen in Israel interessiert die diesbezügliche Meinung der Franzosen, Briten und Spanier herzlich wenig. Mit psychischer Stärke wird sich Israel dem europaweiten Hass stellen, wenn Noam Bettan, ein großgewachsener junger Israeli, im Mai beim Eurovision Song Contest in Wien dreisprachig und voller Stolz singt. Einst ein Musikwettbewerb, hat der ESC der Politik eine Bühne verschafft. Über den Applaus hinweg werden Wellen des Hasses den digitalen Antisemitismus befeuern. Nichts davon ist wirklich neu und nichts davon kratzt am Selbstvertrauen der Israelis.
Im derzeitigen Krieg gegen das fundamentalistische Regime des Iran hat niemand hier in Israel auf den Rückhalt der europäischen Politik und Bevölkerung gezählt. Es ist nicht von Belang, welche Einstellung der Durchschnittseuropäer zur hiesigen Kriegssituation hat. In Israel ist man mit der Realität beschäftigt. Sie fordert die volle und absolute Aufmerksamkeit aller Menschen.
Der Krieg ist mitten im Gange, und während ich diese Zeilen schreibe, werde ich mehrmals vom Sirenenalarm unterbrochen. In meiner Wohnung gibt es keinen Schutzraum, also laufe ich gemeinsam mit den Nachbarn in den nahegelegenen Bunker. Die Kinder tragen Kostüme, denn es ist Purim, ein jüdischer Feiertag der Freude. Die Stimmung ist nicht euphorisch, aber sie ist ebenso wenig gedrückt. Im Rahmen der Möglichkeiten wird ausgiebig gefeiert, auch wenn der Rahmen von den Wänden eines Schutzbunkers vorgegeben wird. Sich an die Sicherheitsvorkehrungen zu halten, ist in Zeiten wie diesen selbstverständlicher Konsens.
Ein Polizeiwagen hält in der Nähe. Zwei Polizeibeamte holen einen Kollegen aus der Nachbarschaft ab. Die bewaffneten Polizisten steigen die Treppe zum Bunker hinab, da auch sie bei Alarm verpflichtet sind, einen Schutzraum aufzusuchen. Vor ihnen hüpft eine dreijährige Eisprinzessin im türkisfarbenen Tüllkleid von einer Stufe zur nächsten, während ihr Bruder die Schleppe hochhält, damit Elsa nicht ins Stolpern kommt. Eine laute Explosion ist zu hören. Auf dem nahegelegenen Karmelberg ist eine Rakete der Hisbollah eingeschlagen. Beim Verlassen des Bunkers sehen wir, wie Rauch vom Karmel aufsteigt. Zurück in der Wohnung finde ich den Deckenventilator auf dem Wohnzimmertisch. Die Detonationswelle hat so einiges aus der Verankerung gelöst.


Europäisches Lala-Land
Seit dem 28. Februar ist der Alltag abermals unterbrochen. Wieder können Israelis nicht uneingeschränkt ihrer Arbeit nachgehen. Die Kindergärten sind geschlossen, Unterricht findet per Zoom statt. Es herrscht erneut ein Ausnahmezustand, der nicht zur Normalität geworden ist, der aber eine Verhaltensnorm fordert, an die sich alle Israelis selbstverständlich halten. Wenn es um die Sicherheit des eigenen Landes geht, sind sich alle einig. In diesem Fall wird nicht diskutiert und schon gar nicht lamentiert. Die Bevölkerung nimmt sich in ihrer Einheit wahr.
Die Israelis lieben ihr Land, und alle sind sich der unmittelbaren Bedrohung der eigenen Existenz bewusst. Unmittelbar bedeutet nicht, einem sich im Wiederaufbau befindenden Atomprogramm demnächst Einhalt zu gebieten, sondern jetzt. Der stetig wachsende Waffenbestand im Iran, der gerade beim Raketenbeschuss auf Israel in Gebrauch ist, wird nun weitestgehend vernichtet. Solange es dem Iran noch möglich ist, schießt er blindwütig und scheinbar selbstmörderisch um sich. Neben den Vereinigten Arabischen Emiraten, Saudi-Arabien, Katar, Bahrain, Kuwait, Jordanien, Zypern und dem Irak war selbst die Türkei bereits Ziel der Raketen, von denen die Mehrzahl abgefangen und in der Luft zerstört wird.
Israel sieht sich wie die gesamte Region dem religiös motivierten Zerstörungswahn der Mullahs ausgesetzt, die nie einen Hehl daraus gemacht haben, dass die Auslöschung Israels oberste Priorität hat, gefolgt von Revolutionsexport und der schrittweisen Islamisierung der Welt.
Rakete um Rakete wird produziert und seit nun sechs Tagen vorrangig auf Israel abgeschossen. Eine ballistische Rakete aus dem Iran braucht zwölf Minuten, bis sie Israel erreicht. Sie kann mit dem Raketenabwehrsystem Arrow 3 abgewehrt werden. Ist eine ballistische Rakete im Anflug, bleibt Zeit für eine Vorwarnung, die auf allen Handys ertönt. Der Sirenenalarm erklingt einige Minuten später.
Die Reichweite dieser Raketen umfasst auch Teile Europas. Seit Jahrzehnten warnt Israel vor der massiven Gefahr, die vom heruntergewirtschafteten Iran nicht nur für das iranische Volk und auch nicht nur für die Region, sondern für die gesamte Welt ausgeht. Auch für Europa. Selbst ohne Khamenei als Kopf der Schlange bleibt die Bedrohung bestehen. Bis diese im LaLa-Land europäischer Politik überhaupt erahnt wird, muss wohl erst eine ballistische Langstreckenrakete einen Krater in den Boden des Kontinents schlagen.
Der libanesische Arm des Irans, die Terrororganisation Hisbollah, ist in den Krieg eingestiegen. Raketen und unbemannte Drohnen werden aus dem Libanon auf den Norden Israels gerichtet. Werden diese abgefeuert, bleibt keine Minute Zeit, in einen Schutzraum zu rennen.
Israel hat nicht willkürlich einen Krieg vom Zaun gebrochen, sondern ist auf die unmittelbare Gefahr präventiv eingegangen, die zweifelsohne von der Islamischen Republik Iran ausgeht. Während Israel und die USA militärische Stützpunkte und politische Funktionäre vernichten und dabei dem iranischen Volk ein Zeitfenster verschaffen, seinen bereits begonnenen Aufstand gegen die patriarchalische, misogyne, menschen- und menschenrechtsverachtende Tyrannei der Mullahs fortzusetzen, dreht der moralische Kompass der Europäer durch.
Kleine, aber greifbar scheinende Hoffnung
Wo liegt der Westen? Liegt er richtig oder gar falsch? Sonst so süffisant selbstsicher bei der Feststellung, wo Völkerrechtsverletzungen stattfinden – vornehmlich in Gaza –, ist die Verunsicherung, wie das Schicksal der iranischen Bevölkerung einzuordnen ist, groß. Wie soll man sich positionieren? Und wohin mit der Kufiya? Es gibt ein Dilemma: Die Israelis und die Iraner halten zueinander. Die vorgegebene Moral vieler Europäer, die ihre Freizeit einem »freien Palästina« widmen, erweist sich gerade als wert- und wertelos.
Was viele dieser Europäer irritiert, ist die tiefe, jahrtausendalte Verbundenheit des jüdischen und persischen Volkes. Ihre Brüderlichkeit fußt auf gegenseitigem Respekt. Gerade in diesen Tagen haben die Israelis enorme Achtung vor dem Durchhaltevermögen und der Unnachgiebigkeit der Iraner, deren Zukunft noch ungewiss ist. Israel sorgt sich nicht nur um die eigene Sicherheit, sondern auch um jene des iranischen Volkes, das im Kampf gegen die Unterdrückung bereits einen sehr hohen Preis gezahlt hat.
Es ist die Hoffnung zweier freiheitsliebender Völker, den gemeinsamen Erzfeind – das islamistische und fundamentalistische Regime der Mullahs – ein für alle Mal zu zerstören. Ob diese kleine, aber gerade doch greifbar scheinende Hoffnung in der westlichen Welt als Chance für eine politische Neuordnung des Mittleren und Nahen Ostens wahrgenommen wird, sei dahingestellt.
Wer seit dem 7. Oktober die Selbstverteidigung eines demokratischen Staates in einem asymmetrischen Krieg gegen Terroristen als völkerrechtswidrig anklagt, den islamistischen und barbarischen Terror der Hamas und ihrer palästinensischen Anhänger hingegen heiligt, ist nicht zurechnungsfähig und daher kein Partner im Kampf der Iraner für ihre Freiheit. Wir Israelis wissen genau, auf wen wir uns im Notfall verlassen können: ausschließlich auf uns selbst. Die iranische Bevölkerung darf Israel an ihrer Seite wähnen, aber letzten Endes muss sie aus eigener Kraft eine gesunde politische Neustrukturierung eines freien Iran ins Leben rufen. Damit nicht mehr der Tod, sondern das Leben zum Fundament des iranischen Staates wird.






