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Die Israelfeindschaft des kolumbianischen Präsidenten

Die jemenitischen Huthi feiern den kolumbianischen Präsidenten Petro für seine israelfeindliche Haltung
Die jemenitischen Huthi feiern den kolumbianischen Präsidenten Petro für seine israelfeindliche Haltung (© Imago Images / Hamza Ali)

Wie kein anderes linkes Staatsoberhaupt in Lateinamerika positioniert sich Kolumbiens Präsident Gustavo Petro zum Geschehen im Gazastreifen, lobt die Hamas und dämonisiert Israel.

Christian D. Conde

Ihr Mann habe sich sehr gefreut, berichtete Rebecca Gonzalez. »Er sagte, wir sollten nach Kolumbien gehen und dort ein Stück Land kaufen«, erzählte sie im kolumbianischen Radio. Wenige Tage zuvor war ihr Partner Elkana Bohbot nach zweijähriger Geiselhaft im Rahmen des von den USA vermittelten Abkommens aus dem Gazastreifen zurückgekehrt. Dorthin war er am 7. Oktober 2023 von der Hamas entführt worden, als er als Techniker auf dem Nova-Festival gearbeitet hatte. Kurz darauf hatte Kolumbiens Präsident Gustavo Petro Bohbot die Staatsbürgerschaft seiner Ehefrau zuerkannt.

Während diplomatische Vertreter Kolumbiens sich für die Freilassung Bohbots einsetzten, arbeitete Präsident Petro daran, sich mit Kritik am israelischen Vorgehen und als Verteidiger der palästinensischen Sache zu profilieren. Wie kein anderes linkes Staatsoberhaupt in Lateinamerika positionierte er sich zum Geschehen im Gazastreifen und dämonisierte Israel in öffentlichen Reden und vor allem über seinen X-Account. Doch Petro ließ es nicht bei Worten. Er zog auch konkrete politische und wirtschaftliche Konsequenzen.

Hochgesteckte Pläne

Schon kurz nach dem Angriff vom 7. Oktober 2023 war es zu diplomatischen Spannungen zwischen beiden Ländern gekommen, nachdem Petro das Vorgehen Israels mit dem der Nationalsozialisten verglichen hatte. Wenige Monate später, im Mai 2024, brach er die diplomatischen Beziehungen zu Israel endgültig ab und kündigte an, die kolumbianische Botschaft stattdessen in Ramallah im Westjordanland zu eröffnen. Im August folgte die Anordnung, den Export kolumbianischer Kohle nach Israel einzustellen. »Mit kolumbianischer Kohle werden Bomben gemacht, die palästinensische Kinder töten«, twitterte der Präsident. Aus dem Freihandelsabkommen mit Israel will Petro ebenfalls aussteigen.

Damit brachte die kolumbianische Regierung den Rückbau der über Jahrzehnte gewachsenen Beziehungen zwischen den beiden Staaten auf den Weg. Während sich Kolumbien bei der Abstimmung über den UN-Teilungsplan für das Mandatsgebiet Palästina im Jahr 1947 noch enthielt, zählte es im Jahr 1949 zu einem der ersten lateinamerikanischen Staaten, die den 1948 gegründeten jüdischen Staat anerkannten.

In der Folge entwickelten sich wirtschaftliche und kulturelle Verflechtungen der zwei weit entfernten Nationen. Heute operieren nach Angaben der Kolumbianisch-Israelischen Handelskammer rund eintausend israelische Firmen in dem südamerikanischen Land. Besonders eng war die Kooperation lange Jahre im Bereich der Militär- und Sicherheitstechnik. Israel lieferte unter anderem Waffen, KFIR-Flugzeuge und Überwachungssoftware und versorgte so Kolumbiens Polizei und Militär, die gegen Drogenkartelle und illegale bewaffnete Gruppen kämpfen.

Mittlerweile legte die Regierung Petro den Kauf von militärischem Material aus Israel auf Eis. Stattdessen soll nun der staatseigene Waffenhersteller INDUMIL ein eigenes Sturmgewehr »Made in Colombia« herstellen, das vor wenigen Wochen der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Es wird allmählich das israelische Galil ersetzen, das bei Polizisten und Soldaten des Landes seit mehr als dreißig Jahren zur Standardausrüstung gehört.

Auf internationalem Parkett bemühte sich Petro derweil um eine Spitzenposition unter den Ländern des sogenannten Globalen Südens und um eine langfristige Neuordnung des internationalen Systems. Israel an den Pranger zu stellen, gehört hier zum guten Ton. Neben Südafrika, das die Klage gegen Israel wegen Völkermord vor dem Internationalen Gerichtshof (IGH) anstrengte, ist Kolumbien einer der vorsitzenden Staaten der Haager Gruppe. Das Bündnis ist ein Anfang des Jahres entstandener Zusammenschluss aus acht Ländern Lateinamerikas, Afrikas und Asiens. Im vergangenen Juli traf sich die Haager Gruppe zu ihrer ersten Dringlichkeitssitzung in Kolumbiens Hauptstadt Bogotá. Dort forderte sie erneut die strafrechtliche Verfolgung israelischer Verantwortlicher und ein umfassendes Waffenembargo.

Stargast war Francesca Albanese, UN-Sonderberichterstatterin für die Palästinensergebiete und bekannt für ihre israelfeindlichen Aussagen. In Bogotá sah sie einen »revolutionären Wandel im Gange«, weg von einem israelischen Recht auf Selbstverteidigung und hin »zu einem neuen Multilateralismus«.

Den Anspruch, an dieser neuen Weltordnung mitzuschreiben, trug Petro wenig später vor die größte Bühne der Weltpolitik: die UN-Vollversammlung in New York. Dort forderte er im September, internationale Truppen, eine »Armee zur Erlösung der Welt«, in den Gazastreifen zu entsenden: »Wir brauchen eine starke Armee der Länder, die den Genozid nicht hinnehmen wollen. Darum lade ich die Nationen der Welt und ihre Bevölkerung ein, […] Waffen und Armeen zusammenzustellen. Wir müssen Palästina befreien.«

In einem wenig verhohlenen Vergleich zwischen der Lage im Gazastreifen und der Vernichtung der europäischen Juden richtete Petro seinen Appell auch »an die großen slawischen Völker, die Hitler heldenhaft besiegt haben«. Sein Aufruf verhallte vor versammelter Weltgemeinschaft im weiten Rund des Saals, lediglich der nach Kolumbien entsandte Vertreter der Palästinensischen Autonomiebehörde beglückwünschte Petro zu seiner Idee. Wenige Tage später wurde bekannt, dass die USA ein Abkommen zwischen Israel und der Hamas vermittelt hatten, in dem das Aufstellen einer Internationalen Stabilisierungstruppe vorgesehen ist.

Bei einer Kundgebung in New York an der Seite des BDS-Aktivisten und Ex-Pink-Floyd-Sängers Roger Waters wiederholte Petro seinen Aufruf. Und er forderte Amerikas Soldaten auf, die Befehle ihres Präsidenten Donald Trump zu verweigern. Die US-Administration reagierte prompt mit dem Entzug seines Visums, woraufhin Petro die Verlegung des UN-Sitzes nach Katar anregte.

Der Vorschlag kommt nicht von ungefähr: Die kolumbianische Regierung bemüht sich um bessere Beziehungen zu den Ländern im Nahen Osten und will sich von der Abhängigkeit von den USA lösen. Vergangenes Jahr schloss Kolumbien Kooperationsabkommen mit mehreren arabischen Staaten und auf einer erneuten Reise Petros in die Region Ende Oktober wurden weitere Schritte zum kulturellen und wirtschaftlichen Austausch beschlossen. Das Land erhofft sich unter anderem Absatzmärkte für seine Agrarprodukte, v.a. Kaffee und Kakao.

In Katar wurde, ebenso wie in Saudi-Arabien, zuletzt eine neue Botschaft eröffnet. Das kleine Emirat spielt mittlerweile auch bei Kolumbiens inneren Friedensbemühungen eine Rolle: Im September fand in Doha die erste Runde der Friedensgespräche zwischen der kolumbianischen Regierung und der paramilitärischen, sich durch Drogenhandel finanzierenden Gruppierung Clan de Golfo statt. Passenderweise hat Qatar Airways im Sommer eine Direktverbindung zwischen beiden Hauptstädten mit Zwischenstopp im venezolanischen Caracas eröffnet.

Biblische Analogien

Doch abgesehen von geostrategischen Überlegungen bleibt die Frage, was Kolumbiens Präsident zu diesem obsessiven Israelhass antreibt. Die Wurzeln reichen tief – in seiner Biografie, in der Ideengeschichte Lateinamerikas und im katholischen Unterbau der kolumbianischen Gesellschaft.

Als lateinamerikanischem Linken ist ihm der marxistisch-leninistische Antiimperialismus und die nationale Befreiung in die politische DNA eingeschrieben. Für das ehemalige Mitglied der nationalistisch-populistischen Guerilla M19 ist Israel – oft in einem Atemzug mit den USA – ganz im Sinne des seit den späten 1960er-Jahren von der Sowjetunion weltweit verbreiteten Narrativs das absolut Böse. Antizionismus und das Einstehen für den heldenhaften Widerstand gegen den ewigen Unterdrücker werden hier, wie Jan Kapusnak beschrieben hat, zu einem nicht nur politischen, sondern auch moralischen Gebot.

Petro setzt dieses Gebot um, indem er die israelischen Angriffe auf den Gazastreifen zu einem Angriff auf die gesamte Menschheit erklärt. Alle Unterdrückten weltweit sieht er als Teil einer wahrhaftigen Menschheit, die gegen die mächtigen Staaten oder die herrschende Klasse steht – und einen dieser Kämpfe sieht er zurzeit im Gazastreifen: »Wenn Gaza fällt, stirbt die gesamte Menschheit.« Sollten »die Mörder der 20.000 Kinder in Gaza« nicht verurteilt werden, postuliert er, »versinkt die Welt in Barbarei«.

Als beispielhafte Ikone des Kampfs der Verdammten dieser Erde zieht Gustavo Petro den antikolonialen Befreiungshelden Simón Bolívar heran. Dessen Sieg über die spanischen Truppen legte Anfang des 19. Jahrhunderts den Grundstein für die Unabhängigkeit. Bolivars Groß-Kolumbien aber zerfiel alsbald in die heutigen Staaten Venezuela, Kolumbien und Ecuador. Der Bezug auf solche, zu sozialrevolutionären Helden verklärten Figuren der eigenen Geschichte hatten sich kolumbianische Guerillas in den 1970er- und 80er-Jahren bei Fidel Castro in Kuba und den Sandinisten in Nicaragua abgeschaut. Mit dem angeblichen Schwert des »Befreiers« Bolivars zieht der Präsident seither durch die Welt und präsentiert es bei vielen öffentlichen Auftritten, so auch in New York.

Bei Gustavo Petro kommt eine sich aus dem katholischen Antijudaismus speisende, wenngleich religionsgeschichtlich abstruse Auslegung biblischer Überlieferungen hinzu. Den modernen Staat der Holocaust-Überlebenden setzt er mit »dem jüdischen Volk« gleich, womit er die demokratische Verfasstheit Israels ignoriert. Diese Volte ermöglicht es ihm, an antijüdische Ressentiments der katholisch geprägten Bevölkerung Kolumbiens zu appellieren.

In seinen Reden und Social-Media-Posts deutet er Fotos, Videos und KI-Bilder mit Bezug zu vermeintlichen Geschehnissen im Gazastreifen mittels biblischer Analogien. So betont Petro immer wieder, Jesus sei in Palästina geboren, sei also Palästinenser und nicht Jude gewesen. Und weder die USA noch Israel seien, wie angeblich behauptet werde, das alttestamentarische, von Gott auserwählte Volk, sondern »die gesamte Menschheit«.

Israels Premierminister Benjamin Netanjahu bezeichnet Petro mit Verweis auf die Toten im Gazastreifen als zeitgenössischen Herodes, den es zu besiegen gelte: Eine Anspielung auf den nach christlicher Erzählung von König Herodes angeordneten Bethlehemitischen Kindermord, um sich Jesus zu entledigen, den die Heiligen drei Könige Herodes gegenüber als König der Juden bezeichneten.

Auf einer Kundgebung vor Pensionisten erklärte Petro zuletzt, die privaten Rentenfonds würden ihre Spareinlagen teilweise in multinationale Konzerne investieren, die wiederum als Kreditgeber und Lieferanten für Bomben und Flugzeuge aufträten, mit denen Zehntausende Kinder in Palästina getötet würden – »dort, wo einst das Baby geboren wurde, das wir alle als Jesus kennen«. Bilder von Flüchtlingstrecks im Gazastreifen kommentierte der kolumbianische Staatschef mit Vergleichen zu Moses und dem Exodus.

Dem wiederholten Vorwurf,  unter anderem von israelischer Regierungsseite, er äußere sich antisemitisch, entzieht sich Petro stets mit dem Verweis darauf, die Palästinenser selbst seien Semiten, womit er nicht nur den Begriff des Antisemitismus als Judenhass verfälscht, sondern auch noch den aus der Linguistik stammenden Begriff der semitischen Sprachen in einen völkischen verwandelt, der Ethnien bezeichnen soll.

Innenpolitischer Unterbau

Das vermeintlich rationale Element des Israelhasses des Präsidenten und der kolumbianischen Linken rührt aus der eingangs beschriebenen militärischen Kooperation mit dem jüdischen Staat. Den Kampf gegen die Drogen und die nach den Anschlägen vom 11. September 2001 ebenfalls als Terroristen eingestuften Guerillas führte der kolumbianische Staat seit der Jahrtausendwende mit erheblicher Finanzierung aus den USA. Das Material und Know-how dazu lieferten unter anderem israelische Firmen. Es entstand ein »strategisches Dreieck« zwischen den drei Ländern, so der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Kolumbien und Politikwissenschaftler Marcos Peckel.

Bei ihrem Vorgehen, das vor allem in die Amtszeit des rechten Hardliners Álvaro Uribe fiel, begingen Angehörige des staatlichen Verteidigungs- und Sicherheitsapparats schwere Menschenrechtsverbrechen. Hunderttausende Zivilisten sowie viele Sozialaktivisten und linke Politiker fielen dem Treiben zum Opfer. Vom Militär beauftragte Todesschwadronen wurden unter Mitwissen des kolumbianischen Geheimdienstes in den 1980er- und 90er-Jahren von dem israelischen Söldner und ehemaligen IDF-Soldaten Yair Klein trainiert. Sie begingen später zahlreiche Gräueltaten an der Zivilbevölkerung.

Es sind diese Bande, die den kolumbianischen Linken als innenpolitischer Beleg für die angebliche universale Grausamkeit Israels dienen. So können sie ihren ausgeprägten antiimperialistischen Israelhass politisieren und empirisch validieren.

Gestützt auf diese Lesart sieht Gustavo Petro im Gaza-Krieg eine Fortsetzung der in Kolumbien begangenen Menschenrechtsverbrechen. Wie die rechte Oligarchie in Kolumbien mittels staatlicher Institutionen die Bevölkerung mit Gewalt überzogen habe, so setze sich dies nun im Gazastreifen fort. »Sie haben hunderttausende kolumbianische Kleinbauern massakriert; so, wie sie es mit den Kindern in Gaza tun«, betonte Petro bei den Vereinten Nationen.

Seine nun begonnene Rückabwicklung der Beziehungen zu Israel sieht er als erster linker Präsident des Landes dann auch darin legitimiert, den in seinen Augen über Jahrzehnte beschrittenen Irrweg der politischen und wirtschaftlichen Kooperation des rechten Establishments mit Israel zu verlassen.

Der Spindoctor

Als Stichwortgeber der kolumbianischen Israelpolitik sehen Beobachter den Präsidentenberater für den Mittleren Osten, Victor Currea-Lugo. Der Mediziner, der früher für die Organisation Ärzte ohne Grenzen unter anderem in arabischen Ländern im Einsatz war und heute über ein Büro im Präsidentenpalast Casa de Nariño verfügt, ist so etwas wie der kolumbianische Jürgen Todenhöfer: Von seinen Reisen brachte er zahlreiche Recherchen und Interviews mit, anhand derer er als Universitätsdozent, Buchautor und Journalist der Bevölkerung daheim die MENA-Region erklärte.

Der 58-Jährige war ursprünglich als Botschafter in den Vereinigten Arabischen Emiraten vorgesehen, doch Vorwürfe sexueller Belästigung an ehemaligen Studentinnen verhinderten zunächst seine Ernennung. Seit Oktober 2023 ist er direkter Berater von Gustavo Petro und gilt als inoffizieller Diplomat mit besonderen Aufgaben.

Laut eigener Auskunft hat Currea-Lugo immer wieder Regierungsvertreter arabischer Länder sowie Sprecher der Hisbollah, des Palästinensischen Islamischen Dschihads und der Hamas getroffen, die er allesamt als »Widerstandsbewegungen« bezeichnet. Zuletzt im Jahr 2024, als er im Auftrag des Präsidenten das bisher einzige kolumbianische Flugzeug mit humanitärer Hilfe in die Region brachte. Auch soll er Kontakte in den Iran geknüpft haben, wie das Nachrichtenportal La Silla Vacía berichtete.

Wer in Currea-Lugos Publikationen hingegen kaum zu Wort kommt, sind Menschen oder Amtsträger in Israel. Entsprechend ist seine Sicht der Dinge. Sich selbst nennt er stolz einen »Anti-Zionisten«. Das Massaker vom 7. Oktober 2023 bezeichnet er, ganz in der Sprache der Hamas, als »Sintflut von al-Aqsa« und Akt der Selbstverteidigung.

In Currea-Lugos Texten wimmelt es nur so von »Zionisten«, die er überall dort am Werk sieht, wo nicht entschieden gegen Israel Stellung bezogen wird. Dass dabei die Grenzen zum Antisemitismus fließend sind, liegt auf der Hand. »Zionisten« werden bei ihm als im Hintergrund agierende, allmächtige Subjekte imaginiert, denen es gelingt, den Guten dieser Welt Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Beispielhaft zeigt das eine auf seinem Blog veröffentlichte Analyse: Anlässlich eines Presseberichts, die in Kolumbien tätigen Kohleunternehmen exportierten trotz präsidialem Dekret nach wie vor nach Israel, verortete er in dem Problem, dass »der Zionismus in den Eingeweiden des kolumbianischen Staates« nach wie vor präsent sei.

Auch Innenminister Armando Benedetti, eher ein Machtpolitiker als ein überzeugter Linker, äußerte sich zuletzt antisemitisch ­– ohne Konsequenzen. Über die Tatsache, dass Israel im Falle einer Qualifikation nicht, wie von einigen Verbänden gefordert, von der FIFA-Fußballweltmeisterschaft in den USA im Jahr 2026 ausgeschlossen werden wird, raunte er, dies sei nicht geschehen, »weil die Sponsoren mit dem jüdischen Glauben und Israel zu tun haben«.

Petros Irrweg?

Angesichts dessen, dass das Thema Israel und Gaza so dominant in Petros Wirken ist, stellt sich die Frage, was es ihm einbringt. Seine Besessenheit bezüglich des jüdischen Staates hat bislang weder messbare politische Auswirkungen noch steigen seine Beliebtheitswerte, die seit zwei Jahren konstant bei recht niedrigen dreißig Prozent liegen. Sein letzter Versuch, die Menschen in Sachen Palästina zu mobilisieren, folgten zwei Jahre nach dem Hamas-Massaker nicht mehr so viele wie von ihm erhofft.

Auch innenpolitisch hilft dem Präsidenten sein Diskurs kaum. Vielmehr wird weniger als ein Jahr vor dem Ende seiner vierjährigen Amtszeit immer deutlicher, dass seine Regierung zentrale Wahlversprechen nicht einhalten wird können. Mehrere Sozialreformen brachte Petro nicht oder nur abgemildert durch den Kongress, auch weil ihm im Parlament die politischen Mehrheiten fehlten und es an ausreichendem Mobilisierungsdruck auf der Straße mangelte.

Seine »Politik des totalen Friedens«, die auf eine friedliche Beilegung des internen bewaffneten Konflikts mit Guerillagruppen und paramilitärischen Drogenbanden abzielte, hat bislang wenig Früchte getragen. In einigen Regionen des Landes konnten diese Gruppen ihre territoriale Kontrolle sogar ausbauen. Mehrere Bombenattacken und ein tödliches Attentat auf einen rechten Oppositionspolitiker im Laufe des Jahres sind Zeichen des Wiederaufflammens des Konflikts, den man mit dem Friedensabkommen mit der FARC-Guerilla im Jahr 2016 gehofft hatte, beilegen zu können.

Auch innerhalb der eigenen Reihen steht Gustavo Petro zunehmend in der Kritik. Sein zur Schau gestellter machismo stößt bei Feministinnen auf wenig Zustimmung, und sein autoritärer Führungsstil und die strategischen Allianzen mit alteingesessenen Polit-Eliten bei gleichzeitiger Nichtbeachtung der sozialen Basis sorgten für Unmut bei den verschiedenen Linksparteien und den starken sozialen Bewegungen. Immerhin hatten sie 2022 mitgeholfen, Petro ins Amt zu bringen. An einer innerlinken Abstimmung Mitte Oktober über den kommenden Kandidaten für die Präsidentschafts- und Kongresswahlen beteiligten sich hingegen so viele Menschen wie noch nie zuvor. Dies wird in Kolumbien als Beleg für das Mobilisierungspotenzial der Linken insgesamt interpretiert.

Auf internationalem Parkett ist Petros angestrebter Protektionismus mit dem vorläufigen Schweigen der Waffen im Gazastreifen und der Befreiung der Geiseln erst einmal verpufft. Angesichts der Verschärfung des Konflikts mit den USA und dem vorläufigen Ende des israelischen Militäreinsatzes haben Kolumbiens unmittelbare Probleme nun wieder vermehrt die Aufmerksamkeit des Präsidenten gewonnen.

Auch wenn der Präsident verzweifelt bemüht ist, die Angriffe des amerikanischen Militärs auf vermeintliche Drogenboote in der Karibik, die Aussetzung der US-Hilfsgelder und die Androhung von Zöllen mit der Lage im Gazastreifen in Verbindung zu bringen, wird er angesichts der Abhängigkeit der kolumbianischen Wirtschaft dem Druck der US-Regierung langfristig kaum standhalten können. Kolumbiens Wirtschaft ist auf die USA als wichtigsten Importeur ihrer Produkte angewiesen, ebenso wie auf deren Hilfs- und Unterstützungszahlungen, die in den Kampf gegen Drogenhandel, aber auch in Entwicklungsprogramme und die Stärkung von Institutionen fließen.

Wie dauerhaft und resilient die in die Golfstaaten und in den Iran geknüpften Kontakte die internationalen Beziehungen des Landes langfristig neu ausrichten, muss sich erst noch zeigen. Ebenso fraglich ist, ob der Abbruch der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu Israel von Dauer sein wird. Die eigene Waffenproduktion wird den Bedarf Kolumbiens an militärischem Material nicht decken können.

Im Mai 2026 wird Gustavo Petros Nachfolger gewählt, und ob dieser den außenpolitischen Kurs beibehält, ist keine ausgemachte Sache. Selbst der derzeit aussichtsreiche Kandidat der Linken, Iván Cepeda, gilt im Vergleich zu Petro als gemäßigt und weniger konfrontativ.

Die ehemalige Geisel Elkana Bohbot wird das alles wenig interessieren. Seine Frau teilte dieser Tage Aufnahmen von einem Konzert, das sie gemeinsam mit ihrem Mann in Tel Aviv besuchte. Hamas-Kämpfer, die Elkana bewachten, sollen ihm mit Verweis auf die kolumbianische Staatsbürgerschaft seiner Frau zu verstehen gegeben haben, dies bringe ihm Pluspunkte ein. Schließlich komme sie aus »einem guten Land«, dessen Präsident »pro-palästinisch« sei. So berichtete es zumindest Bohbots Ehefrau Rebecca im Radiosender Blu Radio.

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