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Zwischen Sirenen und Strandcafés – Warum Israel zu den glücklichsten Ländern gehört

Glückliches Israel: Eine Runde Matkot am Strand von Tel Aviv
Glückliches Israel: Eine Runde Matkot am Strand von Tel Aviv (© Imago Images / Depositphotos)

Angesichts von Spannungen, Konflikten und Kriegen wirkt es überraschend, dass Israel regelmäßig Spitzenplätze auf der Liste der glücklichsten Länder belegt.

Israel belegt im aktuellen World Happiness Report erneut einen Spitzenplatz und landet auf Rang acht der glücklichsten Länder der Welt. Für viele Menschen außerhalb des Landes wirkt das kaum nachvollziehbar. Seit Jahren bestimmen Krieg, politische Spannungen, hohe Lebenshaltungskosten und gesellschaftliche Konflikte die Schlagzeilen. Gerade deshalb erscheint die Platzierung auf den ersten Blick widersprüchlich. Wer jedoch einige Zeit in Israel verbringt, erlebt eine Realität, die sich nicht immer mit den Nachrichten deckt.

An einem gewöhnlichen Morgen in Tel Aviv genügt oft ein Spaziergang entlang der Strandpromenade. Noch bevor die Sonne ihre volle Kraft entfaltet, spielen Israelis Matkot oder Volleyball. Andere joggen am Wasser entlang, treffen Freunde auf einen Kaffee oder sitzen bereits mit einem Frühstück in einem der Strandcafés. Wenige Stunden später liegen Menschen mitten unter der Woche am Strand, lesen ein Buch oder genießen die Sonne. Als Einwanderer fragt man sich manchmal, wer all diese Menschen eigentlich sind und warum sie an einem Dienstagvormittag frei haben. Doch häufig lautet die Antwort: Sie haben gar nicht frei. Sie nehmen sich einfach Zeit für eine Pause und genießen den Alltag.

Diese Haltung zieht sich durch viele Bereiche des Lebens. Wenn man nicht weiß, wie der nächste Tag aussehen wird, macht es schließlich keinen Sinn, sich zu stressen.

Glück ist nicht dasselbe wie Sorglosigkeit

Der World Happiness Report misst nicht, wie oft Menschen lachen oder ob sie an einem bestimmten Tag glücklich sind. Die Befragten bewerten vielmehr ihr Leben insgesamt. Dabei spielen Faktoren wie soziale Unterstützung, Gesundheit, persönliche Freiheit und das Vertrauen in andere Menschen eine zentrale Rolle. Dass Israel in diesem Ranking seit Jahren weit vorn liegt, bedeutet also nicht, dass die Menschen keine Sorgen hätten. Vielmehr zeigt es, dass viele Israelis ihr Leben trotz der Herausforderungen als lebenswert empfinden.

Die Jerusalem Post verweist in ihrer Analyse des diesjährigen Berichts unter anderem auf die starke Rolle von Familie und Gemeinschaft in der israelischen Gesellschaft. Diese sozialen Strukturen bieten vielen Menschen, vor allem in Krisenzeiten, Halt. Während in vielen westlichen Ländern Einsamkeit zunehmend als gesellschaftliches Problem diskutiert wird, nehmen die sozialen Netzwerke in Israel, vor allem seit dem Beginn des Krieges, eher zu. Familien leben häufig in derselben Stadt oder sogar im selben Viertel. Großeltern übernehmen die Betreuung der Enkel, Freunde werden spontan besucht und Nachbarn kennen einander oft besser als anderswo. Viele Menschen wachsen mit engen Gemeinschaften auf, die sie ihr Leben lang begleiten.

Besonders sichtbar wurde dieser Zusammenhalt nach dem 7. Oktober 2023. Innerhalb weniger Stunden entstanden Freiwilligeninitiativen, Nachbarschaftshilfen und Unterstützungsnetzwerke. Menschen sammelten Spenden, kochten für Soldaten, organisierten Unterkünfte für Evakuierte oder kümmerten sich um Familien von Reservisten. Auch wenn die erste Welle der Solidarität inzwischen abgeebbt ist, prägt dieses Gemeinschaftsgefühl weiterhin den Alltag vieler Israelis. So gibt es beispielsweise für jede Nachbarschaft in Tel Aviv eine eigene WhatsApp-Gruppe, in der Möbel verkauft werden, um Ratschläge gefragt oder auch manchmal an einem Schabbat zum Essen eingeladen wird. So hat man oft das Gefühl von Zugehörigkeit und nicht allein zu sein.

Schon vor sieben Jahren, als ich nach Israel zog, fiel mir dieser Zusammenhalt auf. Wann auch immer ich ein Problem hatte und eine beliebige Person auf der Straße um Hilfe fragte, taten sie, als wäre es ihr eigenes Problem, und alles, um mir zu helfen. Tatsächlich habe ich so oft Jobs, Wohnungen oder neue Freunde gefunden.

Leben mit Unsicherheit

Israelis wachsen mit einem Maß an Unsicherheit auf, das für viele Europäer schwer vorstellbar ist. Kriege, Terroranschläge und politische Krisen gehören seit Jahrzehnten zur Realität des Landes, wovon die Menschen nicht unberührt bleiben. Die vergangenen Jahre haben tiefe Spuren hinterlassen. Gleichzeitig scheint sich eine besondere Fähigkeit entwickelt zu haben, Unsicherheit als Teil des Lebens zu akzeptieren, ohne sich dauerhaft von ihr bestimmen zu lassen.

Während der iranischen Angriffe in diesem Frühling verbrachten viele Menschen die Nacht in Schutzräumen. Am nächsten Morgen öffneten die Cafés wieder, Kinder spielten auf den Straßen und Menschen gingen zur Arbeit. Diese schnelle Rückkehr in den Alltag wird von Außenstehenden manchmal als Verdrängung interpretiert. Für viele Israelis ist sie vielmehr eine Form von Resilienz. Das bedeutet, weiterzumachen, komme was wolle, und das Leben eben noch mehr zu genießen, da es nicht selbstverständlich ist. Oft fällt mir auf, wenn ich mit Freunden und Verwandten in Europa telefoniere, dass ihre Sorgen sich oft um Kleinigkeiten drehen. Wenn jedoch die Existenz in Frage steht, lässt man Kleinigkeiten weniger an sich herankommen und lebt so vielleicht sogar sorgenfreier.

Nirgendwo zeigt sich der Widerspruch zwischen Krise und Lebensfreude deutlicher als in Tel Aviv. Hier kann man morgens in den Nachrichten von Spannungen und Konflikten hören und wenige Minuten später an einer überfüllten Strandpromenade vorbeigehen. Menschen planen Hochzeiten, gründen Unternehmen, gehen zum Yoga oder sitzen mit Freunden beim Frühstück, selbst wenn permanente Anspannung das Land prägt oder sogar direkte Angriffe auf Tel Aviv stattfinden.

Für Neuankömmlinge wirkt diese Gleichzeitigkeit oft irritierend. Doch mit der Zeit wird deutlich, dass genau darin ein Teil der israelischen Mentalität liegt: Das Leben wird nicht auf später verschoben. Vielleicht erklärt das auch, warum das Land trotz aller Schwierigkeiten regelmäßig zu den glücklichsten der Welt gehört. Nicht, weil die Probleme kleiner wären als anderswo. Sondern weil viele Menschen gelernt haben, Freude und Sorgen gleichzeitig auszuhalten.

Das Glück in Israel zeigt sich selten in großen Gesten. Es steckt eher in den kleinen Momenten des Alltags: in einer spontanen Einladung zum Abendessen, einem Sonnenuntergang, in einer Partie Matkot am frühen Morgen oder in der Entscheidung, sich mitten an einem gewöhnlichen Dienstag eine Stunde Zeit zu nehmen, um am Strand zu sitzen und auf das Meer zu schauen. Und vielleicht liegt genau darin das eigentliche Geheimnis. Nicht in der Abwesenheit von Krisen, sondern in der Fähigkeit, das Leben trotzdem nicht aus den Augen zu verlieren.

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