Israel steuert auf eine mögliche Richtungswahl zu. Spätestens Mitte Oktober wird gewählt. Knapp drei Jahre nach dem 7. Oktober 2023, nach den Kriegen in Gaza, im Libanon und dem Iran geht es um weit mehr als die politische Zukunft von Premierminister Benjamin Netanjahu. Die jüngsten Umfragen zeigen dabei eine überraschende Entwicklung.
Auf den ersten Blick wirken fast alle Sonntagsfragen zur nächsten israelischen Parlamentswahl in den vergangenen Monaten erstaunlich stabil. Benjamin Netanjahus Lager bleibt unter der Mehrheitsschwelle von 61 Sitzen, die Opposition schafft es aber weiterhin nicht, daraus eine eigene Regierungsmehrheit zu formen. Doch hinter den Kulissen haben sich die Machtverhältnisse in den vergangenen Wochen erstaunlich verschoben. Allerdings nicht im Regierungslager, sondern innerhalb der Opposition. Dort etabliert sich mit dem ehemaligen Generalstabschef Gadi Eisenkot offenbar ein neuer Netanjahu-Herausforderer.
Lange galt Ex-Premierminister Naftali Bennett als aussichtsreichste Alternative zu Netanjahu. Ende April schloss er sich mit Oppositionsführer Yair Lapid zusammen. Das neue Bündnis sollte die politische Mitte und die moderate Rechte vereinen und als klare Alternative zur Regierung auftreten. In einer Umfrage des Instituts Tatika kam das Bennett-Lapid-Bündnis Ende Mai auf 22 Mandate, Eisenkots neue Partei Yashar erreichte damals 18 Sitze.
Eisenkots Aufschwung
Nur zwei Wochen später sieht die politische Landschaft innerhalb der Opposition bereits anders aus. Eisenkot holt Woche für Woche auf. Eine am 11. Juni veröffentlichte Umfrage von Zman Yisrael weist sowohl Eisenkots Partei Yashar als auch das Bennett-Lapid-Bündnis mit jeweils 21 Sitzen aus. Der Likud bleibt in dieser Umfrage mit 24 Mandaten stärkste Partei des Landes. Eine zeitgleich veröffentlichte Umfrage von Channel 12 bestätigt den Trend. Dort liegen Eisenkot und Bennett ebenfalls gleichauf, diesmal bei jeweils 20 Mandaten. Der Likud erreicht 22 Sitze.
Die eigentliche Dynamik dieses Wahlkampfs spielt sich damit derzeit nicht zwischen Regierung und Opposition ab, sondern innerhalb der Opposition selbst. Die entscheidende Frage für die Widersacher Netanjahus lautet nicht mehr nur, ob der Premierminister abgewählt werden kann, sondern wer ihn herausfordern soll.
Eisenkot bringt dafür beste Voraussetzungen mit. Der ehemalige Generalstabschef führte die israelischen Streitkräfte von 2015 bis 2019 und genießt über Parteigrenzen hinweg großes Vertrauen in Sicherheitsfragen. Nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober trat er zunächst dem Kriegskabinett Netanjahus bei, distanzierte sich aber zunehmend. Hinzu kommt seine persönliche Geschichte. Eisenkot ist Sohn marokkanischer Einwanderer und gehört damit zu den Mizrachim, einer Bevölkerungsgruppe, die traditionell einen bedeutenden Teil der israelischen Wählerschaft stellt. Sein Sohn Gal fiel im Dezember 2023 als Soldat im Gazastreifen. Dass Eisenkot diesen Verlust nie politisch ausgeschlachtet hat, brachte ihm zusätzlichen Respekt ein.
Der Politikwissenschaftler Gideon Rahat von der Hebräischen Universität Jerusalem sieht darin einen zentralen Grund für seinen Aufstieg. »Auf der einen Seite haben wir Netanjahu, mit kaum Militärerfahrung und einem Sohn, der in Miami gegen die Opposition hetzt. Auf der anderen Eisenkot: früherer Generalstabschef, Mizrachi, dessen Sohn für das Land sein Leben gelassen hat«, sagte Rahat dem Handelsblatt.
Auch die persönlichen Vertrauenswerte sprechen für Eisenkot. Laut einer aktuellen Erhebung von Channel 12 ist er derzeit jener Politiker, dem die Israelis am meisten vertrauen. 38 Prozent der Befragten nannten ihn als bevorzugten politischen Führer des Landes. Netanjahu kam auf 27 Prozent, Bennett auf 12 Prozent. Es bleibt also spannend. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob Eisenkot das Bennet-Lager überflügelt und zum Nummer-eins-Herausforderer von Netanjahu wird.







