Ex-Generalstabschef Gadi Eisenkot holt mit seiner neuen Partei auf und ist stärkste Oppositionskraft, doch die Umfragen sind gegenwärtig mit Vorsicht zu genießen.
Gegenwärtig sorgen Israels Wahlumfragen vor allem für Verwirrung. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Instituten sind eklatant. Einzelne Parteien werden völlig unterschiedlich bewertet. Dabei betragen die Abweichungen nicht nur zwei oder drei Prozentpunkte, sondern teilweise deutlich mehr. Je nach Umfrage entsteht deshalb ein völlig anderes Bild der politischen Stimmung. Ein belastbares Meinungsbild der israelischen Wählerschaft lässt sich derzeit kaum ableiten. Man könnte die Umfragen fast schon als »Voodoo-Umfragen« bezeichnen.
Warum die Zahlen so stark auseinandergehen, ist unklar. Möglicherweise spielen unterschiedliche Erhebungsmethoden oder zu kleine Stichproben eine Rolle. Parteinahe Institute versuchen, wie überall auf der Welt, mit ihren Umfragen politische Stimmungen zu beeinflussen. Denkbar ist aber auch, dass sich das Wählerspektrum derzeit so dynamisch und volatil bewegt, dass selbst seriöse Meinungsforscher Schwierigkeiten haben, die tatsächliche Stimmung präzise abzubilden.
Mena-Watch analysiert deshalb regelmäßig die wichtigsten Umfragen und achtet weniger auf einzelne Ausreißer als auf Entwicklungen, die sich über mehrere Erhebungen hinweg erkennen lassen.
Trotz aller Unterschiede zeigen sich gegenwärtig mehrere Konstanten: Der Likud von Premierminister Benjamin Netanjahu bleibt in praktisch allen Umfragen die stärkste Partei. Gleichzeitig gewinnt Ex-Generalstabschef Gadi Eisenkot kontinuierlich an Zustimmung. In den vergangenen Wochen holte eine neue Partei Yashar gegenüber Naftali Bennetts Bündnis Bechayad (deutsch: Zusammen) auf und liegt in vielen Umfragen gleichauf oder sogar schon vorn. Die größten Verschiebungen finden somit derzeit innerhalb der Opposition statt. Auf einen bedeutenderen Wechsel von Likud-Wählern ins Oppositionslager hin deutet derzeit noch nichts hin.
Blöcke unverändert
Zu den methodisch wohl seriösesten Umfragen zählen in Israel die des Fernsehsenders Keshet 12. Dieser sieht in seiner jüngsten Befragung von Anfang Juli den Likud mit 24 Mandaten weiterhin als stärkste Kraft. Dahinter folgt bereits Eisenkots Partei Yashar mit 22 Sitzen. Das Mitte-rechts-Bündnis Bechayad, mit dem Ex-Premier Naftali Bennett (Bennett 2026) gemeinsam mit Yair Lapid (Jesch Atid) antritt, erreicht in dieser Umfrage nur mehr 17 Mandate.
An den Mehrheitsverhältnissen würde sich dadurch allerdings wenig ändern. Der Oppositionsblock kommt in der Channel-12-Erhebung auf 58 Sitze und liegt damit vor der Regierungskoalition mit 52 Mandaten. Beide Lager verfehlen jedoch die für eine Regierungsbildung notwendige Mehrheit von 61 Sitzen.

Die beiden arabischen Parteien Hadash-Ta’al und Ra’am würden gemeinsam zehn Sitze erreichen und könnten damit erneut eine Schlüsselrolle bei möglichen Koalitionsverhandlungen spielen. Dies gilt allerdings nur, wenn sie einzeln und nicht in einem Bündnis antreten, weil die antizionistische Hadash-Ta’al für eine Regierungsbildung nicht in Frage kommt.
Hinter den drei größten Parteien folgt HaDemokratim (deutsch: Die Demokraten) unter Yair Golan mit zehn Mandaten. Avigdor Liebermans Israel Beitenu und die ultraorthodoxe Schas kämen jeweils auf neun Sitze. Itamar Ben Gvirs Otzma Yehudit würde acht Sitze gewinnen, das Vereinigte Tora-Judentum sieben. Finanzminister Bezalel Smotrichs Partei Religiöser Zionismus würde mit vier Sitzen nur knapp den Einzug in die Knesset schaffen.
Nicht im Parlament vertreten wären nach dieser Umfrage Benny Gantz Blau-Weiß, die arabisch-nationalistische Balad sowie die neue Partei HaMiluimnikim (deutsch: die Reservisten).
Bemerkenswert ist auch die Direktfrage nach dem bevorzugten Regierungschef. In der Channel-12-Umfrage liegt Eisenkot nahezu gleichauf mit Netanjahu. 37 Prozent der Befragten sprechen sich für den amtierenden Premierminister aus, 36 Prozent für den ehemaligen Generalstabschef. Gegen Bennett fällt Netanjahus Vorsprung mit 40 zu 32 Prozent deutlicher aus, gegen Avigdor Lieberman liegt er bei 40 zu 23 Prozent.

Auch wenn die aktuellen Umfragen kaum ein einheitliches Meinungsbild zeichnen, lässt sich ein Fazit ziehen: Der Likud behauptet seine Rolle als stärkste politische Kraft, ohne entscheidend zuzulegen. Die eigentliche Dynamik spielt sich innerhalb der Opposition ab. Dort hat Gadi Eisenkot in den vergangenen Wochen deutlich an Boden gewonnen und macht Naftali Bennett die Rolle des wichtigsten Herausforderers streitig. Die spannendste Frage des Wahlkampfs lautet deshalb derzeit weniger, ob Benjamin Netanjahu stärkste Kraft bleiben wird, sondern wer ihm im Wahlkampf als aussichtsreichster Herausforderer gegenüberstehen wird.






