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Israel leidet. Was bisher geschah.

Raketensalve aus Gaza auf Israel
Raketensalve aus Gaza auf Israel (© Imago Images / ZUMA Wire)

Die Angriffe aus Gaza dauern an, und marodierende Banden erschüttern das Vertrauen in ein friedliches Zusammenleben zwischen Juden und Arabern. Ein Überblick am Morgen nach der dritten Nacht unter Beschuss. 

Auch in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag hielten die Angriffe aus Gaza an: Nach Angaben der Israel Defense Forces (IDF) sind zwischen acht Uhr abends und sechs Uhr morgens 150 Raketen und Mörsergranaten aus dem Gazastreifen auf Israel abgefeuert worden. Insgesamt haben palästinensische Terroristen seit dem Ausbruch der Kämpfe am Montagabend fast 1.500 Geschosse auf Israel abgefeuert. Etwa ein Fünftel davon landete innerhalb des Gazastreifens. Die Iron Dome Raketenabwehrbatterien konnten ungefähr 90 Prozent aller Raketen und Mörsergranaten abfangen, die auf bewohnte Gebiete gerichtet waren. 

Kurz vor Morgengrauen schlug eine Rakete zwischen Häusern in Petah Tikva ein und setzte sie in Brand. Die Stadt gehört mit rund 250.000 Einwohnern zu einer der größten Städte Israels und liegt nur wenige Kilometer östlich von Tel Aviv im Zentralbezirk. Zwei Menschen wurden durch Schrapnelle verletzt, sechs weitere mussten wegen Rauchvergiftung behandelt werden. Drei Raketen trafen den Kibbuz Nir Oz nahe der Grenze zu Gaza, dort gab es keine Verletzten. 

Der Flughafen Ben-Gurion hat am Donnerstagmorgen begonnen, alle ankommenden Flüge zum Ramon International Airport im Süden Israels umzuleiten. Abfliegende Flüge werden weiterhin vom Ben-Gurion Airport gestartet.

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Israel ist entschlossen, die Hamas nachhaltig zu schwächen. Mittwochabend bestätigte ein Sprecher der IDF, dass bislang 29 Terroristen liquidiert werden konnten. In der Nacht wurden weitere Stützpunkte der Hamas und andere militärische Ziele bombardiert. Medienberichten zufolge sollen die IDF-Kommandos für Gaza und den Süden im Laufe des Tages dem Stabschef Aviv Kohavi Pläne für eine mögliche Bodeninvasion vorlegen. Danach muss die Politik das weitere Vorgehen entscheiden. 

Die Toten

Die Raketen der Hamas unterscheiden nicht zwischen Ethnien, Religionen und Staatsangehörigkeit. Seit den Angriffen am Montagabend starben auf israelischer Seite sieben Menschen, fünf israelische Zivilisten, ein Soldat der IDF und eine indische Staatsbürgerin. 

Soumya Santosh, 32, Ashkelon. Die indische Pflegerin wurde getötet, als eine Rakete in das Haus ihres Schützlings Nella Gurevitz in Ashkelon einschlug. Channel 12 berichtete, dass der Raketenbunker mindestens eine Minute vom Haus der älteren Frau entfernt war, und die beiden es nicht schafften, ihn rechtzeitig zu erreichen. Santosh hinterlässt einen Ehemann und ihren neunjährigen Sohn Adon.

Nella Gurevitz, 80, Ashkelon. Auch sie überlebte den Angriff nicht, ihr Mann liegt mit schweren Verletzungen im Krankenhaus. Gurevitz und Santosh waren die ersten beiden Opfer der Angriffe.

Leah Yom-Tov, 63, Rishon Lezion. Sie wurde von einer Rakete getötet, die während des bisher größten Raketenbeschusses auf Israels Zentralbezirk Dienstagnacht ihr Haus traf. Leah Yom-Tov hinterlässt zwei Kinder, Moshe und Kfir Peleh, und fünf Enkelkinder.

Khalil Awwad, 52, und seine Tochter Nadin, 16, beide aus Dahmash in der Nähe von Lod. Eine Rakete traf das Auto der arabisch-israelischen Familie am frühen Mittwochmorgen. Awwads Frau befand sich ebenfalls im Auto, sie überlebte schwer verletzt. 

Omer Tabib, 21, Eliakim. Der Staff Sergeant der ‚Nahal Infantry Brigade‘ stammt aus einem Moshav, einer dörflichen Landwirtschafts-Genossenschaft im Norden Israels. Er befand sich zusammen mit einem Offizier und einem weiteren Soldaten in einem Jeep in Netiv Ha’asara, einem Kibbutz an der nördlichen Gaza-Grenze, als dieser am Mittwoch von einer Panzerabwehrrakete getroffen wurde. Seine Kameraden wurden verwundet. Tabib hinterlässt seine Eltern, Tali und Amir, und seinen kleinen Bruder.

Ido Avigal, 5, Sderot. Der kleine Junge wurde am Mittwoch lebensgefährlich verletzt, als Raketensplitter das Fenster seines Schutzraums durchschlugen und auch seine Mutter und seine siebenjährige Schwester verletzten. Wenige Stunden später erlag er seinen Verletzungen.

Wie viele Menschenleben die Kämpfe in Gaza bis jetzt forderten, weiß man nicht. Man ist auf Angaben des von der Hamas geführten Gesundheitsministeriums in Gaza angewiesen, das die Zahl der Toten am Donnerstagmorgen mit 83 bezifferte, darunter 17 Minderjährige – allerdings kann man diesen Angaben kaum vertrauen. Für die Hamas waren Opferzahlen immer schon ein bloßes Propagandainstrument. 

Nach Angaben der IDF waren jedenfalls Dutzende der Getöteten Mitglieder von Terrorgruppen, einige hätten aktiv Angriffe auf Israel vorbereitetet, als sie getroffen wurden. Armeesprecher Jonathan Conricus sagte einem Briefing am Mittwochabend: „Ich setze ein großes rotes Fragezeichen hinter die Totenzahlen der Hamas.“ Die Terrororganisation sei dafür bekannt, „dass sie lügt, manipuliert und verfälscht“.

Dem kann man nicht widersprechen. Zudem sind ungewöhnlich viele Raketen innerhalb des Gaza-Streifens gelandet, annähernd jede fünfte schlug auf eigenem Gebiet ein. Medienberichten zufolge wurden schon bei den ersten Angriffen dabei mindestens neun Kinder getötet.

Gewalt auf Israels Straßen

In der Nacht auf heute, inmitten der Angriffe aus dem Gazastreifen, rollte eine Welle von Unruhen und Ausschreitungen durch das Land. Für viele war es die schlimmste Nacht seit vielen Jahren, Chaos und Gewalt zwischen Arabern und Juden breiteten sich auch in Städten aus, die bis vor kurzem noch als Symbole des Zusammenlebens galten.

Schon in den Tagen und Nächten davor hatten Araber Juden angegriffen, sie fielen über Autos her, verprügelten Juden auf offener Straße, schlugen Schaufenster ein und steckten Synagogen in Brand. Auch das berühmte Restaurant von Uri Buri in Akko wurde abgefackelt. Der Bürgermeister von Lod sprach gar von einer „Kristallnacht“. 

Gestern Nacht eskalierte die Situation. In Lod, Akko, Jerusalem, Haifa, Bat Yam, Tiberias und vielen anderen Orten kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Arabern und Juden, bei denen Menschen zum Teil schwer verletzt wurden. Zudem wird aus der Westbank von mindestens zwei palästinensischen Terroranschlägen berichtet, bei denen zwei Soldaten verwundet worden sind. 

„Die vielleicht schockierendste Szene der Nacht – und eine, die bei israelischen Führern Unglauben und Entsetzen auslöste – waren Aufnahmen von Hunderten jüdischen Extremisten in Bat Yam, die arabisches Eigentum verwüsteten und dann einen arabischen Fahrer in seinem Auto angriffen, ihn aus dem Fahrzeug zerrten und brutal verprügelten“, berichtet die Times of Israel. Auch durch die Straßen von Tiberias und Haifa seien rechtsextreme Randalierer gezogen und hätten nach Arabern gesucht, um sie anzugreifen. Der Ruf: „Tod den Arabern“ sei an vielen Orten zu hören gewesen.

In Akko wiederum wurde ein jüdischer Mann von arabischen Randalierern angegriffen und mit Steinen und Eisenstangen geschlagen. Er wurde ins Krankenhaus eingeliefert, sein Zustand ist kritisch. Auch aus Jerusalem, Lod, Haifa, Tamra und anderen Orten wurden schwere arabische Ausschreitungen gemeldet. Die einzelnen Vorfälle von jüdischer und arabischer Seite kann man unter anderem in der Jerusalem Post und in Times of Israel nachlesen. 

Vom Premierminister bis hin zu Knesset-Abgeordneten der extremen Rechten äußerten sich israelische Politiker mit Abscheu und nahmen dabei vor allem Bezug auf den gut dokumentierten Vorfall in Bat Yam. Premierminister Netanyahu sagte in einem Video, solche Vorfälle seien „unerträglich“ und donnerte:

„Es ist mir egal, ob euer Blut kocht. Dann kocht es halt. Es ist irrelevant. Ihr könnt das Gesetz nicht in eure eigenen Hände nehmen. Ihr könnt nicht auf einen arabischen Zivilisten zugehen und versuchen, ihn zu lynchen, so wie wir nicht mitansehen können, dass arabische Bürger das mit jüdischen Bürgern tun. Damit kommt ihr nicht durch.“

Auch die arabische Gewalt wurde angeprangert, Netanjahu klagte über die „Anarchie“ der arabischen Randalierer, die „Synagogen anzünden, Autos in Brand stecken, Polizisten angreifen und friedliche, unschuldige Zivilisten angreifen. Wir können das nicht akzeptieren.“ Er werde der Polizei volle Rückendeckung und mehr Befugnisse und Ressourcen geben, um Recht durchzusetzen, und prüfe auch die Entsendung von Militärkräften in die Städte, soweit das Gesetz dies zulasse.

Nach Polizeiangaben sind rund 400 Personen verhaftet worden. Mittlerweile wurden zehn Einheiten der Grenzpolizei einberufen, um die arabisch-jüdischen Auseinandersetzungen einzudämmen.

Heute Morgen versammelten sich fast 100.000 Palästinenser auf dem Tempelberg zu den Gebeten zum Eid al-Fitr, dem abschließenden Fest, das den Fastenmonat Ramadan bricht. Auf einem Video war zu sehen, wie viele von ihnen „Oh Allah, gib Gaza den Sieg“ skandierten und dabei palästinensische Fahnen und Banner schwenkten, berichtet die Jerusalem Post

Was immer die letzten Tage und Nächte an Schrecken mit sich gebracht haben, es ist noch nicht vorbei. Die militärische Auseinandersetzung wird ein Ende finden. Das Zusammenleben von Arabern und Juden in Israel wird länger heraussfordernd bleiben. 

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