Die libanesische Regierung kommt ihrer Verpflichtung zur Neutralisierung der Hisbollah bestenfalls bedingt nach, denn die Terrororganisation rüstet schneller auf, als sie entwaffnet wird.
Jeder israelische oder ausländische Geheimdienstmitarbeiter, den Sie nach dem Tempo der Erholung der Hisbollah fragen, wird Ihnen dasselbe sagen: Die Terrororganisation, die in den fast zwei Jahren des Kriegs mit Israel schwer getroffen wurde, erholt sich viel schneller, als die libanesische Armee sie zerschlagen kann.
Am 8. Oktober 2023, nur einen Tag nachdem die Terrororganisation Hamas mehr 1.200 Israelis ermordet hatte, schloss sich die Hisbollah dem Krieg gegen Israel an und begann mit ihrem Raketenbeschuss auf den Norden des Landes.
Im Laufe der Zeit verschärften sich die Feuergefechte, bis Israel eine Reihe von Operationen startete, welche die Organisation in ihren Grundfesten erschütterte, bei der die Pager und Funkgeräte der Hisbollah-Kämpfer explodierten, umfangreiche Angriffe auf Raketenlager unternommen wurden, die oberste Führung der Hisbollah einschließlich ihres Anführers Hassan Nasrallah eliminiert werden konnte, sowie eine Bodenoffensive im Südlibanon. Infolgedessen erklärte sich die Organisation bereit, ein Waffenstillstandsabkommen mit Israel zu unterzeichnen, das am 27. November 2024 in Kraft getreten ist.
Das Abkommen sah vor, dass das gesamte Gebiet südlich des Litani-Flusses bis zur israelischen Grenze frei von Hisbollah-Präsenz sein sollte und die libanesische Regierung verpflichtet war, Maßnahmen zur Entwaffnung der Terrororganisation zu ergreifen. Zu den Klauseln gehörte auch die Einrichtung eines Mechanismus zur Überwachung von Verstößen sowohl durch die Hisbollah als auch durch Israel. Dieser Mechanismus ermöglichte es den Israelischen Verteidigungsstreitkräften (IDF) jedoch auch, gegen unmittelbare Bedrohungen vorzugehen, was zu täglichen israelischen Angriffen auf Ziele der Hisbollah, auch innerhalb von Beirut, führte.
Schwache Motivation
Arbeitet die libanesische Regierung also tatsächlich daran, die Hisbollah zu zerschlagen, wie es ihre im Waffenstillstandsabkommen festgelegte Pflicht wäre? Im vergangenen September verabschiedete sie einen umfassenden Plan, um gegen die Terrororganisation vorzugehen. In den folgenden Wochen erklärten israelische und amerikanische Beamte dem Autor gegenüber, dass »sie immer noch nicht genug tun, aber zumindest etwas tun – langsam«. Diese Beamten sprachen auch von nur schwachen Anzeichen von Motivation. Hinter den Kulissen baten die US-Sonderbeauftragten Morgan Ortagus und Tom Barrack Israel, die Häufigkeit seiner Angriffe zu reduzieren, »um der libanesischen Regierung eine Chance zu geben«. Aber jetzt scheint die Geduld am Ende zu sein.
»Sie unternimmt einfach nicht genug«, beklagen israelische und amerikanische Beamte auf die Frage, ob die libanesische Regierung bei der Zerschlagung der Hisbollah angemessene Arbeit leistet. Weder glauben sie, dass Regierung und Armee diese Mission erfüllen können, noch, dass sie bereit seien, einen Bürgerkrieg zu riskieren.
Hochrangige Vertreter der amerikanischen Regierung haben in den letzten Wochen angespannte Gespräche mit dem libanesischen Präsidenten Joseph Aoun und anderen hochrangigen Persönlichkeiten geführt und dabei deutlich gemacht: Sollte die Hisbollah nicht entwaffnet werden, würden die US-Regierung und die Golfstaaten die für den Wiederaufbau des Libanons vorgesehenen Milliardenbeträge nicht überweisen – insbesondere nicht für den Südlibanon, der während des zweijährigen Kriegs schwer beschädigt wurde.
»Vergessen Sie nicht«, so ein israelischer Beamter, »die Hisbollah ist eine schiitische Organisation, und es gibt auch schiitische Soldaten in der libanesischen Armee. Wir wissen mit Sicherheit, dass sie im besten Fall ihre schiitischen Glaubensbrüder nicht bekämpfen wollen – und im schlimmsten Fall ihnen mit Geheimdienstinformationen helfen.«
Verletzung der Spielregeln
Die Hisbollah ihrerseits respektiert nicht die Spielregeln und verstärkt ihre Präsenz in dem Gebiet, das ihr gemäß dem Abkommen verboten ist. Nördlich des Litani-Flusses jedoch beschleunigt sie – mithilfe des Irans – ihre Wiederbewaffnung, schmuggelt Raketen und Drohnen über die syrische Grenze, rekrutiert neue Kämpfer und baut Stützpunkte und Verstecke wieder auf.
Israel signalisiert währenddessen, dass das Spiel vorbei ist. Selbst Beirut, das kürzlich aus den Angriffszonen der Luftwaffe ausgeschlossen wurde, steht wieder auf dem Plan. Jeden Tag werden Hisbollah-Aktivisten, darunter auch hochrangige Persönlichkeiten, Schmuggelrouten und Waffenlager ins Visier genommen.
Derzeit folgt die Situation einem festen Muster: Die Hisbollah baut sich wieder auf, und das israelische Militär schlägt wieder zu. Die Organisation verzichtet darauf, zu reagieren oder auf israelische Ziele zu schießen, auch, weil Israel klar zu verstehen gegeben hat, Aktionen dieser Art würden erhebliche Reaktionen nach sich ziehen. Die Hisbollah ist sich sehr wohl bewusst, dass ihre Ressourcen und Kapazitäten heute nicht mehr das sind, was sie vor zwei Jahren waren.
In Israel steigt die Temperatur – stetig, aber langsam. Während einer kürzlichen Sicherheitsbesprechung mit Premierminister Benjamin Netanjahu schlug Stabschef Eyal Zamir vor, eine Ausweitung der Luftangriffe im Libanon in Betracht zu ziehen. In Jerusalem, wo man sich des Wunsches von US-Präsident Trump, den Nahen Osten nicht in einen neuen Krieg zu stürzen, sehr wohl bewusst ist, erhöhen die Beamten nur vorsichtig die Temperatur.
»Morgen früh wird kein Krieg ausbrechen«, hielten mehrere hochrangige israelische Beamte gegenüber dem Autor fest, »aber wir sind jetzt näher an einem Krieg als jemals zuvor seit der Unterzeichnung des Waffenstillstands«. Gleichzeitig schienen sie über Berichte, Israel könnte seine Angriffe bald intensivieren, erfreut zu sein: »Vielleicht wird das die libanesische Regierung endlich dazu bewegen, ihre Arbeit zu tun.«






