Einige deutsche Medien schienen einer Niederlage des israelischen Beitrags beim Eurovision Song Contest in der Wiener Stadthalle regelrecht entgegenzufiebern.
Laut dem deutschen Spiegel hätte der Eurovision Song Contest 2026 so schön und ruhig sein können, wäre da nicht der jüdische Staat gewesen. Der erfrechte sich doch tatsächlich, so viele Stimmen auf seinen ESC-Beitrag zu vereinen, dass dieser kurzzeitig in Führung lag. Letztlich belegte er den zweiten Platz des Musikwettbewerbs.
»Pro-Palästina-Proteste vor der Wiener Stadthalle, drinnen ein gepflegtes Musikfest, so hätte der ESC 2026 dahinplätschern können«, zeigte sich Arno Frank betrübt. »Bis das Publikumsvoting Israel auf Rang eins schob«, womit »plötzlich die Zukunft des ESC auf dem Spiel stand«.
Dass der israelische Sänger Noam Bettan also trotz aller Proteste von der Jury auf Platz acht und von den Zuschauern auf Platz drei gewählt wurde – was insgesamt eben für Rang zwei reichte –, soll gleich die Zukunft des Song Contests als Ganzen in Frage gestellt haben: Kleinere Brötchen wollte der Spiegel angesichts des israelischen Erfolgs nicht backen.
Täter-Opfer-Umkehr
Das Problem sah er demnach nicht in den Boykotteuren und Demonstranten, die mit der Genozid-Lüge gegen die israelische Teilnahme mobil gemacht hatten, sondern in Israel, das mit seinem Krieg gegen die Terrorgruppen Hamas und Hisbollah »den ESC in seine bisher wohl schwerste Krise gestürzt« habe.
Nicht der Terror sei es dieser Logik zufolge, »der Kultur bedroht, sondern derjenige, der sich gegen Terror wehrt«, fasste Thomas Wessel auf dem Blog Ruhrbarone die Gedanken zusammen, die den Spiegel-Autor umzutreiben schienen. Den Song Contest zerstöre nicht »wer ihn boykottiert, sondern wer boykottiert wird«, beschrieb Wessel die »bizarre Umkehr von Täter und Opfer, die sich hier zeigt« und die »anschlussfähig ist an klassisch antisemitische Diskurse, wo der Täter-Opfer-Vertausch zum Markenzeichen zählt«.
Seiner Täter-Opfer-Umkehrung entsprechend rief Frank dann auch noch gleich den »Ernstfall« aus, der im Fall eines israelischen Siegs gedroht hätte. Eine Ausrichtung des nächsten Song Contest in Jerusalem oder Tel Aviv hätte nämlich das zwar ohnehin nur vorgebliche, aber immer noch aufrechterhaltene »Selbstverständnis der Show« geändert und sie als »kulturpolitischen Akteur scharfgestellt« – ganz so, als ob der Spiegel-Autor den Gesangswettbewerb in seiner Fantasie schon im Zielfernrohr eines israelischen Scharfschützen gesehen hat.
Bei so viel martialischer Rhetorik wollte auch die Süddeutsche Zeitung nicht zurückstehen. Deren Autorin Marie Grundlach bedankte sich sogar regelrecht bei der bulgarischen Siegerin dafür, den drohenden israelischen Genozid am Song Contest gerade noch einmal abgewendet zu haben.
Die Veranstaltung in Wien sei eine riesige, ausgelassene und unpolitische Party gewesen, »aber nur so lange, bis es an die Punktevergabe ging. Und plötzlich die Frage im Raum stand: Was, wenn Israel gewinnt?« Umso gewaltiger sei der Jubel gewesen, als dieser »Ernstfall« (Frank) nicht eintrat, unterschob Grundlach ihre eigene Geisteshaltung den ESC-Fans »in der Wiener Stadthalle, aber auch in vielen Kneipen, Wohnzimmern und Public-Viewing-Arenen«: »Denn Dara hat nicht nur gewonnen. Sie hat vor allem verhindert, dass Israel gewinnt.«
Grundlach zufolge ging es bei dem Musikwettbewerb also weniger darum, dass die Interpretin mit dem am besten bewerteten Lied gewinnt, sondern in erster Linie darum, dass ein Sieg des israelischen Sängers um jeden Preis verhindert werden müsse. Ja, sie erklärte es geradezu zu einem Sieg über den jüdischen Staat selbst. Während sie die bulgarische Sängerin noch bei ihrem Namen nannte, kam Noam Bettan in ihrem Jubel über seine Niederlage anfänglich gleich gar nicht mehr vor. Stattdessen erklärte sie gleich einmal das Land als Ganzes zum Verlierer.
Erst als sie ihre eigene Begeisterung darüber, dass Israel nicht gewonnen hat, im Verlauf des Artikels erneut als die Begeisterung aller ausgab, erinnerte Grundlach sich daran, dass beim Song Contest eigentlich Interpreten gegeneinander antreten und nicht nicht-israelische Künstler gegen Israel. Die Freude über Daras Sieg, die auf die Verkündung des Endergebnisses folgte, sei »untrennbar« mit der »Erleichterung über Noam Bettans Nicht-Sieg« verbunden, was sie als die »völlige Gelöstheit« beschrieb, die sich wohl nicht zuletzt in ihr selbst breitgemacht hat.
Den Widerspruch zwischen ihrer Behauptung, dass sich angeblich alle so sehr eine Niederlage des israelischen Beitrags gewünscht hätten, und der Tatsache, dass eben dieser sowohl in der Jury- als auch in der Zuschauerwertung so gut abgeschnitten hat, dass er letztlich den zweiten Platz erreichte, fiel Grundlach dann schon gar nicht mehr auf.
Mit rechten Dingen zugegangen?
Jürgen Probst, dem der Widerspruch von breiter Ablehnung und gutem Abschneiden immerhin noch bewusst war, warnte dann bei ntv davor, dieses Missverhältnis mittels »Verschwörungserzählungen« erklären zu wollen, insinuierte aber selbst, dass nicht »alles mit rechten Dingen zu[gehen]« könnte, »nachdem Israel nun das dritte Jahr in Folge beim Publikums-Voting überragend abgeschnitten hat«. Während man dies 2024 und 2025 noch mit den musikalischen Beiträgen und »eventuell noch mit der Empathie nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023« erklären habe können, sei das diesjährige Abschneiden im »Beliebtheitsranking« doch verdächtig.
Zur Lösung seines Problems griff Probst auf einen Artikel der New York Times zurück, laut dem Israel den Song Contest in den letzten Jahren dadurch verstärkt beeinflusst habe, dass es großflächige Werbung für den Beitrag gemacht habe, wofür auch Gelder aus dem Außenministerium in Social-Media-Kampagnen geflossen seien. Der Haken an dem Vorwurf ist allerdings, dass dies dem offiziellen Reglement nicht widerspricht und auch andere Länder Werbung für ihre Beiträge machen.
Demgemäß konnte auch die New York Times nicht viel mehr gegen die israelische Praxis vorbringen als das Argument, »manche« hätten Jerusalem vorgeworfen, den Abstimmungsprozess mit seiner Werbung beeinflusst zu haben. Die ESC-Verantwortlichen haben übrigens jede ungebührliche Einflussnahme Israels bestritten.
Angesichts all dessen könnte man fast auf den Gedanken kommen, dass hier eine pathische Projektion am Werk ist: Diejenigen, die Israel permanent vorwerfen, einen bloßen Gesangswettbewerb in eine politische Veranstaltung zu transformieren, haben selbst erstaunlich wenig Interesse an eben jenem Gesangswettbewerb und dessen Ausgang. Stattdessen wollen sie aus dem Eurovision Song Contest um jeden Preis ein politisches Statement gegen den jüdischen Staat machen. Honi soit qui mal y pense.






