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Die Israelis wollen keinen Krieg; sie wollen den Song Contest gewinnen

Der israelische Teilnehmer Noam Bettam bei der Eröffnung des Eurovision Song Contest in Wien
Der israelische Teilnehmer Noam Bettam bei der Eröffnung des Eurovision Song Contest in Wien (© Imago Images / TT)

In Israel ist der Song Contest ein nationales Ereignis und bietet in kultureller Hinsicht die Möglichkeit, Teil einer friedlichen Welt zu sein.

Sharon Pardo

Während die brüchigen Waffenstillstände an den Fronten im Iran, im Gazastreifen und im Libanon auf eine harte Probe gestellt werden, befindet sich Israel in einem Zustand, den seine Bürger nur allzu gut kennen: nicht ganz im Krieg, nicht ganz im Frieden, im Schwebezustand zwischen möglicher Eskalation und vorübergehender Stabilität. Und doch blicken viele Israelis inmitten dieser Unsicherheit auf den Eurovision Song Contest. Für ein paar Stunden bietet er etwas Seltenes: das Gefühl, dass das normale Leben wiederhergestellt ist. Keine Strategie oder kein Kampf ums Überleben – nur Lieder, Abstimmungen und die einfache Hoffnung auf den Sieg.

Von außen, insbesondere in weiten Teilen Europas, werden Israelis oft als ein Volk dargestellt, das vom Konflikt geprägt ist, vielleicht sogar dafür geschaffen. Die Annahme sitzt tief: dass Jahre der Konfrontation den Krieg zu einem Teil der israelischen Identität gemacht haben, dass sich Widerstandsfähigkeit in Kampfeslust verwandelt hat. Diese Lesart ist falsch.

Nach mehr als zwei Jahren Krieg haben die Israelis genug vom Konflikt. Das Wort »Waffenstillstand« hat einen ironischen Beigeschmack bekommen und wurde zu einem bloßen Fachbegriff, der selten tatsächliche Ruhe bedeutet. Das ist keine abstrakte Geopolitik. Im Norden Israels unterbrechen Sirenen die Nachtruhe. Arbeitspläne weichen dem Reservedienst. Eltern berechnen instinktiv die Entfernung vom Klassenzimmer zum nächsten Schutzraum. Die Unsicherheit ist strukturell und in den Alltag eingewoben, auch wenn es keine Gewalt gibt.

Hinter den Schlagzeilen verbirgt sich eine stillere Wahrheit: Die Israelis sehnen sich nicht nach Eskalation; sie sehnen sich nach Langeweile. Fragt man gewöhnliche Menschen, was sie sich gerade wünschen, sind die Antworten auffallend banal. Eine Nacht durchschlafen. Eine Arbeitswoche, die wie geplant verläuft. Kinder in der Schule, ohne das Hintergrundrauschen von Risikobewertungen. Sogar der Verkehr hat einen seltsamen emotionalen Wert erlangt: Ein Verkehrschaos bedeutet, dass die Stadt funktioniert und niemand in Deckung rennt. Dies ist keine Gesellschaft, die den Krieg feiert. Es ist eine Gesellschaft, die ihn erträgt, während sie darum kämpft, die Struktur des Alltagslebens zu bewahren.

Distanz und Nähe

Die Kluft zwischen dieser Realität und der europäischen Wahrnehmung spiegelt eine tiefere Meinungsverschiedenheit über die Frage der Sicherheit wider. Israelis bewerten Bedrohungen nach Nähe und Folgen. Die beteiligten Akteure sind keine fernen Abstraktionen, und ihre Fähigkeiten sind nicht theoretischer Natur. Viele Israelis blicken auf Europa und sehen einen Kontinent, der diese Gefahren unterschätzt und zu viel Vertrauen allein in die Diplomatie setzt.

Die Kritik kann scharf werden. Manche Israelis betrachten Europa als politisch naiv, als übermäßig zuversichtlich in Bezug auf institutionelle Lösungen und als unzureichend aufmerksam gegenüber langfristigen Risiken. Sie verweisen auch auf das, was sie als widersprüchlich ansehen: einen Kontinent, der in vielen Bereichen mit Antisemitismus zu kämpfen hat, während er gleichzeitig unbehaglich mit Spannungen rund um Islamismus und Migration ringt. Doch diese Kritik geht einher mit etwas, das europäische Beobachter selten berücksichtigen: einer starken und aufrichtigen Verbundenheit mit Europa. Israelis reisen in großer Zahl dorthin. Sie verfolgen die Kultur, die Musik und den Sport des Kontinents mit echter Hingabe. Europäische Fußballvereine sind von Haifa bis Beerscheba allseits bekannt. Und dann ist da noch der Eurovision Song Contest.

Dieser Song Contest ist in Israel kein Hintergrundrauschen. Er ist ein nationales Ereignis, fast schon ein ziviles Ritual. Siege werden gefeiert. Niederlagen werden analysiert. Der Wettbewerb bietet etwas, was der Nachrichtenzyklus selten tut. Er bietet ein Gefühl der unkomplizierten Teilhabe am europäischen Leben, wo die Regeln klar sind, das Ergebnis endlich ist und der Einsatz nicht mit dem Überleben verflochten ist. Israel hat den Eurovision Song Contest viermal gewonnen. Jeder Sieg war mehr als nur eine musikalische Leistung. Er bedeutete Anerkennung. Es waren die Zuschauer und Jurys des Kontinents, die, wie kurz und unglaubwürdig auch immer, sagten: Ihr seid einer von uns.

Dieser Hunger nach Wettbewerb, danach, durch Kreativität statt durch Konflikte wahrgenommen zu werden, aus Gründen auf einer europäischen Bühne zu stehen, die nichts mit Krieg zu tun haben, spricht etwas an, das der Sicherheitsdiskurs stets verschleiert. Israelis wollen nicht durch ihre Feinde definiert werden. Sie wollen für etwas ganz anderes bekannt sein. In diesem Sinne ist der diese Woche beginnende Eurovision Song Contest keine Flucht vor der israelischen Realität. Er ist ein Statement darüber, wie diese Realität aussehen sollte.

Diese doppelte Beziehung zu Europa – Frustration und Bewunderung, Kritik und Verbundenheit, das Gefühl, gleichzeitig falsch eingeschätzt und als Teil angesehen zu werden – ist zentral für das Verständnis der israelischen Gesellschaft. Israelis können morgens die europäische Außenpolitik hinterfragen und abends darüber streiten, ob der finnische Beitrag mehr Punkte verdient hätte. Diese Dinge widersprechen sich nicht. Sie spiegeln denselben Impuls wider: den Wunsch, zu einer gemeinsamen Welt zu gehören, und die Frustration, sich darin missverstanden zu fühlen.

Sehnsucht nach Alltag

Politische Differenzen verschärfen diese Kluft. Während ein Großteil Europas US-Präsident Donald Trump mit Skepsis betrachtet, beurteilen viele Israelis ihn durch eine andere Brille, die von der regionalen Sicherheit geprägt ist. Das Ergebnis kann sich wie Parallelgespräche über dieselben Ereignisse anfühlen. Doch unter all dem liegt eine gemeinsame Grundlage. Wie die Europäer haben auch die Israelis ihr Leben um Routinen herum aufgebaut. Sie arbeiten, gründen Familien, fiebern beim Sport mit, planen Urlaube und streiten über Dinge, bei denen es nicht ums Überleben geht.

Krieg ist keine Identität, er ist eine Störung. Je länger dieser Schwebezustand andauert, desto deutlicher zeigt sich die Erschöpfung. Nicht dramatisch, nicht demonstrativ, sondern stetig und sich aufstauend. Sie zeigt sich in Gesprächen über mangelnden Schlaf, in der Erleichterung, wenn eine Nacht ohne Sirenen und Alarme vergeht, in der schwindenden Fähigkeit, über die nahe Zukunft hinaus zu planen. Hätten sie die Wahl, würden sich die Israelis nicht für den Krieg entscheiden. Sie würden sich lieber vor dem Fernseher versammeln, über Lieder diskutieren und hoffen, dass nach Auszählung der Stimmen Israels Name ganz oben auf der Rangliste steht.

Sharon Pardo ist Senior Fellow am Jewish People Policy Institute (JPPI) sowie Professor für Europastudien und Internationale Beziehungen am Institut für Politik und Staatswissenschaften der Ben-Gurion-Universität des Negev. (Der Text erschien auf Englisch zuerst beim Jewish News Syndicate. Übersetzung von Alexander Gruber.)

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