Der Normalisierungsprozess markiert den Beginn eines regionalen Wandels weg von revolutionärer Rhetorik hin zu einer neuen Logik, die auf pragmatischen Überlegungen und Interessen basiert.
Kamyar Behrang
Im Nahen Osten vollzieht sich derzeit ein historischer Wandel, doch viele im Westen interpretieren ihn weiterhin anhand veralteter Annahmen, die aus der Zeit nach dem Kalten Krieg stammen. Die alte regionale Ordnung – geprägt von ideologischer Konfrontation, revolutionärer Militanz und permanenter Instabilität – weicht langsam einer weitaus pragmatischeren, von technologischen und strategischen Überlegungen getriebenen Entwicklung.
Im Zentrum dieses Wandels steht die wachsende Annäherung zwischen Israel und den Golfstaaten, insbesondere den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE). Dies stellt eine aufstrebende Achse dar, die nicht nur das regionale Machtgleichgewicht neu gestaltet. Vielmehr baut sie still und leise die geopolitischen Fundamente ab, auf denen die Islamische Republik Iran fast ein halbes Jahrhundert lang ihren Einfluss aufgebaut hat.
Jahrzehntelang handelte Teheran in der Überzeugung, dass die Feindseligkeit gegenüber Israel das dauerhafte Ordnungsprinzip der Politik im Nahen Osten bleiben würde. Die Palästinafrage war dabei weit mehr als eine politische Angelegenheit; sie entwickelte sich zur zentralen Säule der regionalen Architektur des Iran.
Unter dem Banner des »Widerstands« dehnte die Islamische Republik ihren Einfluss durch Stellvertreterkriege, ideologische Mobilisierung, konfessionelle Unterwanderung und kontrollierte Instabilität aus, die sich vom Libanon und Syrien bis zum Irak, Jemen und Gaza erstreckte. In Teherans strategischer Vorstellung wurde die Konfrontation selbst zu einer Form der Macht. Das Regime strebte weniger nach regionaler Stabilität als vielmehr nach der Fähigkeit, Instabilität zu regulieren, um Nachbarstaaten davon zu überzeugen, dass Sicherheit im Nahen Osten nur durch eine Annäherung an Teheran möglich sei. Die Abraham-Abkommen von 2020 haben diese Annahme zunichtegemacht.
Was viele zunächst als Scheckbuchdiplomatie abtaten, hat sich zu etwas weitaus Bedeutenderem entwickelt: der Geburt eines postideologischen Nahen Ostens.
Der Normalisierungsprozess zwischen Israel und mehreren arabischen Staaten, insbesondere den Vereinigten Arabischen Emiraten, markierte den Beginn eines regionalen Wandels weg von revolutionärer Rhetorik hin zu einer neuen politischen Logik, die auf wirtschaftlicher Integration, Zusammenarbeit im Geheimdienstbereich, technologischer Modernisierung und strategischem Realismus beruht. Für Teheran bedeutet dieser Wandel nicht nur diplomatisches Unbehagen, sondern den allmählichen Zusammenbruch des ideologischen Ökosystems, das die regionale Bedeutung der Islamischen Republik jahrzehntelang aufrechterhalten hat.
Verheerend für den Iran
Die wahre Gefahr für das iranische Regime liegt nicht einfach in der Präsenz Israels am Persischen Golf, sondern in der Entstehung eines konkurrierenden Regierungsmodells direkt jenseits seiner Seegrenzen.
Der Kontrast ist mittlerweile unmöglich zu ignorieren. Während die Islamische Republik enorme nationale Ressourcen in Stellvertretermilizen, Raketenprogramme, ideologische Institutionen und externe Konflikte investiert, investieren die Golfstaaten in Infrastruktur, globale Finanzen, Logistik, künstliche Intelligenz, Tourismus und technologische Innovation. Die eine Seite baut Netzwerke bewaffneter nichtstaatlicher Akteure auf; die andere baut Flughäfen, Häfen, Finanzzentren und digitale Wirtschaftssysteme. Diese Divergenz hat nun geopolitische Konsequenzen, die für Teheran weitaus gefährlicher sind als Sanktionen allein.
Dubais Skyline steht für wirtschaftlichen Erfolg und noch einiges mehr. Aus der Perspektive der Islamischen Republik stellt sie eine stille, aber verheerende Herausforderung für die revolutionäre Weltanschauung selbst dar. Die Existenz wohlhabender, global vernetzter arabischer Staaten, die offen mit Israel kooperieren, untergräbt das grundlegende Narrativ, mit dem Teheran jahrzehntelange Unterdrückung, Isolation und Konfrontation rechtfertigte.
Jeder Technologiegipfel in Abu Dhabi, jede Konferenz für ausländische Investitionen in Dubai, jede neue Initiative zur Cyberabwehr zwischen Israel und den Golfstaaten sendet eine Botschaft aus, die Teheran im In- und Ausland nicht ohne Weiteres unterdrücken kann: Wohlstand und Stabilität sind auch ohne revolutionäre Militanz erreichbar. Diese Erkenntnis ist für das Regime politisch verheerend.
Jahrelang stellten die iranischen Behörden den Widerstand als zivilisatorische Notwendigkeit dar und argumentierten, dass wirtschaftliche Not und internationale Isolation unvermeidbare Kosten für die Verteidigung der nationalen Würde und der islamischen Identität seien. Doch direkt auf der anderen Seite des Golfs entschieden sich die Nachbarstaaten für Integration statt für ideologische Konfrontation und erreichten damit genau den Wohlstand, den Teheran versprochen, aber nie geliefert hatte. Der Vergleich wird zunehmend gefährlich, weil er für Millionen gewöhnlicher Iraner, die unter Inflation, Korruption, Unterdrückung und wirtschaftlicher Stagnation leiden, in Echtzeit sichtbar ist.
Deshalb ist Teherans Rhetorik gegenüber den VAE so häufig von einer emotionalen Intensität geprägt, die in keinem Verhältnis zu traditionellen geopolitischen Streitigkeiten steht. Die Feindseligkeit ist nicht nur strategischer Natur, sondern existenziell. Das Regime versteht, dass die größte Bedrohung, die von Israels Integration in den Golf ausgeht, psychologischer Art ist. Es geht nicht nur um militärische Einkreisung, sondern um den Zusammenbruch des eigenen Narrativs. Revolutionäre Systeme können Sanktionen, diplomatischen Druck und sogar begrenzte militärische Konfrontationen überstehen. Was ihnen jedoch das Überleben erschwert, ist die Erosion des Glaubens.
Die Islamische Republik sieht sich zunehmend gefangen zwischen technologischer Modernität im Ausland und ideologischer Erschöpfung im Inland. Diese Unsicherheit hilft, Teherans wiederholte Drohungen gegen die Infrastruktur und Schifffahrtsrouten am Golf zu erklären. Iranische Funktionäre haben die glänzenden Wolkenkratzer der Golfstaaten oft als »Glashäuser« bezeichnet und gewarnt, dass diese bei jeder regionalen Eskalation verwundbar seien. Eine solche Sprache spiegelt mehr als nur militärische Signale wider; sie offenbart eine strategische Doktrin, die in erzwungener Instabilität verwurzelt ist.
Drohung mit Chaos
Da Teheran wirtschaftlich oder technologisch nicht mit dem aufstrebenden Israel-Golf-Block konkurrieren kann, verlässt es sich zunehmend auf das, was man als negative Abschreckung bezeichnen könnte: den Versuch, Einfluss zu bewahren, indem es mit Chaos droht.
In diesem Rahmen sind Drohnenkriegsführung, Sabotage auf See, Cyberangriffe, Stellvertreter-Milizen und Raketen-Einschüchterung keine zufälligen Akte der Aggression, sondern Instrumente, die darauf abzielen, die Region davon zu überzeugen, dass keine Ordnung unabhängig von der iranischen Macht existieren kann. Wenn Teheran die Zukunft des Nahen Ostens nicht dominieren kann, kann es zumindest damit drohen, diese Zukunft für alle anderen gefährlich teuer zu machen.
Doch selbst diese Strategie verliert zunehmend an Wirksamkeit, da Israel und die Golfstaaten ihre strategische Integration vertiefen. Was sich zwischen ihnen abzeichnet, ist nicht mehr nur eine symbolische diplomatische Partnerschaft, sondern die erste Architektur eines technologisch integrierten regionalen Sicherheitssystems.
Das israelische Know-how in den Bereichen Cyberkrieg, Überwachung, Informationsbeschaffung, Raketenabwehr und künstliche Intelligenz verschmilzt zunehmend mit den finanziellen Ressourcen, der logistischen Reichweite und der geopolitischen Positionierung der Golfstaaten. Gemeinsam schaffen sie ein Sicherheitsumfeld, das speziell darauf ausgelegt ist, die asymmetrischen Taktiken zu neutralisieren, auf die sich der Iran seit Jahrzehnten stützt.
Jahrelang beruhte Teherans Vorteil auf Unklarheit. Das Regime beherrschte die Kriegsführung in der Grauzone gerade deshalb, weil es in fragmentierten Räumen operierte, in denen eine Zuordnung schwierig und die regionale Koordination schwach war. Doch ein Naher Osten, der durch integrierte Überwachungssysteme, den Echtzeitaustausch von Geheimdienstinformationen, KI-gestützte Verteidigungsnetzwerke, Drohnenerkennungstechnologien und Cyberkoordination immer stärker vernetzt ist, mindert den strategischen Nutzen der produzierten Unsicherheit und Unklarheit. Je stärker die Region technologisch vernetzt wird, desto enger wird Teherans Handlungsspielraum.
In vielerlei Hinsicht sieht sich die Islamische Republik nun mit etwas konfrontiert, das gefährlicher ist als militärische Eindämmung. Sie sieht sich mit der eigenen Überholtheit konfrontiert.
Der Nahe Osten tritt in eine neue Ära ein, in der geopolitischer Einfluss zunehmend nicht mehr an revolutionären Parolen oder Miliznetzwerken gemessen wird, sondern an technologischer Leistungsfähigkeit, wirtschaftlicher Widerstandsfähigkeit, strategischer Anpassungsfähigkeit und der Teilhabe an globalen Handels- und Innovationssystemen. Der regionale Schwerpunkt verlagert sich weg von ideologischer Konfrontation hin zu geoökonomischem Wettbewerb. Staaten, die Kapital anziehen, fortschrittliche Technologien entwickeln, Lieferketten sichern und sich in globale Märkte integrieren können, werden zu den Architekten des nächsten Nahen Ostens.
Teheran hingegen bleibt psychologisch in der Logik von 1979 verhaftet. Seine Führung spricht immer noch die Sprache der revolutionären Beständigkeit in einer Region, die sich rasch in Richtung eines postideologischen Pragmatismus bewegt. Diese Diskrepanz könnte sich letztlich als fatal erweisen. Die größte Angst des Regimes gilt nicht allein der militärischen Macht Israels oder der diplomatischen Ausweitung der Abraham-Abkommen. Seine tiefere Angst ist, dass sich der Nahe Osten zu einer politischen und wirtschaftlichen Ordnung entwickelt, in der die Islamische Republik sich historisch überholt erweist.
Neue Zukunft?
Das ist die wahre Bedeutung der Annäherung zwischen Israel und den Golfstaaten. Sie signalisiert das Entstehen einer regionalen Zukunft, die nicht mehr um Teherans revolutionäre Mythologie herum organisiert ist. Jahrzehntelang positionierte sich die Islamische Republik als unverzichtbare Achse der Nahostpolitik und beharrte darauf, dass keine regionale Ordnung existieren könne, ohne ihrer ideologischen Vision Rechnung zu tragen.
Heute jedoch nimmt eine andere Realität Gestalt an. Israel ist regional nicht mehr isoliert. Arabische Staaten betrachten technologische Zusammenarbeit zunehmend als wertvoller als ideologische Feindseligkeit. Wirtschaftliche Modernisierung ersetzt revolutionären Romantizismus. Stabilität wird profitabler als ewiger Widerstand.
Der wahre Albtraum für Teheran ist daher nicht einfach, dass Israel nun Verbündete am Persischen Golf hat. Es ist vielmehr so, dass die Zukunft des Nahen Ostens letztlich von Staaten geschrieben werden könnte, die Innovation der Revolution, Pragmatismus dem ideologischen Konflikt und Integration der Isolation vorziehen – ganz ohne Teheran im Zentrum der Geschichte.
Kamyar Behrang ist ein in Washington, D.C., ansässiger iranischer Journalist und arbeitet als leitender Nachrichtenredakteur bei Iran International. (Der Text erschien auf Englisch zuerst beim Jewish News Syndicate. Übersetzung von Alexander Gruber.)






