Eine Figur mit Davidstern symbolisch zu verurteilen und rituell zu verbrennen, ist weder politische Kritik noch humoristische Karnevalstradition, sondern blanker Antisemitismus.
Der Karneval ist jene Jahreszeit, in der sich Menschen Masken aufsetzen, um das Groteske zu feiern, die Realität umzudrehen und das Politische zur Pointe und das Heilige zur Requisite zu machen. Seit jeher lebt dieses Ritual von der kalkulierten Grenzüberschreitung. Grenzüberschreitungen haben in der Regel eine Sollbruchstelle, die dieses Jahr in Encamp in Andorra bei der Carnestoltes-Festivität sichtbar wurde.
Beim traditionellen Carnestoltes wird jedes Jahr eine Strohpuppe, der sogenannte Rey Carnestoltes, in einem Scheingericht verurteilt, gehängt, erschossen und schließlich verbrannt. Ein kathartisches Ritual, das Schuld symbolisch vernichten und die Gemeinschaft reinigen soll. In diesem Jahr trug die Figur die Farben der israelischen Flagge und einen Davidstern im Gesicht.
Mitglieder der jüdischen Gemeinde zeigten sich schockiert über eine Inszenierung, die aus ihrer Sicht symbolisch »den Staat Israel auf den Scheiterhaufen stellte«. Ein aus Israel stammender Einwohner, dessen Familie in Andorra lebt, sprach von einer »erschütternden und verstörenden« Zeremonie. Zwar hätten antisemitische Vorfälle in Teilen Europas in den vergangenen Jahren zugenommen, Andorra jedoch habe bislang als vergleichsweise ruhig gegolten. Fotografien der Veranstaltung zeigen zudem, wie ein offenbar druckluftbetriebenes Gewehr auf die bereits hängende Strohpuppe gerichtet wird, während sich Schaulustige um sie herum versammeln.
Lors du carnaval annuel d'Andorre, un mannequin aux couleurs d'Israël, arborant une étoile de David bleue à la place du visage, a été soumis à un simulacre de procès, pendu, fusillé et brûlé.
Le meurtre symbolique avant le meurtre réel. pic.twitter.com/ziCyS7c1qx— Rudy Reichstadt (@RReichstadt) February 17, 2026
Satire und Propaganda
In einer Mitteilung wies die Festa-Kommission Kritik zurück. Karneval sei immer eine Bühne politischer Satire, man habe weder eine Religion noch ein Volk beleidigen wollen. Vielmehr sollte klar sein, das die Inszenierung in die satirische Tradition des Karnevals eingeordnet werden könne, der historisch symbolische Figuren und theatralische Mittel wie das Aufhängen des Carnestoltes nutze, um in humoristischer Form soziale und politische Kritik zu üben. Man bedauere Missverständnisse und betone den eigenen Respekt, hieß es in der Erklärung.
Satire ist nicht automatisch unschuldig, nur weil sie sich so nennt. Ihre moralische Qualität entscheidet sich nicht an der subjektiven Selbstzuschreibung, sondern an der Bildsprache und der objektiven Außenwirkung. Ein Davidstern ist kein neutrales Emblem. In Europa, wo die Fremdmarkierung damit historische Verfolgung ankündigte, ist er dies erst recht nicht. Eine blau-weiße Figur mit Stern, die gehängt, erschossen und verbrannt wird, inszeniert symbolische Gewalt gegenüber dem jüdischen Staat: »Das jüdische Symbol selbst gehört ins Feuer.« Genau hier kippt politische Kritik in antisemitische Bildsprache.
Die aus etwa 160 Personen bestehende jüdische Gemeinde in Andorra sprach denn auch von explizitem Antisemitismus. Es sei das erste Mal, dass eine solche Symbolik verwendet werde. Dass lokale Amtsträger anwesend waren, verstärkte bei vielen das Gefühl der Schutzlosigkeit.
Der Kontext der Iberischen Halbinsel seit dem 7. Oktober 2023 gehört zur Rezeptionsgeschichte solcher Inszenierungen ebenfalls dazu. Wie Mena-Watch immer wieder berichtete, gibt es in Spanien vermehrt antisemitische Vorfälle und eine starke antiisraelische Haltung. Auch dort sind es oft Feste und Rituale, die zur Projektionsfläche werden. Denn Antisemitismus entsteht nicht in einem Vakuum. Er speist sich aus kulturellen Bildwelten, die in sozialen Medien, in Meme-Ästhetiken und in der neuen Lust am »Feindbild Israel« hohe Reichweiten erzielen.
Man kann den Karneval politisch machen, ohne antisemitisch zu werden. Man kann Macht kritisieren, ohne Minderheiten zu markieren. Entscheidend ist, welche Zeichen man wählt und welche Geschichte sie tragen. Die EU-Grundrechteagentur verzeichnet seit Jahren hohe Belastungen und Sicherheitsängste vieler Jüdinnen und Juden in Europa. Wenn eine kleine Minderheit sagt, »das ist gefährlich«, dann ist das keine Überempfindlichkeit. Es ist Erfahrung.






