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Das politische Dilemma strengorthodoxer Sonderstrukturen in Israel

Immer wieder kommt es in Israel zu Auseinandersetzungen zwischen Strengorthodoxen und er Polizei
Immer wieder kommt es in Israel zu Auseinandersetzungen zwischen Strengorthodoxen und er Polizei (© Imago Images / Saeed Qaq)

Der Tod zweier Kinder in einer unlizenzierten Einrichtung in Jerusalem zeigt ein tiefergehendes Problem im Verhältnis des israelischen Staates zu den strengorthodoxen Gemeinschaften auf.

Der Tod zweier Säuglinge in einer nicht lizenzierten Kinderbetreuungseinrichtung im überwiegend von strengorthodoxen Haredim bewohnen Jerusalemer Stadtteil Romema hat im Januar 2026 nicht nur Trauer ausgelöst, sondern eine tieferliegende Problematik offengelegt. Am 19. Januar wurden mehr als fünfzig Babys und Kleinkinder aus einer improvisierten Betreuungseinrichtung evakuiert, zwei von ihnen starben wenig später in Krankenhäusern.

Die Einrichtung operierte ohne Genehmigung des Bildungsministeriums und befand sich in einer gewöhnlichen Wohnstruktur ohne angemessene Sicherheits- oder Aufsichtsmechanismen, wie israelische Medien übereinstimmend berichten. Die unmittelbaren Umstände werden noch untersucht. Polizei und Rettungsdienste schließen derzeit eine gezielte Schädigung der Kinder aus und gehen von einer Kombination aus Überhitzung, mangelnder Belüftung und Überbelegung aus. Doch jenseits der medizinischen Ursachen verweist der Vorfall auf ein strukturelles Problem innerhalb großer Teile der strengorthodoxen Gesellschaft der Haredim.

Ein erheblicher Teil dieser strengorthodoxen Bevölkerung nutzt informelle Betreuungsstrukturen, die ganz bewusst oder zumindest faktisch außerhalb staatlicher Kontrolle operieren. Dies geschieht nicht allein aus finanzieller Not, sondern auch aus einem tief verankerten Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen und säkularen Regulierungsmechanismen. Frühkindliche Betreuung wird innerhalb vieler Haredi-Gemeinschaften als interne Angelegenheit verstanden, die möglichst wenig externe Einmischung duldet. Gleichzeitig ist der Bedarf enorm, da viele Familien kinderreich sind und Frauen zunehmend zum Familieneinkommen beitragen müssen.

Der Staat toleriert diese Situation seit Jahren stillschweigend, auch aus politischen Gründen. Strengorthodoxe Parteien sind regelmäßig Teil israelischer Regierungskoalitionen und haben Reformen im Bildungs- und Betreuungsbereich wiederholt blockiert oder verwässert. Das Ergebnis ist ein regulatorisches Niemandsland, in dem Verantwortung zwischen Staat und Gemeinschaft hin- und hergeschoben wird.

Ein Warnsignal über Romema hinaus

Besonders deutlich wurde dieser Konflikt nach dem Tod der beiden Säuglinge bei der Frage der Obduktionen. Ermittlungsbehörden hielten diese für notwendig, um die Todesursache zweifelsfrei festzustellen. Die strengorthodoxe Gruppen lehnten dies jedoch vehement ab und beriefen sich dabei auf religiöse Verbote. In Jerusalem und Beit Shemesh kam es zu massiven Protesten, Straßensperren und Zusammenstößen mit der Polizei.

Die Intervention religiöser Organisationen und politischer Vertreter führte schließlich dazu, dass Gerichte die Autopsien zumindest teilweise untersagten. Der Oberste Gerichtshof bestätigte damit erneut, dass religiöser Druck in Israel faktisch die Durchsetzung staatlicher Ermittlungsstandards beeinflussen kann.

Der Vorfall in Romema ist kein Einzelfall, sondern ein Symptom einer tiefen strukturellen Dysfunktion. Er zeigt, wie gefährlich es ist, wenn der Staat grundlegende Schutzpflichten aus politischen Rücksichten vernachlässigt und wenn Gemeinschaften religiöse Autonomie über physische Sicherheit stellen. Solange die strengorthodoxen Bildungs- und Betreuungssysteme faktisch außerhalb staatlicher Kontrolle operieren und politische Akteure dies tolerieren, bleibt die Gefahr weiterer Tragödien bestehen.

Die Frage, die Romema aufwirft, ist daher keine religiöse, sondern eine politische: Wie weit darf kulturelle Autonomie reichen, wenn sie fundamentale Sicherheitsstandards untergräbt? Israels Antwort darauf wird nicht nur das Verhältnis zwischen Staat und den strengorthodoxen Haredi-Gemeinschaften prägen, sondern auch darüber entscheiden, ob ähnliche Tragödien künftig verhindert werden können.

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