Der ehemalige israelische Militärsprecher Arye Sharuz Shalicar im Video-Interview über die Massaker an Drusen in Syrien, die Friedenschancen mit dem Libanon, die Gefährlichkeit des Irans und der Gazastreifen nur ohne Hamas eine Zukunft hat. Hier die wichtigsten Passagen:
Mena-Watch (MW): Herr Shalicar, die israelische Armee hat zuletzt erneut Ziele in Syrien angegriffen. Warum?
Arye Shalicar (AS): Die unmittelbare Ursache war die Bedrohung der drusischen Minderheit durch islamistische Terrorgruppen südlich von Damaskus. In der Region gab es bereits Massaker an Alawiten – im März wurden dort zweitausend Menschen von Extremisten ermordet. Jetzt war zu befürchten, dass auch die Drusen zum Ziel werden. Diese Minderheit ist eng mit den Drusen in Israel verbunden, die in der Armee dienen und Teil unserer Gesellschaft sind. Wenn wir Hinweise auf ein mögliches Massaker haben, können wir nicht abwarten. Dann greifen wir ein, bevor islamistische Milizen an unserer Grenze stehen.
MW: Ist eine politische Annäherung an Syrien unter diesen Umständen überhaupt realistisch?
AS: Es ist nicht ausgeschlossen, aber es ist kompliziert. Der Nahe Osten funktioniert nicht nach westlicher Logik. Viele Akteure, auch in Syrien, spielen ein doppeltes Spiel. Ahmed al-Sharaa, der jetzt eine Art Machtzentrum im Süden Syriens aufbaut, war früher als Abu Mohammed al-Jolani selbst bei den Islamisten aktiv. Die Frage ist: Hat er sich wirklich gewandelt, oder ist er nur ein Wolf im Schafspelz? Ist er tatsächlich bereit, Syrien zu stabilisieren und nicht zurück ins Mittelalter zu führen, kann eine Annäherung funktionieren. Aber klar ist: Israel wird die Golanhöhen nicht aufgeben. Die Lektionen der Vergangenheit sitzen tief. Wer Frieden will, muss auch israelische Bedingungen akzeptieren.
MW: Hat der Libanon die Chance, durch die Schwächung der Hisbollah wieder ein funktionierender Staat zu werden?
AS: Ja. Die Hisbollah ist militärisch angeschlagen, aber nicht verschwunden. Sie bleibt eine hochgerüstete Terrormiliz mit iranischer Unterstützung. Doch zum ersten Mal seit Jahrzehnten gibt es ein Machtvakuum, das erstmals mit erfolgreichen Ergebnissen gefüllt werden könnte. Der ehemalige Generalstabschef Joseph Aoun zeigt echte Führungsstärke. Gelingt es ihm, die Armee zu stärken und die Kontrolle über das Land zurückzugewinnen, dann ist ein Neustart möglich. Israel strebt keinen Krieg mit dem Libanon an. Aber es braucht einen Libanon ohne iranischen Einfluss und ohne Hisbollah als Schattenstaat im Staat.
MW: Wie gefährlich ist das iranische Regime im Moment? Sehen Sie Chancen für einen politischen Wandel innerhalb des Landes?
AS: Der Iran ist das Epizentrum der Instabilität im Nahen Osten. Er kontrolliert ein Netzwerk aus Terrormilizen, unterstützt diese mit Drohnen und Raketen, versorgt den Jemen, den Irak, Syrien, den Libanon, sogar Russland im Ukrainekrieg. Der Angriff auf Israel seit dem 7. Oktober 2023 ist orchestriert. Der Dirigent sitzt in Teheran. Ich selbst bin iranischer Jude, in Deutschland geboren, aber mit dem Iran kulturell tief verbunden. Ich weiß, dass die Bevölkerung Veränderungen will. Die Grüne Revolution hat das gezeigt. Wenn sie mutig genug ist, das Regime zu stürzen, kann der Iran ein demokratisches, modernes Land sein – und sogar mit Israel friedlich koexistieren. Aber das geht nur ohne die Mullahs.
MW: Der Krieg im Gazastreifen dauert nun seit Monaten an. Wie ist Israels langfristige Strategie?
AS: Die Hamas muss entmachtet werden – vollständig. Das betrifft nicht nur den militärischen Flügel, sondern auch die zivile Administration. Ministerien, Sprecher, Schulen, Kliniken, alles, was die Hamas kontrolliert, ist Teil eines Terrorapparats. Am 7. Oktober 2023 wurden über 1.200 Menschen brutal ermordet. Israel kann nach einem solchen Tag nicht zur Tagesordnung übergehen. Aber es geht nicht um Rache. Es geht darum, den Gazastreifen langfristig zu stabilisieren. Dafür braucht es arabisch-muslimische Staaten, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen – mit Polizei, Verwaltung, Aufbauhilfe. Gaza muss behandelt werden wie Deutschland 1945: entwaffnet, aber mit Perspektive.
MW: Trotz des fast zweijährigen Mehrfrontenkriegs sagen Sie, das Glas ist halb voll. Warum?
AS: Weil wir trotz allem Fortschritte sehen. Israel hat den sogenannten Feuerring – also die militärische Präsenz iranischer Stellvertreter – deutlich zurückgedrängt. Das verändert die Dynamik in der Region. Im Libanon bewegt sich etwas. In Syrien gibt es vielleicht eine neue Öffnung. Und mit den Golfstaaten bestehen bereits funktionierende Beziehungen. Wenn Israel Stärke zeigt und zugleich Kooperation anbietet, schließen sich pragmatische arabische Staaten dem an. Israel kann Sicherheit bieten, technologische Expertise, medizinisches Know-how, Wasser- und Agrartechnologie. Wer auf das Winner-Team setzt, gewinnt – und davon können alle profitieren.






