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Israel: Corona-Müdigkeit und Kreativität

Gesundheitsminister Edelstein und Premierminister Netanjahu empfangen eine Coronaimpfstoff-Lieferung am Flughafen Tel Aviv
Gesundheitsminister Edelstein und Premierminister Netanjahu empfangen eine Coronaimpfstoff-Lieferung (© Imago Images / UPI Photo)

Israel ist weltweiter Spitzenreiter bei den Corona-Impfungen, zugleich rollte aber eine dritte Infektionswelle an, sodass erneut ein strenger Lockdown verhängt wurde.

Kennengelernt haben sie sich im Januar 2020. Kurz danach, schlug Corona zu und warf einen Schatten auf ihre keimende Beziehung. Sharon und Daniel ließen sich trotzdem nicht beirren. Mitte Januar 2021 wollten sie im kleinen, eleganten Rahmen in Jerusalem Hochzeit feiern.

Dann zog eine rauchschwarze Wolke über ihren Geigenhimmel. Erst streckte das Virus Braut und Bräutigam wenige Wochen vor dem großen Tag nieder, dann wütete es in diversen Mutationen so heftig durchs Land, dass ein weiterer, strenger Lockdown unvermeidbar wurde. Von Hochzeitsfeiern konnte ab Mitternacht des achten Januars 2021 nicht mehr die Rede sein.

Erfolgreiche Impfkampagne

Dabei hatte alles vor einem Monat noch so vielversprechend ausgesehen. Vier Millionen Pfizer-Impfungen waren in Israel eingetroffen, genug um zwei Millionen Menschen zu versorgen. Prompt wurden alle über 60-Jährigen zur umgehenden Immunisierung aufgerufen. Und sie kamen in Scharen – von der befürchteten Skepsis gegenüber dem neuen Impfstoff keine Spur!

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Knapp 75% der israelischen Senioren haben bis dato die erste Dosis erhalten. Zudem sind auch viele Jüngere erstimmunisiert. Jene mit Grunderkrankungen sowieso. Aber auch viele gesunde Menschen werden versorgt – hauptsächlich mit Rest-Impfungen, die noch am selben Tag verwendet werden müssen. Rund ein Fünftel der israelischen Gesamtbevölkerung hat bislang die erste Impfdosis erhalten.

Ende der Pandemie in Sicht

Damit ist Israel in Sachen Corona-Impfungen an weltweit erster Stelle. Und die Immunisierungs-Kampagne soll auch weiterhin zügig voranschreiten. Bis Ende März, so verspricht Netanjahu, dürften alle Israelis über 16, die wollen, auch geimpft sein. Den kommenden Sederabend, so der Premier neulich lächelnd im abendlichen Hauptnachrichtenprogramm, können Großfamilien wieder gemeinsam begehen.

Erfolg für Netanjahu

Den Erfolg der Impfkampagne schreibt sich Netanjahu zum Großteil selber zu. Nicht zu Unrecht, wie auch seine Gegner einräumen müssen. Der Premier hat rechtzeitig auf Impfungen gesetzt, um dem Virus beizukommen.

Er hat schon früh Kontakte mit den zuständigen Pharmaunternehmen aufgenommen, und sie überzeugt, Israel rasch und umfangreich zu beliefern. Mit Albert Bourla hat er richtig Freundschaft geschlossen. Jetzt hat er mit dem Pfizer-CEO sogar die wöchentliche Sendung von zwischen 400.000 bis 700.000 Impfungen vereinbart, um die laufende Versorgung der Kampagne sicherzustellen.

Israel als „Test Case“ für Pfizer und die WHO

Natürlich gibt es auch andere Gründe, warum Israel von den Impfstofffabrikanten bevorzugt behandelt wird. Zum einen soll Netanjahu Spitzenpreise bezahlt haben. Sein Argument: die Impfungen machen sowohl ethischen als auch wirtschaftlichen Sinn. Zudem hat Israel sich bereit erklärt, als „Test Case“ für Pfizer und für die World Health Organisation (WHO) zu fungieren.

Das gelingt aufgrund von Israels stark-digitalisiertem, öffentlichen Gesundheitssystem. Alle Einwohner sind in einer der vier Krankenversicherungen eingeschrieben und ihre jeweilige Patientenakte wird in einer zentralen Datenbank gespeichert. Das schafft ideale Voraussetzungen für die Durchführung und statistische Auswertung einer so komplizierten Operation, wie es die gestaffelte, landesweite Impfkampagne nun einmal ist.

Am Beispiel Israels können die Pharmaunternehmen und die internationale Gemeinschaft erkennen, wie die Impfungen Zielgruppen-übergreifend fungieren, wie rasch und erfolgreich sie das Virus bekämpfen, und welche Nebenwirkungen bei welchen Patientengruppen auftreten. Um jegliche Bedenken gleich vorab auszuräumen, versichern die Verantwortlichen, dass lediglich allgemeine Daten weitergeleitet werden.

Israel soll Impfstoff an palästinensische Autonomiebehörde liefern

Die kontinuierliche Lieferung des Impfstoffs scheint also gesichert, und Israel könnte sogar bald in der Lage sein, andere Länder zu versorgen. Den Anfang wird wohl die palästinensische Autonomiebehörde machen. „Das ist unsere moralische Pflicht“, so der populäre Epidemiologe Gabi Barabasch im Channel 12 TV, „und macht zudem auch gesundheitlich für uns Sinn, weil wir praktisch mit ihren Einwohnern zusammenleben.“

Letzten Meldungen zufolge haben nun auch weitere Länder, wie Dänemark und Zypern, bei Israel nach Impfungen angefragt. Netanjahu lässt aber verlauten, Israel würde erst dann aushelfen können, wenn die Herdimmunität im Inland gewährleistet wäre.

Trotzdem: Dritte Corona-Welle in Israel

Die Impfungskampagne geht also gut. Dass dennoch ab dem achten Januar eine strenge Ausgangssperre über ganz Israel verhängt wurde, liegt an den rasant steigenden Krankenzahlen. In der Tat scheinen sich Impfung und Morbidität in Israel einen verzweifelten Wettkampf zu liefern.

Noch liegt die Krankheit vorn. Man spricht von einer dritten Corona-Welle, und sie soll schlimmer sein als die beiden vorangegangenen. Mit rund 8.000 neuen Fällen täglich, sprich etwa 6,5 % positiven PCR-Tests und knapp 1.000 Schwerkranken setzt Israel im internationalen Pro-Kopf-Vergleich auch in diesem Bereiche einsame Rekorde.

Die Wirkung der Impfung, die rund zwei Wochen nach der ersten Dosis bei der Hälfte der Immunisierten eintreten soll, beginnt sich erst ganz allmählich, bemerkbar zu machen.

Grund 1: Ansteckende Mutationen

An den Gründen für diese erneute Krankheitswelle scheiden sich die Geister. Viele machen die neuen Corona-Mutationen, insbesondere die britische Variante, dafür verantwortlich. Sie scheint in der Tat wesentlich ansteckender zu sein als die ursprüngliche Krankheit und ist mittlerweile nachweislich in Israel gelandet.

Experten schätzen, dass mittlerweile bis zu 20 Prozent der Neuerkrankungen dieser Variante zuzuschreiben sind. Kopfzerbrechen macht ihnen auch die südafrikanische Corona-Variante, die bislang allerdings nur in vier klar definierten Fällen in Israel diagnostiziert wurde. Sie soll sich womöglich noch rascher verbreiten als ihr britisches Pendant.

Immerhin, so bislang der Konsens, würden beide Varianten keinen schlimmeren Krankheitsverlauf verursachen als der ursprüngliche Virus. Zudem böten die Impfungen auch bei diesen Varianten ausreichend Schutz.

Grund 2: Politik

Einen weiteren Grund für die neue Krankheitswelle sehen Beobachter in der Politik oder vielmehr im Einflussbereich diverser Interessensgruppen. Jeder Minister kämpft für seinen Bereich und die ewig-langen Diskussionen im Corona-Kabinett enden häufig in verzögerten und widersprüchlichen Beschlüssen.

Besonderes Augenmerk wird auf die streng-orthodoxen Parteien gerichtet, die bislang nicht auf die Weiterführung ihres Erziehungswesens verzichten wollten. Volks- und Talmudschulen blieben bislang trotz gegenteiliger Anweisung des Gesundheitsministeriums geöffnet.

Die zuständigen Minister argumentierten, Ausbildung genösse bei ihnen und ihrem Wählerkreis erste Priorität. Zudem würden sich die Kinder und Jugendlichen in den Schulen weniger anstecken als daheim, wo religiöse Großfamilien in der Regel in kleinen Räumlichkeiten eng beieinander lebten.

Hier wurde also systematisch und offen gegen Verordnungen verstoßen, und die Krankheitsfälle häuften sich entsprechend. Dass trotzdem keine Strafen verhängt wurden, schreiben viele dem politischen Einfluss der religiösen Parteien zu. Sie sind Koalitionspartner der Likud, und Netanjahu will sie, vor dem nächsten Wahlgang keinesfalls verärgern.

Jetzt scheint aber doch eine Veränderung eingetreten zu sein. Rabbi Kanievsky, einer der einflussreichsten Anführer der Orthodoxie, hat angewiesen, dass die religiösen Schulen in den nächsten Tagen geschlossen bleiben. Möglicherweise fällt ihm die Entscheidung dafür diesmal leichter, weil ein Ende der Pandemie in Israel in Sicht ist, und er sein Erziehungswesen nicht für unbestimmte Zeit suspendieren muss.

Grund 3: Corona-Müdigkeit

Aber nicht nur die Religiösen verstoßen in Israel gegen die strengen Corona-Bestimmungen. Es herrscht eine allgemeine Corona-Müdigkeit. Viele der lebenslustigen, extrovertierten Israelis können oder wollen sich einfach nicht mehr an die strikten Regeln halten. Die Einfallsreichen unter ihnen schaffen allerding eine bemerkenswerte Quadratur des Kreises.

So auch, Sharon und Daniel, eben jenes jungen Paar, dessen Hochzeit Mitte Januar, ob des neuen strikten Lockdowns, gänzlich auszufallen drohte. Sie trommelten kurzerhand die wichtigsten 20 Gäste zusammen, schafften einen Hochzeitsbaldachin an und heirateten Impromptu am Vorabend des Lockdowns im Garten ihrer Freunde in einem Vorort von Tel Aviv. Ganz ohne Fanfare, dafür aber mit viel Umsicht und Freude.

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