Sechs Monate nach dem israelischen Präventivschlag mehren sich die Anzeichen, dass der Iran mit dem Wiederaufbau seines Raketenprogramms begonnen hat.
Nach Abschluss der israelischen Militäraktion Rising Lion gegen den Iran stuften hochrangige israelische Beamte die Operation als großen Erfolg ein. Das iranische Atomprogramm wurde weit zurückgeworfen – auch wenn das bereits angereicherte Uran nicht zerstört werden konnte –, und das Raketenprogramm schwer beschädigt.
Während die weltweite Aufmerksamkeit einschließlich jener von US-Präsident Donald Trump auf das Atomprogramm gerichtet war, bezeichneten israelische Beamte bereits in der ersten Nacht des Angriffs die Raketenkapazitäten des Irans als existenzielle Bedrohung, die einen Präventivschlag rechtfertigte.
»Der Iran baut einen riesigen Vorrat an ballistischen Raketen auf, die Israel erreichen und jeweils eine Tonne Sprengstoff transportieren können«, sagte Premierminister Benjamin Netanjahu am 13. Juni, als die Operation begann. »Der Iran plant, innerhalb von drei Jahren 10.000 solcher Raketen und innerhalb von sechs Jahren 20.000 Raketen zu produzieren. Das ist eine unerträgliche Bedrohung.«
Wiederaufrüstung
Trotz der fortschrittlichen Luftabwehrsysteme Israels – vom Arrow-System bis zum Iron Dome – überfordert laut Experten eine solche Anzahl an Raketen die Verteidigung Israels und schränkt seine Fähigkeit, sie auch abzufangen, erheblich ein.
Während der zwölf Tage andauernden Kämpfe wurden 32 israelische Zivilisten durch Raketenangriffe getötet und mehr als 3.000 verletzt. Dutzende von Gebäuden wurden zerstört und Militärstützpunkte und öffentliche Einrichtungen beschädigt.
Der Iran versuchte zunächst, Militärstützpunkte anzugreifen, erkannte jedoch schnell, dass die Bevölkerungszentren des Landes die Schwachstellen Israels waren. »Diese Entscheidung wurde von Khamenei, dem Obersten Führer der Islamischen Republik Iran, getroffen. Er ist wie Hitler, man darf ihn nicht sein lassen«, sagte der damalige Verteidigungsminister Israel Katz.
Sechs Monate später mehren sich die Anzeichen dafür, dass der Iran mit dem Wiederaufbau seines Raketenprogramms begonnen hat. Für die Herstellung dieser Raketen benötigt der Iran Festtreibstoff, der es ermöglicht, die Raketen vor dem Start in unterirdischen Schutzräumen zu lagern, ohne dass sie fast eine Stunde lang angehoben und freigelegt werden müssen, und der außerdem ihre Reichweite und Präzision verbessert.
Während der Operation Rising Lion sowie der Operation Days of Repentance im Jahr 2024 wurden Geräte, die als sogenannte Planetenmischer bekannt sind und zur Umwandlung von Treibstoff in Festtreibstoff verwendet werden, zerstört. Nach aktuellem Kenntnisstand verfügt der Iran bisher über keine neuen Mischer, möchte diese aber von Peking ankaufen. In der Zwischenzeit beliefert China den Iran mit festem Brennstoff, sodass er weiterhin Raketen produzieren kann.
Israelische Beamte haben kürzlich gewarnt, dass der Iran allmählich wieder zu einer Raketenbedrohung für Israel wird. »Sie arbeiten daran, das Programm wieder aufzunehmen und können bereits jetzt in gewissem Umfang ballistische Raketen produzieren, allerdings eindeutig nicht in dem Umfang wie früher und auch nicht in dem Umfang, wie sie es beabsichtigt haben«, erklärte Israels Außenminister und Mitglied des Sicherheitskabinetts Gideon Sa’ar.
Israel hält seine roten Linien streng geheim, aber es ist bekannt, dass der Iran zu Beginn des Kriegs über etwa 3.000 Raketen verfügte, während es am Ende der Auseinandersetzung nur noch etwa 1.500 waren.
Hohe Alarmbereitschaft
Die Frage, ob weitere Maßnahmen gegen den Iran erforderlich sein könnten, um einen erneuten Aufbau des ballistischen Raketenarsenals zu verhindern, dürfte bei einem Treffen Netanjahus mit US-Präsident Donald Trump Ende Dezember Thema sein.
Israels Premier wird voraussichtlich ein Dossier mit Geheimdienstinformationen vorlegen, das Beweise für die Wiederaufnahme des iranischen Raketenprogramms enthält. Trump hat wiederholt erklärt, die Vereinigten Staaten würden erneut zuschlagen, sollte der Iran sein Atomprogramm wieder aufnehmen. Zum Raketenprogramm äußerte er sich bislang nicht.
»Die Bedrohung durch ballistische Raketen ist eine reale Gefahr für Israel«, hielt Lindsey Graham, republikanischer Senator und enger Verbündeter Trumps, fest. »Die Vereinigten Staaten sollten diese Bedrohung auch als eine Gefahr für sich selbst betrachten.« Seiner Ansicht nach habe sich die Denkweise in Washington insofern geändert, als man das iranische Raketenprogramm nun als eine umfassendere Gefahr ansieht. »Man muss auch Israels Bestände an Abfangraketen auffüllen, wenn es um Verteidigungsfähigkeiten geht.«
In den Vereinigten Staaten gehen die Verantwortlichen derzeit davon aus, dass der Zeitpunkt, an dem die Bedrohung durch ballistische Raketen für Israel wieder existenziell wird, noch in weiter Ferne liegt und ein Überraschungsangriff des Irans unwahrscheinlich ist. In Israel gibt es jedoch Befürchtungen, dass es bei solchen Überlegungen zu Fehleinschätzungen kommen könnte: Ist der Iran überzeugt, dass Israel gegen seine Wiederaufrüstung vorgehen wird, könnte sich das Mullah-Regime für einen Präventivschlag entschließen.
Solche Befürchtungen sind in den letzten Monaten immer wieder aufgekommen, haben sich aber bislang nicht bewahrheitet. Dennoch bedeutet die Tatsache, dass etwas im Nahen Osten nicht geschehen ist, nicht, dass es nicht geschehen kann – daher die anhaltende hohe Alarmbereitschaft.






