Tunesiens islamistische Ennahda-Partei stellt jüdischen Kandidaten auf

Ennahda-Gründer Rached Ghannouchi

„Tunesiens islamistische Ennahda-Partei hat für Aufsehen gesorgt, indem sie für die bevorstehenden Kommunalwahlen einen jüdischen Kandidaten aufgestellt hat. Dies solle ihre Aufgeschlossenheit demonstrieren. Doch ist die Nominierung Simon Salamehs für den Bezirksrat in Monastir innerhalb der regierenden Koalition auf Kritik gestoßen. Sie sei bloß ein politischer Trick und ein Zeichen der ‚Normalisierung’ der Beziehungen mit Israel. In Tunesien leben weniger als 1200 Juden und diese hätten sich bislang von politischen Wahlen ferngehalten, so das Oberhaupt der jüdischen Gemeinde Perez Trabelsi. Dagegen erklärte Salameh dem tunesischen Radiosender Jawhara FM gegenüber, mit seiner Teilnahme an den Wahlen wolle er beweisen, dass Tunesien ‚das Land der Toleranz’ sei. ‚Sollte ich gewählt werden, werde ich mein Amt so gut ich kann wahrnehmen’, sagte er. Er fügte noch hinzu, er habe sich dem Druck seiner Familie, sich nicht zur Wahl zu stellen, widersetzen müssen.

Ennahda steht unter den islamische Parteien in der arabischen Welt einigermaßen einzigartig da. Ihr Gründer und Anführer Rached Ghannouchi vertritt seit langem die Ansicht, dass der Islam mit der Demokratie zu vereinbaren sei. Während seiner Jahre im Exil pflegte er auch Beziehungen zu nichtreligiösen tunesischen Oppositionsgruppen. Aus den Wahlen nach der Revolution von 2011 ging die Ennahda als die stärkste Partei hervor. Sie spielte eine entscheidende Rolle bei der Formulierung der neuen Verfassung. Sie zeigte sich kompromissbereit und bestand nicht darauf, dass die Sharia der tunesischen Gesetzgebung zugrunde gelegt wird. Als sie die Parlamentswahlen von 2014/15 verlor, gestand sie die Niederlage ein und gab die Macht ab. (…)

[Daniel Zisenwine, ein auf Tunesien spezialisierter Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Truman-Institut der Hebräischen Universität] bemerkt jedoch, dass das Aufstellen eines jüdischen Kandidaten nicht auf eine Abschwächung der unerbittlichen Opposition der Ennahda zur Aufnahme von Beziehungen mit Israel schließen lasse. Diese Haltung entspricht der vorherrschenden Einstellung in Tunesien. Trabelsi kritisierte die Nominierung Salamehs durch die Ennahda. Auf der Webseite Haqaeq erklärte er: ‚Ennahda beutet das Judentum aus, um zu behaupten, sie glaube an Pluralismus. Sie hat dies aus wahltaktischen Gründen getan, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen.’“ (Ben Lynfield: „Tunisian Islamist party turns to Jewish candidate in bid to bolster image“)

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