Islamischer Staat setzt auf Feindschaft gegen den Iran

„Sein vielbeschworenes Kalifat ist durch die Macht russischer, syrischer und US-amerikanischer Kampfflieger, vom Iran unterstützter Milizen und von Damaskus und Bagdad entsandter Truppen beseitigt worden. So mag 2017 dem Traum des Islamischen Staats ein Ende gesetzt haben, über eine seinen verdrehten Vorstellungen zufolge ideale Gesellschaft zu herrschen. Doch deutete sich zum Jahresende an, das seine internationale Kampagne gegen die Menschen und Religionen, die er für seine spirituellen Feinde hält, wieder an Kraft gewinnt. Donnerstag vor einer Woche wurden in Kabul dutzende Zivilisten bei einem Selbstmordanschlag auf ein schiitisches Kulturzentrum in der afghanischen Hauptstadt getötet. (…)

Der Anschlag deutet nicht nur auf die anhaltende Präsenz des Islamischen Staats in Afghanistan hin, sondern ist auch ein Vorbote dessen, womit seitens des IS nach dem Verlust seines Kalifats im Irak und in Syrien zu rechnen ist. In ihrem Bekennerschreiben erklärt die Nachrichtenagentur des Islamischen Staats, das Kulturzentrum sei vom Iran finanziert und gefördert worden. ‚Das Zentrum ist eines der wichtigsten afghanischen Zentren für die Bekehrung zum schiitischen Islam’, hieß es in der Erklärung. ‚Junge Afghanen würden in den Iran geschickt, um dort mit iranischen Klerikern zu studieren’. Der Islamische Staat hat sich als Verteidiger der Sunniten in der Region präsentiert und die Wortwahl der Erklärung soll diese Botschaft unterstreichen. Im Rahmen seines Übergangs vom Kalifat zur Aufstandsbewegung dürfte die konfessionelle Thematik in den kommenden Jahren für den IS im Mittelpunkt stehen. Der sektiererische Narrativ ermöglicht es der Gruppe, anstelle des verlorenen Kalifats eine Ideologie zu präsentieren, die durchgängig von Afghanistan bis Syrien zur Anwendung kommen kann.

Die Opfer seines Anschlags, so die Logik, waren potenzielle Soldaten jener Armee, die der Iran überall bildet. Indem er sich als letzte Bastion gegen den Iran darstellt, verleiht der IS seinen örtlichen Aktivitäten auch nach dem Verlust des globalen Kalifats überregionale Bedeutung. Dies ist seit seinem Aufstieg im Jahr 2014 immer wieder ein Thema gewesen, doch hat die Gruppe sich zunehmends auf das Sektierertum, nicht nur gegen Schiiten, sondern auch gegen Christen und andere religiöse Minderheiten konzentriert. (…) Die Gruppe lebt von der Polarisierung und religiöse Minderheiten sind weiche Angriffsziele, wenn es darum geht, Menschen gegeneinander auszuspielen. (…) In einer von sich vertiefenden Spannungen geplagten Region und angesichts der zunehmenden Rolle des Iran wird das Sektierertum – neben der politischen Stagnation und den langjährigen Konflikten in der Region – dem IS auch weiterhin Handlungsmöglichkeiten bieten. Die Gruppe hofft, dass dieses Narrativ es ihr erlauben wird, ihre Popularität unter jenen zu wahren, die den Iran für den Usurpator ihrer Länder und die herrischste sektiererische Macht in der Region halten.“ (Hassan Hassan: „Its dreams of a caliphate are gone. Now Isis has a deadly new strategy“)

Schreiben Sie einen Kommentar


Schreiben Sie einen Kommentar

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.


Login