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Die Islamische Republik Iran und der Hidschab: Politische Flexibilität und soziale Kontrolle

Trotz der Demonstration gewisser Flexibilität bleibt der Hidschab eine der Säulen des iranischen Regimes
Trotz der Demonstration gewisser Flexibilität bleibt der Hidschab eine der Säulen des iranischen Regimes (© Imago Images / NurPhoto)

Was es zu bedeuten hat, dass in jüngster Zeit immer wieder Bilder von Frauen ohne Hidschab in den Berichten staatlicher Medien auftauchen.

In den letzten Wochen haben Bilder und Berichte, die Frauen ohne den eigentlich obligatorischen Hidschab bei staatlich geförderten Zeremonien und Straßenfesten zeigen, im Iran große Aufmerksamkeit erregt. Diese von offizieller Zustimmung und unterstützenden Parolen begleiteten Ereignisse fanden zeitgleich mit der Schließung von Cafés, Hotels und Geschäften statt, denen die Nichteinhaltung der Hidschab-Vorschriften vorgeworfen wurde.

Auf den ersten Blick scheinen diese beiden Geschehnisse widersprüchlich zu sein: einerseits die Präsentation von Toleranz und Zeichen der Flexibilität, andererseits die Fortsetzung strenger und strafender Maßnahmen. Aber spiegelt diese Situation wirklich einen Widerspruch in der offiziellen Politik der Islamischen Republik wider, oder ist sie Teil einer komplexeren politischen Strategie? Um diese Frage beantworten zu können, muss die Rolle des Hidschabs in der Struktur der Islamischen Republik über seine rein religiöse Dimension hinaus untersucht werden.

Symbol des politischen Systems

Im Iran nach der Islamischen Revolution von 1979 wurde der Hidschab nicht ausschließlich als religiöse Pflicht definiert. Vielmehr wurde er nach und nach zu einem ideologischen und identitätsstiftenden Symbol des politischen Systems selbst. Seit den 1980er Jahren hat das Regime durch Gesetze zur Regelung der Frauenkleidung den Hidschab zu einem der sichtbarsten Zeichen der politischen und kulturellen Ordnung der Islamischen Republik gemacht – einer Ordnung, die darauf abzielt, die Grenze zwischen der idealen islamischen Gesellschaft und nicht-islamischen Modellen, insbesondere westlichen, zu definieren.

In diesem Rahmen wird die Kleidung von Frauen nicht bloß als eine Frage der persönlichen Entscheidung betrachtet, sondern als Indikator für die Übereinstimmung mit oder die Distanz zur offiziellen Ideologie des Staates. Deswegen haben die iranischen Staatsmedien in den vergangenen Jahrzehnten im Allgemeinen ein spezifisches und streng kontrolliertes Frauenbild präsentiert: Frauen, die eine vollständige islamische Verschleierung tragen, werden als die idealen Frauen der Islamischen Republik dargestellt. Dieser Ansatz wurde nicht nur durch das staatliche Fernsehen, sondern auch in Schulen, Universitäten, Regierungsbehörden und vielen öffentlichen Räumen reproduziert.

Gleichzeitig hat die iranische Gesellschaft in den letzten Jahren tiefgreifende Veränderungen durchlaufen. Die Urbanisierung, die Verbreitung des Internets und der sozialen Medien, der Anstieg des Bildungsniveaus von Frauen sowie ein Generationswechsel haben die Kluft zwischen der offiziellen staatlichen Politik und dem Lebensstil eines bedeutenden Teils der Gesellschaft zunehmend sichtbar gemacht.

In vielen großen iranischen Städten sind vielfältigere Formen der Frauenkleidung im öffentlichen Raum sichtbar geworden. Dieses Phänomen deutet darauf hin, dass ein großer Teil der Gesellschaft das staatlich sanktionierte Modell der Hidschab-Pflicht nicht mehr als legitime soziale Norm akzeptiert.

Die Bewegung »Frau, Leben, Freiheit«, die nach dem Tod von Mahsa Amini in Gewahrsam der Sittenpolizei entstand, markierte einen Wendepunkt im Konflikt zwischen Staat und Gesellschaft um die Frage des Hidschabs. Diese Proteste, die sich rasch zu einer breiteren politischen und sozialen Bewegung entwickelten, zeigten, dass die obligatorische Verschleierung für viele iranische Frauen nicht bloß eine Kleiderordnung ist. Vielmehr wird sie als Symbol für das Ausmaß staatlicher Einmischung in das Privatleben der Bürger betrachtet und abgelehnt.

Die Regierung betrachtete diese Herausforderung nicht einfach als kulturelles oder religiöses Problem, sondern als Test für ihre politische Autorität und ideologische Geschlossenheit. Auch international wurde der Kontrast zwischen dem Bild, das die Islamische Republik als repräsentativ für die Ansichten der iranischen Gesellschaft zur Kleidung zu vermitteln suchte, und dem, was viele Iraner tatsächlich wollten, deutlicher sichtbar.

Simulation von Normalität und Unterstützung

Unter diesen Umständen lässt sich das scheinbar widersprüchliche Verhalten der Regierung in Bezug auf den Hidschab weniger als Beweis für einen grundlegenden Politikwechsel interpretieren, sondern eher als eine Form von taktischer Flexibilität. In Zeiten von Legitimitätskrisen, sozialen Unruhen, wirtschaftlichem Druck oder regionalen Spannungen hat die Islamische Republik zeitweise versucht, ein weicheres und flexibleres Bild von sich selbst zu vermitteln.

Das Erscheinen von Frauen ohne Hidschab bei einigen offiziellen Anlässen oder staatlich geförderten Zeremonien könnte Teil dieser Bemühungen sein: eine Zurschaustellung sozialer Normalität, die die Botschaft vermitteln soll, dass die Regierung nach wie vor Unterstützung aus verschiedenen Teilen der Gesellschaft genießt.

Solch ein Ansatz war besonders in politisch sensiblen Phasen deutlich zu erkennen. In diesen Momenten versucht die Regierung, ein hohes Maß an sozialer und politischer Teilhabe zu vermitteln und zu verhindern, dass sich das Bild einer unüberbrückbaren Kluft zwischen dem Regime und der Gesellschaft festigt. Daher kann die Sichtbarkeit von Frauen ohne offiziellen Hidschab bei einigen öffentlichen Veranstaltungen als Mittel dienen, um den Eindruck von nationaler Einheit oder einer Rückkehr zur Stabilität zu vermitteln. Dies impliziert jedoch nicht notwendigerweise rechtliche oder strukturelle Veränderungen.

Gleichzeitig bleiben nämlich die formalen Mechanismen zur Durchsetzung der Hidschab-Pflicht bestehen. Die Gesetze selbst haben sich nicht geändert, und verschiedene staatliche Institutionen – von der Polizei über die Justiz bis hin zu den Verwaltungsbehörden – verfügen weiterhin über umfangreiche Instrumente zu ihrer Durchsetzung. Zahlreiche Berichte dokumentieren Geldstrafen, die Verweigerung öffentlicher Dienstleistungen, Fahrzeugbeschlagnahmungen, die Schließung von Geschäften und die Ausübung von Druck auf Frauen im Bildungs- und Berufsleben. Dies zeigt, dass die Regulierung der Frauenkleidung nach wie vor ein aktiver Bestandteil der Regierungsführung ist.

Diese Situation spiegelt in gewisser Weise zwei unterschiedliche Ebenen der Politikgestaltung innerhalb der Islamischen Republik wider. Auf ideologischer Ebene bleibt der Hidschab eine der bestimmenden Säulen der Identität des Systems – und ein vollständiger Rückzug davon könnte von Teilen des herrschenden Establishments als Schwächung eines der zentralen Symbole der Islamischen Revolution wahrgenommen werden. Auf der praktischen Ebene ist die Regierung jedoch gezwungen, sich den sozialen Realitäten und dem sich wandelnden Verhalten großer Teile der Gesellschaft zu stellen. Das Ergebnis ist eine Politik, die mal streng und mal flexibel erscheint, deren oberstes Ziel jedoch die Wahrung der politischen Stabilität und der sozialen Kontrolle bleibt.

Deswegen ist das, was heute im Iran zu beobachten ist, keine Änderung der Philosophie hinter der Hidschab-Pflicht, sondern vielmehr eine Änderung in der Art und Weise, wie diese umgesetzt wird. Die Regierung mag zwar zeitweise die Intensität der Durchsetzung verringern oder in bestimmten öffentlichen Räumen größere Flexibilität zeigen, doch bedeutet dies nicht, dass sie das Prinzip der obligatorischen Verschleierung aufgibt. Solange die offiziellen Gesetze und Durchsetzungsmechanismen intakt bleiben, sind diese vorübergehenden Anpassungen eher als Verwaltungstaktiken denn als strukturelle Reformen zu verstehen.

Gleichzeitig kann die Fortdauer dieser Situation langfristige Konsequenzen für das Verhältnis zwischen Regierung und Gesellschaft im Iran haben. Einerseits interpretieren Teile der Gesellschaft diese begrenzten Zeichen von Flexibilität als Beweis für die Wirksamkeit des sozialen Drucks von unten und sich wandelnder kultureller Dynamiken im Land. Andererseits verstärkt die Fortsetzung rechtlicher und sicherheitspolitischer Maßnahmen das Misstrauen der Öffentlichkeit hinsichtlich der wahren Absichten der Regierung. Diese Kluft zwischen dem offiziellen Bild und der gelebten Erfahrung der Bürgerinnen ist in den letzten Jahren zu einem der bestimmenden Merkmale der sozialen Atmosphäre im Iran geworden.

Regimeerhalt als oberstes Ziel

Letztendlich spiegelt das, was heute im Iran zu beobachten ist, weniger die Lösung des Konflikts um den Hidschab wider als vielmehr die Fortsetzung eines andauernden sozialen und politischen Kampfes – eines Kampfes, in dem die Regierung versucht, die Bewahrung ihrer ideologischen Grundlagen mit der Steuerung einer sich rasch wandelnden Gesellschaft in Einklang zu bringen, während sie Krisen und heikle Situationen bewältigt, die von regionalen Konflikten bis zur Unterdrückung innerstaatlicher Unruhen reichen.

Dieses Bestreben, ein Gleichgewicht zu wahren – das letztlich das Bestreben ist, die Islamische Republik um jeden Preis zu erhalten –, hat bislang weder zur Abschaffung der Hidschab-Pflicht noch zur vollständigen Rückkehr der Gesellschaft zum von der Regierung bevorzugten Modell geführt.

Stattdessen entwickeln sich der Kleidungsstil und das gesellschaftliche Leben eines bedeutenden Teils der iranischen Frauen weiter in eine Richtung, die sich von den offiziellen Präferenzen des Staates unterscheidet und diesen bisweilen direkt entgegensteht. Dies hat die Regierung dazu gezwungen, je nach den politischen und sozialen Umständen zwischen strenger Durchsetzung und taktischem Rückzug zu schwanken. Das Ergebnis ist ein mehrdeutiges Umfeld, das von der Spannung zwischen öffentlichen Forderungen und staatlichem Beharren geprägt ist. In diesem Umfeld bleibt der Hidschab nach wie vor eines der sensibelsten, umstrittensten und zutiefst politischen Themen im heutigen Iran.

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