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IRIB: Das Sprachrohr des iranischen Regimes

Irans Präsident Peseschlian im Studio des staatlichen Senders IRIB
Irans Präsident Peseschlian im Studio des staatlichen Senders IRIB (© Imago Images / APAimages)

Während das iranische Regime den Internetzugang tagelang sperrte, wurden zugleich vom staatlichen Rundfunk weiterhin offizielle Textnachrichten an die Mobiltelefone der Bevölkerung gesendet.

Während jener Tage, in denen das Internet wegen der allgemeinen Proteste komplett abgeschaltet war und später nur mit starken Einschränkungen und Störungen der Mobilfunknetze wiederhergestellt wurde, sahen sich viele Iraner mit einer paradoxen Situation konfrontiert: Während persönliche Nachrichten kaum zugestellt wurden und der Zugang zu unabhängigen Nachrichtenquellen unterbrochen war, wurden weiterhin offizielle und sicherheitsrelevante Textnachrichten an ihre Mobiltelefone gesendet.

Diese oft wie Schlagzeilen aufgebauten Nachrichten präsentierten eine bestimmte Darstellung der Geschehnisse, deren Ton und Format den Nachrichtensendungen des staatlichen Rundfunks und Fernsehens der Islamic Republic of Iran Broadcasting (IRIB) ähnelte und per SMS direkt an die Empfänger übermittelt wurde.

Für viele Empfänger stand deswegen weniger der Inhalt der Textnachrichten im Vordergrund als vielmehr die Art und Weise, wie sie an ihre Mobiltelefone versendet wurden. Warum hat eine Institution wie IRIB, die jahrzehntelang das Monopol auf Radio- und Fernsehsendungen hatte, nun auf Massen-SMS zurückgegriffen? Die Antwort muss in einer tiefgreifenden Veränderung der Struktur des öffentlichen Vertrauens gesucht werden: Das Regime will sicherstellen, dass jeder im Land seine Version der Dinge zur Kenntnis nimmt, auch wenn die entsprechende Person keine IRIB-Sendungen sieht, weil allen klar ist, dass der Sender nichts anderes als ein Sprachrohr der Islamischen Republik ist.

Kein Interesse

Nach Angaben des Parlamentarischen Forschungszentrums beläuft sich das vorgeschlagene IRIB-Budget für das aktuelle Haushaltsjahr auf etwa 430 Billionen Rial. Diese Summe entspricht der einiger wichtiger Ministerien und stellt eine Steigerung von 46 Prozent gegenüber dem Vorjahr dar. Dieser Anstieg erfolgt zu einem Zeitpunkt, zu dem laut einer ISPA-Umfrage nur 12,5 Prozent der befragten Iraner IRIB als ihre Hauptnachrichtenquelle angaben, während der Wert im Jahr 2017/18 noch bei rund 51 Prozent lag. Darüber hinaus gaben nur elf Prozent an, von IRIB produzierte Filme und Fernsehserien zu sehen. Diese Kluft zwischen Budget und Publikumsinteresse ist zu einem zentralen Kritikpunkt geworden.

In einem Stadtteil im Süden Teherans meinte ein 42-jähriger Lehrer: »Wir schalten unser Fernsehen hauptsächlich ein, um Fußballspiele zu sehen – und selbst das ist nicht mehr wie früher, insbesondere seitdem Spieler zensiert werden, die aus Solidarität mit den Opfern der jüngsten Proteste ihre Tore nicht mehr feiern. Für Nachrichten wenden wir uns an die sozialen oder die ausländischen Medien. Wir haben das Gefühl, dass die offizielle Darstellung nicht die Wahrheit widerspiegelt.«

Diese Erfahrung ist nicht auf die Hauptstadt beschränkt. Auch in kleineren Städten haben junge Menschen ihren Medienkonsum diversifiziert, indem sie VPNs und andere Tools nutzen, um Beschränkungen zu umgehen. Ein Ingenieurstudent in Shiraz berichtete: »Als meine Freunde während der Proteste verhaftet und viele Menschen getötet wurden, stellte das Fernsehen sie als Randalierer und Terroristen dar. Ich habe mein Vertrauen verloren. Die offizielle Darstellung unterschied sich von dem, was ich auf den Straßen gesehen habe.«

Die gezielte Verzerrung der Proteste entsprechend den Regimeanforderungen, die Entfernung oder Einschränkung bekannter Persönlichkeiten oder die Ausstrahlung von Geständnissen politischer Häftlinge gehören zu jenen Themen, die wiederholt Kritik hervorgerufen haben. Für einen ehemaligen Moderator, der jahrelang für einen der nationalen Sender gearbeitet hatte und inzwischen emigriert ist, haben sich »die roten Linien sich so weit ausgedehnt, dass die Kreativität praktisch gelähmt ist. Ein Moderator muss auf jedes einzelne Wort achten. Selbst die Erwähnung von Themen wie Tanzen oder bestimmten Musikstilen kann zu einem Arbeitsverbot führen.« Ihm zufolge haben die vielschichtige Überwachung und die Präsenz von Sicherheitsorganen im Produktionsprozess das berufliche Umfeld eingeschränkt.

Bemerkenswert ist auch die organisatorische Größe der IRIB im Vergleich zu vielen internationalen Medienunternehmen: Schätzungen zufolge sind rund 48.000 bis 50.000 Menschen bei IRIB beschäftigt. Diese Anzahl übersteigt die Belegschaft vieler globaler Netzwerke und verweist auf einen aus politischen Gründen völlig aufgeblähten Apparat.

Ein oft geäußerter Kritikpunkt ist die Art und Weise, wie Beamte, Funktionäre und Behörden dargestellt werden. Sie gleicht eher einer Verherrlichung, die von den üblichen Standards in öffentlich-rechtlichen Medien abweicht und in der Regel nur ein begrenztes Publikum anspricht, nämlich die Anhänger des herrschenden Systems. Wie ein Soziologe in Teheran ausführte: »Ein öffentlich-rechtlicher Sender muss eine kritische Distanz zur Macht wahren. Wenn die Sprache der Berichterstattung bloße Lobhudelei ist, wird die eigentliche Funktion der Medien geschwächt.«

Auch das Thema Zensur und Bearbeitung – von der plötzlichen Unterbrechung von Live-Sendungen bis zur Entfernung kritischer Antworten auf Fragen staatlicher Reporter – ist eines, das anhand zahlreicher Beispiele in den sozialen Medien vielfach thematisiert und als Zeichen einer strengen Inhaltskontrolle interpretiert wird.

Vertiefte Kluft

In den letzten Jahren hat sich die Kluft zwischen der offiziellen Darstellung und den Erfahrungen der Iraner immer aufgrund der verschiedenen Protestwellen weiter vertieft. Familien, deren Angehörige während dieser Ereignisse getötet, verletzt oder inhaftiert wurden, haben dabei oftmals ihre Unzufriedenheit mit der medialen Berichterstattung zum Ausdruck gebracht. Eine Mutter aus Karaj, deren Kind während der Proteste getötet wurde, erinnerte sich: »Als das Fernsehen behauptete, sie seien ausländische Agenten und sie als Terroristen oder Randalierer bezeichnete, hatte ich das Gefühl, dass unser Schmerz unsichtbar war. Wir hatten nur wirtschaftliche Forderungen. Mein Kind war 35 Jahre alt, unverheiratet und auf der Suche nach Arbeit.«

Inzwischen sind wegen des völligen Vertrauensverlusts persischsprachige Medien im Ausland, darunter BBC Persian und Iran International, für Teile der Bevölkerung zu alternativen Informationsquellen geworden. Dieser Wandel in der Medienautorität stellt eine der strategischen Herausforderungen für das iranische Informationssystem dar. Die staatliche Medienorganisation mit einem Budget in Höhe von mehreren zehn Billionen Toman und einer riesigen Belegschaft zeigt jedoch, dass sie keinerlei Anstrengungen unternimmt, um das in einem beispiellosen Ausmaß erodierte Vertrauen zum Publikum wiederherzustellen.

Die krasse Diskrepanz zwischen den enormen Ressourcen der IRIB und ihrem begrenzten Einfluss in der iranischen Gesellschaft ist nicht ein Zeichen für die enge Verflechtung der Medienorganisation mit den Interessen und Narrativen des diktatorischen Regimes, das Demonstranten als Terroristen und Randalierer darstellt und dabei die tatsächlichen Erfahrungen der Menschen ignoriert. Folgen die iranischen Medien weiterhin den autoritären Werten und Prioritäten des Regimes, werden sich die wachsende Distanz zur Gesellschaft, das Misstrauen der Öffentlichkeit und die Marginalisierung der offiziellen Medien weiter verfestigen.

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