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Irans unsichtbare Front im Irak

Aufmarsch irakischer Milizionäre in der iranischen Hauptstadt Teheran
Aufmarsch irakischer Milizionäre in der iranischen Hauptstadt Teheran (© Imago Images / NurPhoto)

Im Irak hat sich ein Machtgefüge etabliert, das sich jeder klassischen Frontlinie entzieht und dennoch tief in die politischen und sicherheitspolitischen Strukturen des Landes eingreift. Seine Wirkung entfaltet sich leise – und verändert die regionale Balance Schritt für Schritt.

Tal Leder

Anfang dieses Jahres richtete sich der Blick der Welt für einen kurzen Moment auf die Straßen iranischer Städte. Am 8. und 9. Januar wurden landesweit Proteste mit brutaler Gewalt niedergeschlagen. Innerhalb weniger Tage forderte die Repression Tausende Opfer. Es war ein weiteres Kapitel in der langen Geschichte innerer Unterdrückung durch die Islamische Republik. Doch die Ereignisse erzählen noch eine andere Geschichte. Denn auf den Straßen standen nicht nur Einheiten der iranischen Sicherheitsapparate. Beobachter berichteten auch von der Präsenz ausländischer Milizionäre aus Afghanistan, dem Libanon und vor allem aus dem Irak.

Gerade diese kaum beachtete Dimension verweist auf ein strategisches Muster: Der Iran sichert seine Herrschaft nicht allein nach innen, sondern durch ein Netzwerk aus Verbündeten und Stellvertretern nach außen. Kaum ein Land ist dafür so zentral wie der Irak – als Einflusszone, als militärische Plattform und als politischer Hebel.

Tatsächlich zeigt sich hier ein Prinzip, das die iranische Regionalpolitik seit Jahren prägt: Stabilität im Inneren wird zunehmend über Kontrolle im Äußeren organisiert. Die Grenzen zwischen Innen- und Außenpolitik verschwimmen – nicht nur ideologisch, sondern ganz konkret auf dem Schlachtfeld und in den Machtzentren der Region. Der Irak wird so zum Rückraum eines Systems, das seine Verwundbarkeit exportiert, um sie zu kompensieren.

»Der entscheidende Punkt ist nicht nur die Existenz iranischer Netzwerke im Irak, sondern deren strukturelle Architektur«, sagt Sarit Zehavi vom Forschungs- und Bildungszentrum Alma in Obergaliläa im Norden Israels. »Teheran operiert nicht über ein lineares Einflussmodell, sondern über ein mehrschichtiges Gefüge, in dem militärische, politische und gesellschaftliche Ebenen bewusst getrennt und zugleich funktional miteinander verbunden sind. Diese Konstruktion ist darauf ausgelegt, Wechselwirkungen zu ermöglichen, ohne dass das Gesamtsystem von einzelnen Druckpunkten abhängig ist.«

Die Nahostexpertin verfolgt seit Jahren die Verflechtung iranischer Milizen in der Region. Aus ihrer Sicht liegt die Besonderheit nicht in der Präsenz selbst, sondern in der Art, wie diese strukturiert ist: als System ohne Zentrum im klassischen Sinne, aber mit klaren Verbindungslinien zwischen seinen Teilen. »Diese Architektur erzeugt Stabilität durch Komplexität und nicht durch zentrale Kontrolle. Die einzelnen Ebenen funktionieren zwar getrennt, bleiben aber dauerhaft aufeinander bezogen. Genau diese Verschränkung verhindert, dass das System durch einzelne Störungen zusammenbricht, verschiebt aber zugleich die Spannung ins Innere des Gefüges, wo sie dauerhaft bestehen bleibt.«

Flexible Strukturen

Diese Form von Einfluss entzieht sich bewusst klaren Zuschreibungen. Sie bleibt beweglich, anpassungsfähig und nutzt die Schwächen staatlicher Strukturen, ohne selbst als Staat auftreten zu müssen. Gerade darin liegt ihre strategische Qualität: Sie kann Druck aufbauen, ohne Verantwortung tragen zu müssen, und Wirkung entfalten, ohne sich offen exponieren zu müssen. Der Irak ist in diesem Gefüge nicht nur ein Schauplatz, sondern ein Knotenpunkt: ein Raum, in dem sich militärische Präsenz, politische Einflussnahme und wirtschaftliche Interessen überlagern.

Die Grundlagen dafür wurden vor mehr als zwei Jahrzehnten in einem Land gelegt, dessen Bevölkerung zu rund sechzig Prozent schiitisch ist und in dem zugleich eine bedeutende sunnitische Minderheit lebt, die über Jahrzehnte die politischen Machtstrukturen kontrollierte.

Mit dem Sturz des Diktators Saddam Hussein in Bagdad im Jahr 2003 öffnete sich ein Machtvakuum, das Teheran frühzeitig zu nutzen verstand. Über Jahre hinweg entstanden schiitische Milizen, politische Parteien und wirtschaftliche Netzwerke, vielfach mit direkter oder indirekter Unterstützung aus dem Iran. Aus zunächst punktuellen Verbindungen entwickelte sich so ein Geflecht, das heute tief in staatliche Abläufe und gesellschaftliche Strukturen hineinwirkt – oft unsichtbar, aber politisch wirksam.

Auffällig ist dabei weniger die einzelne Maßnahme als das Zusammenspiel dieser Ebenen. Militärische Präsenz, politischer Einfluss und ökonomische Verflechtung greifen ineinander und entfalten ihre Wirkung gerade durch ihre Gleichzeitigkeit. Was auf den ersten Blick fragmentiert erscheint, folgt einer klaren strategischen Logik: nicht kurzfristige Kontrolle, sondern langfristige Durchdringung. Diese Form der Stabilisierung beruht nicht auf Konsistenz im klassischen Sinne, sondern auf Flexibilität. Strukturen werden nicht starr aufgebaut, sondern so gestaltet, dass sie sich an veränderte Bedingungen anpassen können. Dadurch entsteht ein System, das auf Dauerhaftigkeit angelegt ist, ohne jemals statisch zu werden.

»Teheran agiert im Irak nicht über klassische hierarchische Steuerung, sondern über ein dichtes Geflecht von Akteuren, das tief in lokale Strukturen eingebettet ist«, erklärt der israelische Reserveoffizier Danny Citrinowicz vom Institut für Nationale Sicherheitsstudien (INSS) in Tel Aviv. »Entscheidend ist dabei weniger ein zentraler Befehl, sondern die fortlaufende Interaktion mit lokalen Machtzentren. Milizen, politische Gruppen und wirtschaftliche Vermittler stehen in einem Netz gegenseitiger Abhängigkeiten, das sich je nach Situation verschiebt. Einfluss entsteht hier vor allem durch operative Interaktion und durch das Austarieren dieser Beziehungen im Alltag vor Ort.«

Der Major a. D. war über viele Jahre in verschiedenen Bereichen des israelischen Militärgeheimdienstes tätig und befasst sich heute mit der strategischen Ausrichtung des Iran in der Region. Seine Analysen richten den Blick dabei weniger auf einzelne Operationen als auf das übergeordnete System, in das sie eingebettet sind.

Gerade im Irak sieht Citrinowicz ein Beispiel dafür, wie sich politische Fragmentierung und sicherheitspolitische Durchlässigkeit zu einem dauerhaften Einflussraum verdichten können. Diese indirekte Form der Machtausübung wirkt selten spektakulär, verändert aber schrittweise die politischen Gewichte im Land – und gewinnt dadurch an Beständigkeit. Sie erzeugt ein Machtgefüge, das nicht auf klare Hierarchien angewiesen ist, sondern von situativer Anpassung lebt. Gerade diese Anpassungsfähigkeit macht es zugleich stabil und schwer angreifbar.

»Wir sehen im Irak ein Modell, das Iran auch in anderen Teilen der Region – wie vor allem [mit der Hisbollah] im Libanon – anwendet«, sagt Citrinowicz. »Es geht darum, lokale Akteure so in den politischen und von Sicherheitsfragen geprägten Alltag einzubinden, dass sie zwar autonom handeln, ihre Entscheidungen aber innerhalb eines strukturell vorgeprägten Rahmens treffen. Diese Art von Einfluss entfaltet sich nicht in einzelnen Momenten, sondern in der kontinuierlichen Verflechtung alltäglicher Abläufe. Genau darin liegt ihre operative Wirksamkeit.«

Grundlegende Veränderung

Vor diesem Hintergrund verschiebt sich auch der analytische Blick: weg von der reinen Beschreibung iranischer Einflussmechanismen hin zu der Frage, was diese Strategie konkret für das regionale Kräfteverhältnis bedeutet. Denn was im Irak gewachsen ist, wirkt längst über seine Grenzen hinaus; nicht als klar umrissene Front, sondern als flexibles Gefüge, das Druckpunkte verlagern kann.

Für Israel entsteht daraus eine sicherheitspolitische Lage, die weniger durch unmittelbare Konfrontation geprägt ist als durch die ständige Möglichkeit indirekter Eskalation. Entscheidender als einzelne Vorfälle ist dabei die strukturelle Verschiebung von Handlungsspielräumen: Wer setzt die Regeln, wer reagiert nur noch? Genau hier beginnt sich das Gleichgewicht der Kräfte leise, aber nachhaltig zu verändern. Es ist diese Grauzone zwischen Einfluss und Kontrolle, in der sich die strategische Herausforderung zunehmend verdichtet.

»Der Iran baut keine klassischen Frontlinien auf, sondern formt ein strategisches Umfeld, in dem Konflikte nicht mehr klar beginnen oder enden, sondern sich in unterschiedliche Ebenen auslagern«, erklärt Avner Golov, ehemaliger Direktor für Außenpolitik im Büro des israelischen Premierministers und heute leitender Wissenschaftler bei der Nichtregierungsorganisation Mind Israel. »Für den jüdischen Staat entsteht daraus kein eindeutig greifbarer Gegner mehr, sondern ein System von miteinander verbundenen Akteuren, in dem Entscheidungen nicht zentral getroffen, sondern verteilt wirksam werden. Die Herausforderung liegt darin, dass sich Eskalationsdynamiken dadurch nicht mehr linear entwickeln, sondern situativ verschieben.«

Aus Golovs Sicht entsteht daraus eine strategische Struktur, in der klassische Kategorien von Abschreckung und Kontrolle nur noch eingeschränkt greifen. Nicht mehr die direkte Konfrontation ist entscheidend, sondern die Fähigkeit, auf ein System zu reagieren, das sich permanent zwischen Stabilität und Instabilität bewegt. Dadurch entsteht ein Umfeld, in dem politische und sicherheitspolitische Reaktionen oft zeitversetzt wirken, während die zugrunde liegenden Verschiebungen weiterlaufen. Gerade diese Asymmetrie verändert die Logik regionaler Sicherheit grundlegend.

»Das zentrale Problem sind nicht einzelne Eskalationen, sondern die schrittweise Verschiebung des gesamten strategischen Gleichgewichts«, hebt Golov hervor. »Je dichter dieses Netzwerk wird, desto weniger vorhersehbar werden die Übergänge zwischen Ruhe und Konflikt. Entscheidend ist nicht mehr der einzelne Ausbruch, sondern die dauerhafte Veränderung der Bedingungen, unter denen er überhaupt möglich wird. Wer darauf reagieren will, muss diese Struktur als Ganzes verstehen, nicht nur ihre sichtbaren Symptome.«

Gerade an diesem Punkt wird sichtbar, dass sich die Dynamik nicht mehr allein aus strategischen Kalkülen erklären lässt. Was als flexible Einflussarchitektur gedacht ist, stößt inzwischen sowohl im Iran selbst als auch im Irak auf wachsende Vorbehalte. Im Iran wächst die Kritik an einer expansiven Regionalpolitik, die viele als kostspielig und entfremdend wahrnehmen. Im Irak wiederum werden die von Teheran unterstützten Milizen zunehmend als Instrumente äußerer Einflussnahme betrachtet.

Viele der eingesetzten Kämpfer beherrschen nicht einmal die Sprache der Regionen, in denen sie operieren, und ihr Vorgehen gilt als hart und oft rücksichtslos. Gerade darin zeigt sich die Distanz zwischen iranischer Machtprojektion und lokalen gesellschaftlichen Realitäten. Dass das Mullah-Regime dennoch auf diese Kräfte zurückgreift, verweist zugleich auf eigene Schwächen; nicht zuletzt auf die Verluste innerhalb der iranischen Sicherheitsapparate während der Konfrontationen mit den USA und Israel. So entsteht ein Spannungsfeld, in dem die iranische Einflusslogik und die gesellschaftlichen Entwicklungen vor Ort zunehmend auseinanderdriften – mit offenem Ausgang.

»Die eigentliche Logik dieses Systems liegt in der Art, wie Struktur und Wirkung auseinanderfallen können«, erklärt Zehavi. »Die Konstruktion ist so angelegt, dass Einfluss nicht über direkte Steuerung entsteht, sondern über die dauerhafte Verbindung unterschiedlicher Ebenen. Gerade diese Trennung zwischen Aufbau und Wahrnehmung erzeugt Stabilität, aber zugleich auch Reibungspunkte, die das System langfristig unter Spannung setzen.«

Am Ende verdichtet sich die Entwicklung im Irak zu einer strategischen Paradoxie: Ein System, das auf Stabilisierung durch Einfluss im Ausland angelegt ist, erzeugt zugleich neue Instabilität im eigenen politischen Resonanzraum. Die fortschreitende Verflechtung sichert zwar die iranische Präsenz im Irak, verstärkt jedoch zugleich im Iran selbst die Kritik an einer Politik, die als kostspielig, verlustreich und zunehmend entkoppelt von den eigenen gesellschaftlichen Prioritäten wahrgenommen wird. Damit wirkt die Einflussstrategie doppelt: Sie stößt im Irak auf wachsenden Widerstand gegen äußere Kontrolle und erhöht zugleich im Iran den innenpolitischen Druck. Je weiter Teheran seine schleichende Kontrolle im Irak ausbaut, desto größer wird das Risiko, dass sich diese Spannungen nach außen wie nach innen entladen – nicht geplant, aber strukturell angelegt.

 »Ob dieses Gleichgewicht im Irak tragfähig bleibt oder ob daraus neue Spielräume für Stabilität entstehen können, hängt wesentlich von der politischen Verantwortungsfähigkeit der Akteure vor Ort und in Teheran ab«, sagt Zehavi. »Ohne eine Perspektive, die über reine Machtsicherung hinausgeht, bleibt dieses Modell anfällig für genau die Dynamiken, die es selbst hervorbringt. Für den Irak und die Region bedeutet das vor allem eine anhaltende strategische Unsicherheit – und für Israel die Notwendigkeit, sich auf ein Umfeld einzustellen, in dem Bedrohungen weniger verschwinden als sich fortlaufend neu konfigurieren.«

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