Ein ehemals hochrangiger britischer Soldat beleuchtet die schweren Fehler der iranischen Führung, über die nur wenig gesprochen wird.
Viel ist in den vergangenen fünf Wochen über Fehlannahmen und strategische Irrtümer die Rede gewesen, die insbesondere den USA unterlaufen seien und dazu geführt hätten, dass der Krieg gegen das iranische Regime sich für die USA zu einem nicht mehr gewinnbaren Desaster entwickelt habe. Auch wenn die strategische Unklarheit des US-Präsidenten und seine zahlreichen, sich ständig widersprechenden Äußerungen nur allzu gut in dieses Bild passten, wirkten diese Kritiken angesichts des tatsächlichen Kriegsverlaufs und der unbestreitbaren militärischen Erfolge der USA und Israels oft übertrieben.
Festzustellen ist dabei vor allem eine bemerkenswerte Einseitigkeit. Denn bei all der Konzentration auf amerikanische Unzulänglichkeiten wird selten über die in Wahrheit weit dramatischeren Fehlkalkulationen des iranischen Regimes gesprochen. Auf sie weist ein ehemals hochrangiger britischer Ex-Soldat in einem Gastbeitrag in der Zeitung The Telegraph hin. In seinen fast dreißig Jahren des Dienstes in der britischen Armee war Richard Kemp an mehreren Kriegsschauplätzen im Einsatz, u. a. kommandierte er britische Truppen in Afghanistan.
Nutzlose Stellvertreter
Kemp zufolge bestehe das Grundproblem des iranischen Regimes darin, dass die Führung in Teheran auf einen direkten, hochintensiven Konflikt mit den USA und Israel nicht vorbereitet gewesen sei. In den vergangenen Jahrzehnten habe ihre Strategie vielmehr auf indirekte Kriegsführung durch Stellvertreterorganisationen sowie darauf gesetzt, dass der Westen, wenn überhaupt, nur mit begrenzten militärischen Operationen gegen diese Handlanger, nicht aber massiv gegen das Regime im Iran selbst vorgehen würde. »Die gesamte Verteidigungsstrategie des Iran wurde durch den aktuellen Krieg auf den Kopf gestellt.«
Die Unsummen, die das Regime für den Aufbau eines Netzwerks aus verbündeten Milizen vom Libanon bis zum Jemen aufgewendet hat, hätten sich als weitgehend nutzlos erwiesen. Zentrale Verbündete wie die Hisbollah, Hamas und Huthis seien in Auseinandersetzungen nach dem 7. Oktober 2023 erheblich geschwächt worden, womit ein zentraler Pfeiler der iranischen Sicherheitsstrategie weitgehend weggebrochen sei. »Ihr gemeinsamer Beitrag zur Verteidigung des Iran in den letzten Wochen war (…) strategisch vernachlässigbar.«
Politische Fehleinschätzungen
Auch politisch unterliefen dem Regime offenbar gravierende Fehlkalkulationen. Die iranische Führung ging davon aus, dass Angriffe auf arabische Nachbarstaaten diese dazu bewegen würden, Druck auf Washington auszuüben. Doch »tatsächlich hatten sie den gegenteiligen Effekt«. Hinter den Kulissen unterstützten mehrere Golfstaaten die Fortsetzung der militärischen Operationen. Statt Spaltung entstand eine stärkere regionale Allianz gegen Teheran. »Selbst jene Staaten, die lange versucht hatten, neutral zu bleiben, wie Katar und die VAE, die zuvor beide als Vermittler fungierten, wurden gezwungen, Partei zu ergreifen. Eine Strategie, die spalten sollte, hat stattdessen den Widerstand gegen Teheran gefestigt.«
Auch habe keiner der Golfstaaten dem militärischen Druck des Iran nachgegeben und den Amerikanern untersagt, Stützpunkte in ihren Ländern als Operationsbasen für den Krieg zu verwenden.
Die Reaktionen dieser Länder stünden in deutlichem Gegensatz zum Verhalten europäischer Staaten, die den USA in »alter europäischer Feigheit« die Nutzung von Stützpunkten untersagt und sogar Überflüge verboten haben. Für das iranische Regime sei aber auch das nur ein geringer Trost, denn die Europäer hätten sich »in diesem Krieg selbst irrelevant gemacht«.
Straße von Hormus
Auch die de facto Sperre der Straße von Hormus, einer der wichtigsten Handelsrouten der Welt, stellt für Kemp einen weit weniger großen »Erfolg« dar, als in vielen anderen Kommentaren behauptet wird. Die Maßnahme sollte wirtschaftlichen Druck erzeugen, und insofern hat sie auch eine Wirkung. Aber, so Kemp, sie treffe auch die eigene Wirtschaft empfindlich. Angesichts der starken Abhängigkeit von Ölexporten drohten dem Iran erhebliche Einnahmeverluste. Wirtschaftlich gesehen habe das Regime sich selbst »wahrscheinlich größeren Schaden zugefügt als anderen Ländern«.
Darüber hinaus habe der iranische Angriff auf die Weltwirtschaft anderen Ländern vor Augen geführt, dass das Regime eine weltweite Bedrohung darstelle. Die Sperre der Straße von Hormus könnte die Beziehungen zu wichtigen, auf Ölimporte aus der Golfregion angewiesenen Partnern wie China und Indien beeinträchtigen. Auch Staaten, die sich bisher aus dem Konflikt herausgehalten haben, könnten wegen der Straße von Hormus in ihn hineingezogen werden – allerdings nicht auf der Seite des Iran.






