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Warum Irans Atomprogramm nie friedlich war

Im Mai 2021 gab Ali Motahari seine – letztlich erfolglose – Kandidatur als iranischer Präsident bekannt
Im Mai 2021 gab Ali Motahari seine – letztlich erfolglose – Kandidatur als iranischer Präsident bekannt (© Imago Images / Pacific Press Agency)

In einem Interview bestätigte der ehemalige Präsidentschaftskandidat Ali Motahari, dass der Iran schon immer den Bau einer Atombombe verfolgt habe.

Der Iran hatte stets behauptet, sein Atomprogramm diene ausschließlich friedlichen und zivilen Zwecken wie der Gewinnung von Atomkraft und der Herstellung medizinischer Isotope. Israel und verschiedene westliche Geheimdienste haben dies immer wieder bestritten. So präsentierte der ehemalige israelische Premierminister Benjamin Netanjahu der Welt im Jahr 2018 Teile des vom Mossad aus dem Iran geschmuggelten Nukleararchivs, die die Waffenbautätigkeiten der Islamischen Republik belegten.

Wie Recht jene Kritiker hatten, die die Erklärungen aus Teheran als reine Schutzbehauptung kritisierten und darauf hinwiesen, dass weite Teile des iranischen Nuklearprogramms nur in Zusammenhang mit dem Streben nach Atomwaffen Sinn machten, hat nun ein ehemaliger Abgeordneter, Vize-Parlamentssprecher und Präsidentschaftskandidat der Islamischen Republik selbst ausgesprochen.

»Instrument der Einschüchterung«

Am vergangenen Sonntag erklärte Ali Motahari in einem Interview mit der Iran Student Correspondents Association (ISCA), das iranische Nuklearprogramm habe »von seinen ersten Anfängen an« zu »hundert Prozent« auf die Entwicklung von Atombomben abgezielt:

»Als wir mit unseren nuklearen Aktivitäten begannen, war unser Ziel tatsächlich, eine Bombe zu bauen. Es gibt keinen Grund, hier herumzudrucksen.«

Es seien nicht bloß einzelne Personen oder Funktionäre, sondern das »Regime im Ganzen« gewesen, das hinter diesen Plänen gestanden habe. Der Plan sei gewesen, so antwortet Motahari auf eine Frage des Interviewers, ein »Instrument der Einschüchterung« zu entwickeln, um die Abschreckungsmacht des Iran zu stärken, gemäß dem Vers aus dem Koran, der besagt, man soll »Angst säen in den Herzen der Feinde Allahs«.

»Wenn wir es hätten geheim halten können, bis wir einen Atomtest durchführen, wäre es eine gemachte Sache gewesen. (…) Wenn wir eine Bombe hätten, müssten sie uns noch ernster nehmen. (…) Da wir nun einmal begonnen haben, hätten wir weitermachen sollen, bis wir die Schwelle erreichen.«

Doch sei es dem Iran nicht gelungen sein Atomprogramm lange genug geheim zu halten, sondern das »Geheimnis wurde von einer Gruppe von Heuchlern aufgedeckt«, wie die Jerusalem Post Motahari zitiert.

Im Sommer 2002 hatten die iranische oppositionelle Gruppierung der Volksmujaheddin aufgedeckt, dass der Iran heimlich an Anlagen zur Urananreicherung baut, was dazu führte, dass sich ab Herbst 2003 dann die UN-Atomenergiebehörde IAEO mit dem iranischen Atomprogramm zu beschäftigten begann.

»Rechtlich gedeckt«

Der ehemalige Parlamentarier Motahari bekräftigte in dem Interview nun, dass ein Land, dass die Kernenergie nur für zivile Zwecke nutzen wolle, dafür »niemals mit der Anreicherung beginnt«, sondern erst einmal einen Reaktor bauen würde, bevor es sich der Frage der Anreicherung zuwendet. Der Iran hingegen habe »direkt mit der Anreicherung« begonnen, eben weil er eine Bombe entwickeln wollte.

Unter Bezug auf die angebliche – bislang gibt es keine eindeutigen Beleg, sondern nur widersprüchliche Behauptungen über ihre Existenz – Anti-Atomwaffen-Fatwa von Irans Oberstem Führer Ali Khamenei angesprochen, wiederholte Motahari seine bereits in der Vergangenheit getätigte Aussage, der Iran könnte trotzdem eine Bombe bauen, da die »islamische Rechtsprechung« nur deren Einsatz verbiete, aber nicht die Entwicklung und den Besitz solcher Waffen zum Zweck der Abschreckung.

»Es ist rechtlich gedeckt. Manche bauen auf den koranischen Vers, das man ›Angst in die Herzen der Feinde Allahs‹ pflanzen soll. Das heißt, wir sollen den Feind bedrohen und einschüchtern, aber die Bombe nicht verwenden. Insoweit sage, ich, wir können die Bombe bauen.«

Vom Interviewer darauf angesprochen, dass noch kein Funktionär solche Sachen jemals offiziell ausgesprochen habe, und gefragt, ob er nicht glaube, dass seine Aussagen, die Verhandlungen zu einer Rückkehr zum Atomdeal beeinträchtigen könnten antwortete Motahari, dass ohnehin niemand mitbekomme, was er sage.

Auf das Nachhaken des Interviewers, dass »die Ausländer« seine Aussagen doch »ohne große Anstrengung« finden könnten, erklärte der ehemalige Parlamentarier und Präsidentschaftskandidat, er habe »keine offizielle Funktion« und tätige seine Aussagen nur »um in seinem eigenen Namen«.

Schadensbegrenzung

Dennoch beeilte sich am Montag ein Funktionär der Iranischen Atomenergiebehörde (AEOI), die Ausführungen von Motahari zu dementieren und in einer von der Jerusalem Post dokumentierten Erklärung Schadensbegrenzung zu betreiben.

»Das friedliche Nuklearprogramm der Islamischen Republik hatte niemals eine militärische Ausrichtung. Die Statements verantwortungsloser Personen sind das Resultat ihrer Ignoranz oder ihrer speziellen politischen Herangehensweise.

Unser Land mit Vorwürfen geheimer Nuklearaktivitäten zu belasten, ist eine Taktik, derer sich der Feind seit Jahren bedient, um unserer friedliches Atomprogramm einschränken zu können. Doch niemals war er in der Lage, dies auch belegen zu können.«

Im November hatte der frühere AEOI-Vorsitzende der Fereydoun Abbasi-Davan angedeutet, dass der – aller Wahrscheinlichkeit nach von Israel – bei einem Anschlag getötete iranische Nuklearwissenschaftler Mohsen Fakhrizadeh an einem Atomwaffenprogramm gearbeitet hatte. Als er der Nachrichtenagentur IRNA gegenüber sagte, Fakhrizadeh habe an der »nuklearen Verteidigung« gearbeitet.

Abbasi hatte damals gesagt, die Feinde des Iran hätten Fakhrizadeh zwar schon seit Jahren im visier gehabt, aber als das Land immer weitere Fortschritte beim Bau »von Satelliten, Raketen und Nuklearwaffen gemacht und verschiedene Wissensschwellen überschritten« habe, sie die Lage für sie so ernst geworden, dass sie diese nicht weiter hätten ignorier können.

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