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Iran: Immer mehr Tote bei Protesten

Neben toten und Verletzten kam es auch zu zahlreichen Festnahmen protestierender Iranerinnen
Neben Toten und Verletzten kam es auch zu zahlreichen Festnahmen protestierender Iranerinnen (© Imago Images / ZUMA Wire)

Der Tod einer jungen Frau nach einem Polizeiverhör löste im Iran eine kollektive Empörungswelle und landesweite Demonstrationen aus. Inzwischen gibt es mehrere Tote und Verletzte.

Nachdem vorige Woche Mahsa Amini in Teheran von der Moralpolizei festgenommen wurde, da sie gegen die strengen Bekleidungsvorschriften verstoßen hatte, weil ihre Haare nicht korrekt bedeckt waren, und drei Tage nach der polizeilichen Befragung in einem Krankhaus verstarb, kam es im ganzen Iran zu spontanen Protesten und Aufmärschen.

Abseits der Hauptstadt Teheran und anderen Großstädten gingen vor allem in Aminis kurdischer Heimat die Menschen auf die Straße, um gegen die Regierung und ihre repressiven Vorschriften zu demonstrieren. Neben den zahlreichen Protestmärschen fanden in über zwanzig kurdischen Städten auch Generalstreiks gegen die Behördenwillkür statt, meldete die kurdische Menschenrechtsorganisation Hendaw.

Wut und Verzweiflung in Kurdestan

Schon nach der Beerdigung der jungen Frau in ihrer Heimatstadt Saqqez kam es zu Protesten, bei denen viele Frauen demonstrativ ihre Kopftücher ablegten. Binnen kürzester Zeit kam es in der gesamten Region zu großteils friedlichen Aufmärschen, die aber von den Sicherheitskräften immer wieder gewaltsam aufgelöst wurden.

So gab es laut der kurdischen Nachrichtenwebsite Rudaw in Saqqez schon am Samstag die ersten Verletzten. Fünf Personen mussten, zum Teil schwer verletzt, in Krankenhäuser eingeliefert werden. Wie Arsalan Yarahmedi, Leiter der Hengaw-Organisation für Menschenrechte, gegenüber Rudaw erklärte, seien »36 Menschen verletzt [worden], fünf [sind] weiterhin in kritischem Zustand und [mussten] operiert werden«. In Divandarreh nahmen Polizeikräfte Demonstranten sogar unter Beschuss, wobei mindestens zehn Menschen verletzt wurden.

Die kurdische Menschenrechtsorganisation Hendaw, die ihren Exil-Sitz in Norwegen hat, berichtet von mehreren hundert verletzten Demonstranten. Rebin Rahmani, Gründer des in Paris ansässigen Kurdistan Human Rights Network (KHRN), schätzt die Zahlen noch höher ein: »Mindestens 270 Menschen wurden verwundet und über 450 festgenommen«, meinte er gegenüber Rudaw. Auch Arsalan Yarahmedi ist überzeugt, dass die tatsächliche Zahl der verletzten Personen sehr viel größer ist, sich aber viele Menschen aus Angst vor einer möglichen Strafverfolgung medizinisch nicht behandeln lassen.

Zahlreiche Tote

Durch die brutalen Gegenmaßnahmen der iranischen Polizei, die körperliche Gewalt, Wasserwerfer, Tränengas, Schlagstöcke, aber auch Schusswaffen einsetzte, um die Demonstranten zu vertreiben, kamen bisher mindestens siebzehn Menschen ums Leben, zum Beispiel in der Stadt Oshnavieh, wo drei junge Protestierende starben, oder in Kermanshah, wo nach Zusammenstößen mit Sicherheitskräften zwei Demonstranten starben.

Die aufgewühlten Emotionen der Teilnehmer führten auch zu gewaltsamen Auseinandersetzungen mit den iranischen Sicherheitskräften, wie zum Beispiel in Sanandaj, der Hauptstadt der iranisch-kurdischen Provinz Kurdestan oder in Noshahr, wo am Mittwochabend vier Fahrzeuge der Sicherheitskräfte in Brand gesetzt wurden, wie Iran International berichtete.

In Schiras wurde laut der staatlichen Nachrichtenagentur Irna auch ein Polizist getötet und vier weitere verletzt. Die Nachrichtenagentur Tasnim meldete, in der nordöstlichen Pilgerstadt Maschhad sei versucht worden, einen Polizisten in Brand zu stecken, dem aber sofort zahlreiche Demonstranten mit Feuerlöschern zu Hilfe kamen. »Das Regime hatte nicht erwartet, dass der Tod einer Normalbürgerin aus der Provinz einen landesweiten Aufstand auslösen würde«, fasste der Iran-Experte Ali Fathollah-Nejad von der FU Berlin die Geschehnisse gegenüber der österreichischen Tageszeitung Die Presse zusammen.

Blockiertes Internet

Um den Informationsaustausch und die Organisation von Protestaufmärschen zu unterbinden, schränkte die iranische Regierung – wie schon so oft ­– den Zugang zum Internet und zu den sozialen Netzwerken drastisch ein. Damit will sie auch die Flut der ins Netz gestellten Videos stoppen, die zeigen, wie iranische Frauen sich die Haare abschneiden oder ihre Kopftücher abnehmen. In erster Linie möchte aber das Regime die Verbreitung von weiteren Filmaufnahmen verhindern, die prügelnde und wahllos in die Menge schießende Polizisten zeigen.

Wie der kurdische Sender Rudaw berichtete, erhielt er aus verschiedenen Städten des Landes unzählige Videos, die die brutalen Polizeiaktionen festhalten und auf denen auch der Einsatz scharfer Munition zu hören ist.

Aussicht

Es ist nicht anzunehmen, dass die Proteste im Lauf der nächsten Tage zu einem Ende kommen. Und es ist auch nicht anzunehmen, dass die iranischen Polizei- und Sicherheitskräfte weniger gewaltsam vorgehen werden – schon während des Schreibens dieses Artikels erhöhte sich laut internationalen Medienberichten die Zahl der getöteten Demonstranten von sechzehn auf siebzehn.

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