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Iran: Wo »Verhörjournalisten« Geständnisse herbeifoltern

Im Iran beteiligen sich Journalisten tatkräftig daran, die Freiheitsbewegung niederzuschlagen. (© imago images/ aal.photo)
Im Iran beteiligen sich Journalisten tatkräftig daran, die Freiheitsbewegung niederzuschlagen. (© imago images / aal.photo)

Im Iran beteiligen sich Jounalisten daran, mit Folter falsche Geständnisse zu erzwingen, über die sie dann, ganz professionell, berichten können.

Es gibt Parlamentarier, die glauben, iranische Parlamentsabgeordnete seien einfach Kollegen, wie es sie in anderen Ländern auch gibt, weswegen gar nichts dagegen spreche, sich gegenseitig Besuche abzustatten. Es gibt Akademiker, die glauben, Wissenschaftler an iranischen Universitäten und Forschungseinrichtungen seien nur Akademiker, mit denen man genauso unbelastet Kontakte pflegen könne – und darauf auch noch stolz sein dürfe – wie mit Wissenschaftlern aus anderen Ländern. Und es gibt Journalisten, die glauben, iranische Journalisten seien auch nichts anderes, als Kollegen aus anderen Ländern.

All dieses Leute zeichnet vor allem eine ungeheure Ignoranz gegenüber der Realität im Iran aus, in der Parlamentarier nur dann Parlamentarier, Wissenschaftler nur dann Wissenschaftler und Journalisten nur dann Journalisten sein und bleiben können, wenn sie der unmenschlichen Islamischen Republik unverdächtig oder zumindest kein Dorn im Auge sind.

Sepideh Gholian

Die deutsche Tageszeitung Die Welt veröffentlichte jetzt Übersetzungen aus den erschütternden Aufzeichnungen aus iranischer Haft, in denen die Journalistin Sepideh Gholian eine besondere Art iranischer Journalisten beschreibt: die »Verhörjournalisten«.

Gholian selbst befindet sich seit Jahren im Gefängnis. Sie hatte 2018 über Proteste von Gewerkschaftlern berichtet und war im Zuge ihrer Arbeit festgenommen worden. Im Gefängnis wurde sie beschimpft, sexuell bedroht und gefoltert, wie sie nach ihrer Entlassung auf Kaution auch gegenüber ausländischen Menschenrechtlern bestätigte. Kurz darauf wurde ihr Elternhaus von bewaffneten Sicherheitskräften gestürmt und sie selbst erneut in Haft genommen und wegen »Versammlung und Verschwörung gegen die nationale Sicherheit«, »Propaganda gegen den Staat«, »Mitgliedschaft in einer illegalen Vereinigung« sowie der »Veröffentlichung von Falschnachrichten« zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt.

Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte beschreibt, wie es ihr in Haft ergangen ist:

»Am 23. Juli 2021 wurde sie von Insassinnen angegriffen, angestachelt von der Gefängnisleitung. Sie schlugen auf sie ein und drohten ihr mit dem Tod, während das Wachpersonal nicht eingriff. Angeblich, um sie zu schützen, wurde Gholian im Anschluss in den Gefängnishof gebracht und bei glühender Hitze von 47 Grad über Stunden dort festgehalten.«

Aktuell ist Gholian im berüchtigten Evin-Gefängnis in Teheran inhaftiert. In ihren Aufzeichnungen aus dem Gefängnis, das sie als »Exil« bezeichnet, beschreibt Gholian, wie selbst hinter den dicken Mauern der Haftanstalt »die Schritte der Emanzipation und Befreiung aus dem ganzen Iran« zu hören seien. »Aber diese Stimmen mindern nicht die permanente Angst, die Furcht vor Folter, Hinrichtung und Unterdrückung.«

Viele der Verurteilungen von Oppositionellen basieren auf »Geständnissen«, die mit grausamer Folter erzwungen wurden. Aus Gholians Schilderung lässt sich erahnen, dass unklar ist, was schlimmer ist: Die physische Gewalt, die die Häftlinge am eigenen Leib erfahren, oder die psychische, die auf sie ausgeübt wird, wenn stundenlang andere Häftlinge die Schmerzensschreie mitanhören müssen, die gefoltert werden.

Die erzwungenen, falschen Schuldbekenntnisse werden in staatlichen Medien verbreitet, aber nicht etwa, weil jemand den abstrusen Selbstbeschuldigungen Glauben schenken würde, sondern um Angst zu verbreiten: Das Regime will der Bevölkerung demonstrieren, es könne jeden Menschen so brechen, dass er oder sie bereit ist, buchstäblich alles zu gestehen.

Journalisten erledigen Drecksarbeit

Ein Teil der falschen Geständnisse im Iran wird von Leuten erwirkt, die Gholian »Verhörjournalisten« nennt. Dabei handelt es sich um Journalisten, die sich am Verhör und der Folter von Gefangenen mit dem Ziel beteiligen, falsche Geständnisse zu erzwingen, die sie dann in ihren Medien verbreiten können.

Im Fall von Gholian handelte es sich um eine Frau, die sie brach. Sie war bekannt dafür, noch brutaler zu »verhören« als andere. »Mit ein paar Seiten Geständnis ist sie nicht zufrieden. Sogar einzelne Wörter bemängelt sie. Sie will, dass ich das gestehe, was in ihrem Kopf ist – sie will ihre Geschichte.« Nach mehreren Tagen der Misshandlung fühlte sich Gholian,

»als hätte ich meine Willenskraft und mein Bewusstsein vollständig verloren. Ich nehme den vorbereiteten Text von Frau Askari und lese ihn halb bewusst vor der Kamera ab. Bei jeder Zeile kommt es mir vor, als ob eine Peitsche meinen Körper und meine Seele trifft.«

Später sah Gholian im Fernsehraum des Gefängnisses ein Zwangsgeständnis wie das ihre, präsentiert von genau derselben hier als Journalistin auftretenden Frau. Als sie dabei den richtigen Namen ihrer Peinigerin erfuhr, legte Gholian Beschwerde gegen sie ein – und wurde wegen »Beteiligung an der Verbreitung von Nachrichten über erzwungene Geständnisse« ohne Verfahren zu weiteren acht Monaten Gefängnis verurteilt.

Die Demonstranten »von ihren Illusionen abbringen«

Seit Beginn der Massenproteste gegen das Regime vor fast vier Monaten erhalten Geschichten wie die von Sepideh Gholian international erstmals Gehör von einer Öffentlichkeit, die bisher vielfach die Augen vor der Grausamkeit der Islamischen Republik verschloss. Politiker übernehmen Patenschaften für zum Tod verurteilte Demonstranten in der Hoffnung, die internationale Aufmerksamkeit könne dazu beitragen, eine Vollstreckung der Urteile zu verhindern.

Aber immer noch gibt es Menschen, die glauben, den Demonstranten im Iran sei am besten damit geholfen, wenn man ihnen die sofortige Kapitulation vor der Gewalt des Regimes empfiehlt. In der Kleinen Zeitung etwa schreibt Hans Winkler, man müsse den jungen Menschen im Land »klarmachen, dass sie mit keiner Hilfe von außen rechnen können. So sind sie vielleicht von der Illusion abzubringen, sie könnten die Herrschaft der Religionsgelehrten stürzen.« Das sei zwar »bitter für sie, bewahrt sie aber hoffentlich davor, weitere Opfer für eine verlorene Sache zu bringen«. Die Mullahs könnten nicht gestürzt werden, Punkt.

Würde Winkler den iranischen Regimegegnern zuhören, statt sie auf deren Kosten zu bevormunden, so wüsste er, dass sie sich gar nicht erwarten, jemand von außen werde die Islamische Republik zu Fall bringen. Der Sturz des Regimes, das werden sie nicht müde zu erklären, ist Angelegenheit der iranischen Bevölkerung. Alles, was sie vom Ausland fordern, ist, ihre Peiniger nicht weiter so zu unterstützen, wie sie es bisher getan haben.

Ob die Islamische Republik wirklich bald stürzt, wird sich weisen, aber eines wissen wir schon jetzt: Immer schon haben die Diktaturen dieser Welt auch davon profitiert, dass es Menschen wie Winkler gegeben hat, die deren Herrschaft für unveränderlich hielten, jeden Widerstand für zwecklos, ja, geradezu kontraproduktiv erklärten und jeden Gedanken an ein anderes Leben als »Illusion« verhöhnen. Niemand wird sonderlich überrascht sein, wenn Winkler alsband wieder fordern wird, mit den Henkern der iranischen Bevölkerung einen »konstruktiven Dialog« zu führen.

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