Schrotmunition, Vergewaltigungen und Todesurteile: Die Berichte aus dem Iran über die Gewalttaten des Regimes bei der Niederschlagung der Proteste von Anfang Januar reißen nicht ab.
Im Auftrag der britischen Tageszeitung Guardian und der Faktencheck-Plattform Factnameh haben Experten mehr als 75 Sätze medizinischer Bilder – hauptsächlich Röntgenaufnahmen und CT-Scans – analysiert, die dem Guardian von einem Krankenhaus in einer iranischen Großstadt zur Verfügung gestellt wurden und im Laufe eines einzigen Abends während der Niederschlagung der Proteste im Januar entstanden sind.
Die Bilder wurden von einem Expertengremium aus Gesundheits- und Ballistikspezialisten außerhalb des Irans begutachtet, darunter ein Notfallmediziner, ein Radiologe und ein Spezialist für Traumabildgebung, so die Zeitung. Auch ein unabhängiger iranischer ehemaliger Notfallmediziner untersuchte die Bilder. Er bestätigte, dass die verwendete Aufnahmesoftware mit der im betreffenden Krankenhaus eingesetzten Software übereinstimmt und keine Anzeichen von Manipulation aufweist.
Die Bilder zeigen zahlreiche schwere Schussverletzungen im Gesicht, am Oberkörper und im Genitalbereich der Patienten, die offenbar durch Metallkugeln (»Birdshot«) sowie Hochgeschwindigkeitsgewehrkugeln verursacht wurden. Bei genanntem »Birdshot« handelt es sich um Schrotmunition, die üblicherweise für die Jagd auf Vögel oder Kleintiere verwendet wird. Von ebenfalls bei Demonstrationen oft eingesetzten Gummigeschossen unterscheidet sich diese Munition deutlich: Während Gummiprojektile in der Regel einzeln verschossen werden, enthält eine »Birdshot«-Patrone Dutzende bis Hunderte kleiner Metallkügelchen. Beim Abfeuern verlassen sie nahezu gleichzeitig den Lauf der Schrotflinte und verteilen sich mit zunehmender Distanz über eine größere Fläche.
Gerade auf kurze Entfernung kann diese Munition jedoch besonders verheerend wirken. Da die Kügelchen den Lauf noch dicht gebündelt verlassen, treffen sie in hoher Konzentration auf den Körper. Statt einer einzelnen Eintrittswunde entstehen zahlreiche, teils tiefliegende und komplexe Verletzungen. Die Projektile können sich im Gewebe verteilen und sind häufig nur schwer vollständig zu entfernen. Medizinisch problematisch ist dabei nicht nur die Vielzahl der Wunden, sondern auch das Risiko schwerer Komplikationen. Treffer im Gesicht, am Hals oder im Brustbereich können lebenswichtige Organe schädigen, starke Blutungen auslösen oder dauerhafte Folgen wie Erblindung und Nervenschäden nach sich ziehen. Zudem erhöhen im Körper verbliebene Metallfragmente das Risiko von Infektionen und langfristigen Beschwerden.
Kindern müssen Augen entfernt werden
Einige der Verletzten hatten zahlreiche kleine Metallkugeln im Schädel- oder Brustbereich, was auf den Einsatz von Schrotmunition in sehr kurzer Distanz hindeutet. Andere Aufnahmen zeigen massive Wunden durch Hochgeschwindigkeitsgeschosse, etwa im Gehirn, in der Nähe der Wirbelsäule oder im Halsbereich. Experten bezeichnen diese Verletzungsmuster als außergewöhnlich brutal und betonen, dass sie eher an Kriegsverletzungen als an polizeiliche Maßnahmen erinnern.
Medizinische Gutachter kamen zu dem Schluss, dass viele der Verletzungen schwerste dauerhafte Schäden – etwa Blindheit, lebensbedrohliche Blutungen oder bleibende Behinderungen – zur Folge haben könnten. Die Analyse legt nahe, dass Regionen wie Gesicht, Brust und Genitalbereich gezielt getroffen wurden, was auf einen Einsatz der Waffen mit dem expliziten Ziel der Verursachung schwerer Schäden schließen lässt.
Die Röntgenaufnahmen liefern laut dem Zeitungsbericht weitere Beweise für die Aussagen von Ärzten vor Ort, die die Verletzten behandeln. »Sie berichten von katastrophalen Verletzungen. Viele geben an, Dutzende von Operationen durchgeführt zu haben, um den Getroffenen, darunter auch Jugendlichen und Kindern, die Augen zu entfernen.«
Ein Arzt, der in dem Bericht des Guardian mit dem Pseudonym »Dr. Ahmad« bezeichnet wird, gibt die Aussage eines Chirurgenkollegen wieder, der eine sehr große Anzahl von gravierenden Augenverletzungen behandelt hat. Seine jüngste Patientin war ein vierzehnjähriges Mädchen, das von ihren Eltern und ihrem Bruder eingeliefert wurde. »Ihr Gesicht war blutüberströmt, und ihr jüngerer Bruder zitterte am ganzen Körper.« Die Eltern berichten, dass die Familie an einer Demonstration teilgenommen hatte, als Sicherheitskräfte vom Dach eines Wohnhauses aus das Feuer eröffneten. »Sie wurde direkt ins linke Auge getroffen, was verheerende Schäden verursachte. Die Verletzung war so schwerwiegend, dass das Auge nicht mehr zu retten war und operativ entfernt werden musste.«
»Dr. Ahmad« berichtet von Gesprächen mit Kollegen im ganzen Land, die von einem wiederkehrenden Muster gezielter Schussverletzungen berichten, bei denen vor allem auf Augen und Herz, seltener auf den Genitalbereich gezielt wurde. Zu den häufigen Folgen zählen durchdringende Augenverletzungen, Risse des Augapfels, starke Blutungen im Augeninneren, Schäden an der Netzhaut sowie bleibende Sehbeeinträchtigungen bis hin zur Erblindung. Das Verletzungsmuster deute stark auf die Absicht hin, dauerhafte Behinderungen herbeizuführen, und nicht auf unbeabsichtigten Schaden, so »Dr. Ahmad«. Es sei schwer mit wahllosen Schüssen in chaotischen Situationen vereinbar und deute vielmehr auf gezielte Angriffe auf lebenswichtige und symbolisch bedeutsame Körperteile hin.
Ein anderer Arzt im Iran, dessen Identität und medizinische Qualifikationen vom Guardian bestätigt wurden, berichtet, dass das Alter der Patienten in der Notaufnahme vom Kleinkind- bis zum Seniorenalter reichte. »Sie kamen mit Schusswunden und Schrotkugeln an verschiedenen Körperstellen – Brust, Bauch, Gliedmaßen, Genitalien … im Grunde am ganzen Körper. Verletzungen durch scharfe Munition von Pistolen und AK-47«, sagt er. Unter den älteren Menschen war eine Großmutter Mitte sechzig, die von ihrer Familie gebracht worden war. Sie war ins Kreuzfeuer der Gewalt geraten, als sie versuchte, ihre Enkelin hochzuheben, und wurde aus nächster Nähe von einer Schrotflinte getroffen. »Die Kugeln hatten sich über ihren ganzen Körper verteilt«, sagt der Arzt. Das Personal unternahm zwei Reanimationsversuche, doch die Frau starb.
Für das Regime keine Menschen
Gefangene, die im Verdacht stünden, an den Demonstrationen gegen das Regime teilgenommen zu haben, werden laut einer iranischen Quelle gegenüber dem amerikanischen Nachrichtensender News Nation täglich von Gruppen militanter Polizisten hinter Gittern terrorisiert, vergewaltigt und getötet. Iranische Polizisten würden inhaftierte Demonstrantinnen in Gruppen vergewaltigen und anschließend ihre Gebärmutter entfernen, um die grausame Folter zu vertuschen, bevor sie ihre leblosen Körper zu ihren Familien nach Hause schicken, berichtete ein aus dem Iran geflohener Zeuge.
»Sie vergewaltigen Männer und Frauen im Gefängnis. Sie werden täglich von einer Gruppe Polizisten vergewaltigt. Wir sind für das Regime keine Menschen. Sie reißen ihnen die Nägel aus. Sie beißen sie. Die Verhafteten bekommen nichts zu essen. Sie werden jeden Tag im Gefängnis von der Regierung umgebracht.«
Ein iranischer Flüchtling berichtete dem Medium außerdem, dass er und andere Inhaftierte von maskierten Männern unter Waffengewalt vergewaltigt und zu Sexsklaven gemacht worden seien, die wegen ihrer abweichenden Überzeugungen verspottet würden. Einige weibliche Gefangene seien verstümmelt worden, um den barbarischen sexuellen Missbrauch zu vertuschen. »Einigen der Frauenleichen, die ihren Familien übergeben wurden, fehlte die Gebärmutter, damit die Verbrechen nicht nachverfolgt oder untersucht werden konnten«, sagte der Flüchtling.
Todesurteile im Eilverfahren
Die Menschenrechtsorganisation Iran Human Rights (IHRNGO) erhielt mehrere Berichte, wonach verletzte Demonstranten in Haft durch einen »Gnadenschuss« getötet worden seien oder ihnen absichtlich medizinische Behandlung verweigert worden sei, was zu ihrem Tod geführt habe. Darüber hinaus liegen IHRNGO glaubwürdige, aber noch unbestätigte Berichte vor, wonach in mehreren Gefängnissen bereits heimlich Hinrichtungen von Gefangenen stattgefunden hätten. Die Organisation untersucht diese Berichte derzeit.
Ein Revolutionsgericht in Teheran hat nach Angaben aus dem Umfeld eines Angeklagten ein Todesurteil gegen einen Demonstranten namens Mohammad Abbasi verhängt. Der Vorwurf lautet auf »Feindschaft gegen Gott«, eine Anklage, mit der jegliche Regimegegner zum Tode verurteilt werden können. Abbasis Tochter soll zu 25 Jahren Haft verurteilt worden sein, ebenfalls wegen ihrer Teilnahme an den Protesten.
Seit der gewaltsamen Niederschlagung der Proteste sollen mindestens 26 Demonstranten zum Tode verurteilt worden sein. Hunderte weitere, darunter Kinder, sind von der Todesstrafe bedroht. Die tatsächliche Zahl könnte deutlich höher sein, denn gleichzeitig werden die Angeklagten und ihre Familien unter Druck gesetzt und bedroht, um sie daran zu hindern, ihre Fälle öffentlich zu machen.
Am 16. Februar bekräftigte der Justizchef die Anweisung, »die Hauptverantwortlichen für die Unruhen und terroristischen Akte zu verfolgen und zu bestrafen« und »entschlossen und ohne jegliche Milde« vorzugehen. In einer Pressekonferenz am darauffolgenden Tag gab der Justizsprecher bekannt, dass im Zusammenhang mit den landesweiten Protesten 8.843 Anklagen erhoben worden seien. IHRNGO appelliert an die Weltöffentlichkeit, durch politischen Druck und anhaltende, koordinierte Kampagnen die politischen Konsequenzen dieser Todesurteile zu erhöhen.
Der Direktor der Organisation Mahmood Amiry-Moghaddam, erklärte: »Die Gefahr von Massenhinrichtungen inhaftierter Demonstranten ist real und unmittelbar. Diese Todesurteile basieren auf unter Folter erpressten Geständnissen und werden in Verfahren gefällt, die keinerlei Ähnlichkeit mit fairen Gerichtsverfahren aufweisen. Die Machthaber scheinen entschlossen, die Massentötungen von Demonstranten fortzusetzen, diesmal hinter Gefängnismauern. Die internationale Gemeinschaft muss dringend und entschlossen handeln, um diese Hinrichtungen zu stoppen. Der Schutz der inhaftierten Demonstranten muss in jedem Dialog und in allen Verhandlungen mit der Islamischen Republik höchste Priorität haben.«
Das Mullah-Regime ist der große Menschenzerstörer. Gleich nach seiner Machtergreifung im Jahr 1979 begannen die Massenhinrichtungen. Dann wurden im Krieg gegen den Irak Zehntausende Kinder in die Minenfelder geschickt. Angesichts der Proteste im Januar verübte es Massenmord an der eigenen Bevölkerung. Die Ajatollahs haben Freude daran, möglichst viele Menschen zu töten und zu verstümmeln. Ihre Gefängnisse, in die sie die Unschuldigen sperren, sind seit langem als Orte bekannt, wo die Gefangenen vergewaltigt werden. Hinter der offiziellen Fassade der »Tugend« lauern Sadismus und sexuelle Perversion: Wenn eine Frau zu viel Haar zeigt, soll das eine Sünde sein – Vergewaltigung aber ist in den Augen der Theokratie offenbar keine Sünde. Und Mord sowieso nicht.






