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Iran: Präsident Raisis vorhersehbarer TV-Auftritt

CBS-Reporterin Lesley Stahl vor ihrem Interview mit Irans Präsidenten Ebrahim Raisi (© Imago Images / ZUMA Wire)
CBS-Reporterin Lesley Stahl vor ihrem Interview mit Irans Präsidenten Ebrahim Raisi (© Imago Images / ZUMA Wire)

Dass sich die Reporterin Leslie Stahl und danach die internationalen Medien von den Äußerungen des iranischen Präsidenten über den Holocaust überrascht zeigten, ist lächerlich.

Ruthie Blum

Der Wirbel um die im Zuge eines Interviews, das am Sonntag in der CBS-Nachrichtensendung »60 Minutes« ausgestrahlt wurde, getätigten Äußerungen des iranischen Präsidenten Ebrahim Raisi über den Holocaust ist rätselhaft. Wer erwartet hat, dass das radikale politische Aushängeschild der von den Mullahs regierten Islamischen Republik die Taten des Dritten Reichs anerkennt bzw. anprangert – wo doch sein Regime kein Hehl daraus macht, die von Adolf Hitler begonnene Arbeit zu Ende bringen zu wollen –, lebt in einem Paralleluniversum.

Nichtsdestotrotz machte der kurze Exkurs, den er mit der Korrespondentin Lesley Stahl zu diesem Thema hatte, international Schlagzeilen und wurde breit in den sozialen Medien verbreitet. Auf Stahls Frage, ob er glaube, »dass der Holocaust stattgefunden hat, dass sechs Millionen Juden abgeschlachtet wurden«, antwortete Raisi: »Sehen Sie, historische Ereignisse sollten von Forschern und Historikern untersucht werden. Es gibt einige Anzeichen dafür, dass dies geschehen ist. Wenn dem so ist, sollte es zugelassen werden, dass das untersucht und erforscht wird.«

Wenig Bemerkenswertes

Das einzig Bemerkenswerte an Raisis Aussage war seine Bereitschaft, überhaupt »einige Anzeichen, dass es passiert ist«, zuzugestehen. Es war fast schon amüsant, als Raisi vorschlug, die Sache solle »untersucht und erforscht« werden.

Als ob Raisi keine Ahnung hätte, dass der Holocaust seit Jahrzehnten untersucht und von Historikern und Überlebenden bestätigt wird. Und als ob seine Vorbilder, die Ayatollahs, nicht darauf erpicht wären, den Holocaust zu wiederholen, wenn auch auf islamistische Weise: zunächst durch terroristische Stellvertreterorganisation in Syrien, im Libanon, in der Westbank und im Gazastreifen, und schließlich mit Atomwaffen.

»Sie sind sich also nicht sicher. Ich verstehe, dass Sie sich nicht sicher sind«, sagte Stahl leise und wie bedacht darauf, bei ihrem Gesprächspartner keine Reue darüber aufkommen zu lassen, dem Befragung durch eine Frau zugestimmt zu haben. »Was ist mit dem Existenzrecht Israels?«, fragte sie anschließend. Hier zögerte Raisi nicht und mäßigte sich auch nicht bei seiner Antwort. So weigerte er sich, den Namen des jüdischen Staates auch nur auszusprechen, der im Visier des massiven iranischen Waffenarsenals steht, sowohl durch der Islamische Republik selbst als auch durch ihre Stellvertreter an den Grenzen Israels.

»Sie sehen, das Volk von Palästina ist ein Faktum«, sagte er. »Das ist das Recht des palästinensischen Volkes, das gezwungen wurde, seine Häuser und sein Vaterland zu verlassen. Die Amerikaner unterstützen dieses falsche Regime, um dort Wurzeln zu schlagen und sich zu etablieren.« Stahl versäumte es, Raisi daran zu erinnern, dass die alte Heimat des jüdischen Volkes 1948 zu einem Staat wurde, zwölfeinhal Jahre bevor der iranische Präsident auch nur geboren wurde. Stattdessen berief sie sich auf das Abraham-Abkommen.

»Sie wissen, dass Marokko, Bahrain, Sudan und die Vereinigten Arabischen Emirate Israel anerkannt haben und Beziehungen zu dem Land unterhalten. Und es heißt, dass Saudi-Arabien auch direkt mit Israel spricht«, führte sie aus. »Ich frage mich, ob Sie sich dazu äußern wollen.« Das tat Raisi auch: »Wenn ein Staat dem zionistischen Regime [Israel] die Hand reicht, dann ist er auch ein Komplize von dessen Verbrechen«, erklärte er sachlich. »Und er fällt der Sache Palästinas selbst in den Rücken.«

Im Gefühl dieses Thema sowie die wieder einmal ins Stocken geratenen Atomverhandlungen zu sehr strapaziert zu haben, wandte Stahl sich dann dem ehemaligen Kommandeur der Quds-Truppen des Korps der Islamischen Revolutionsgarden, Generalmajor Qassem Soleimani, zu, der am 3. Januar 2020 bei einem US-Luftangriff im Irak getötet wurde. »Beabsichtigen Sie, Vergeltung zu üben, indem Sie Beamte der [ehemaligen] Trump-Regierung ermorden?«, fragte Stahl den iranischen Präsidenten.

Raisi bezeichnete das Attentat auf Soleimani als »abscheuliches Verbrechen« und antwortete: »Wir wollen, dass der Gerechtigkeit Genüge getan wird. Wir werden das nicht vergessen.« Als Stahl ihn darauf ansprach, was er damit meinte, ob er zum Beispiel das »Auge-um-Auge-Prinzip im Sinn habe, kehrte Raisi in den Leugnungsmodus zurück. »Das ist die Art von Aktionen, die die Amerikaner und das zionistische Regime in der Welt durchführen«, meinte er. »Wir werden nicht die gleichen Aktionen durchführen.«

Kaum Kritik

Die meisten von Stahls Kritikpunkten, wenn man ihre vorsichtig formulierten Ausführungen überhaupt so nennen kann, waren für die Einspielungen zwischen den Frage-und-Antwort-Blöcken reserviert. Dazu gehörte die Erwähnung amerikanischer Geiseln, die Verhaftung von Dissidenten und der Fall der 22-jährigen Mahsa Amini, die vor einer Woche von der iranischen Moralpolizei zu Tode geprügelt wurde, weil sie ihre Haare nicht richtig verschleiert hatte.

Apropos Verschleierung: Leslie Stahl trug für das Interview, das im Präsidentenpalast in Teheran aufgezeichnet wurde, selbst einen Hidschab. Fairerweise muss man der prominenten Journalistin zugestehen, dass ihr das Interview nicht gewährt worden wäre, hätte sie sich nicht an eine Reihe von Regeln gehalten. Wie sie dem Publikum erklärte, war sie angewiesen worden, was sie anziehen, wie sie Raisi ansprechen und wann sie sich nach seiner Ankunft niedersetzen sollte. Doch sie übertrieb es mit ihrer Freundlichkeit auf eine westliche Art und Weise, die nicht gut ankam.

»Hi, ich bin Leslie«, sagte sie freundlich, als Raisi den Raum betrat. Zu ihrer Verlegenheit war er sichtlich unbeeindruckt. Offensichtlich ist sie es nicht gewohnt, die kalte Schulter gezeigt zu bekommen, schon gar nicht von einem Mann, der einen der begehrten Interviewtermine in ihrer Sendung ergattern konnte. Mit anderen Worten: In Ermangelung feministischer Schlauheit war Stahl nicht in ihrem Element. Raisi hingegen fühlte sich pudelwohl.

Dies wurde deutlich, als die Crew begann, ihre Ausrüstung zusammenzupacken. Stahl beschrieb die unangenehme Szene wie folgt: »Als wir ein scheinbar herzliches Gespräch beendeten, wurden wir überrascht, als ein Mitarbeiter von Raisi dazwischen griff und einen unserer Kameraleute daran hinderte, unsere Verabschiedung zu filmen. Das Telefon eines anderen Kameramanns wurde konfisziert und zweieinhalb Stunden lang von den Sicherheitskräften des Präsidenten behalten.

Dies ist eine perfekte Metapher für die völlige Entfremdung zwischen den von den USA angeführten Ländern, die den Atomdeal unterzeichnet haben (P5+1), und dem Terrorregime: Sie versuchen immer wieder, dem Iran mit einer sinnlosen und gefährlichen Diplomatie gegenüberzutreten. Dass Leslie Stahl und ihr Team von dem gewalttätigen Verhalten ihrer Gastgeber »überrascht« waren – und das, weil sie doch ein »herzlichen Gespräch« geführt hätten –, ist ebenso lächerlich wie die Reaktion der Medien auf Raisis Holocaust-Äußerungen.

Ruthie Blum ist eine in Israel lebende Journalistin und Autorin von To Hell in a Handbasket: Carter, Obama, and the Arab Spring. (Der Artikel erschien auf Englisch beim Jewish News Syndicate. Übersetzung von Alexander Gruber.)

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